Der Vollzeitmann: Von Ratten und Wölfen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Vollzeitmann Von Ratten und Wölfen

Maik hat einen Fehler gemacht, er war mit einem Kollegen, einer menschlichen Ratte, im Thai-Puff. Dabei hat er vorher noch nie in seinem Leben für Sex bezahlt. Jetzt fühlt sich der verheiratete Familienvater, der sich bislang als Wolf verstand, plötzlich sehr erpressbar.
Tänzerin in einem Nachtclub: Maik war die Thai-Nummer unendlich peinlich
Tänzerin in einem Nachtclub: Maik war die Thai-Nummer unendlich peinlich

Tänzerin in einem Nachtclub: Maik war die Thai-Nummer unendlich peinlich

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Nimm mal die Rufumleitung raus!", hörte Maik den Kollegen aus dem Nachbarbüro rufen. Ulrike war am Apparat: "Ich wollte dir nur einen wunderschönen Tag wünschen! Was machst du gerade?" "Viel Arbeit", antwortete Maik knapp.

Er hatte gerade schon den Verlust seines Handys angezeigt und seine SIM-Karte sperren lassen. Er wollte auf gar keinen Fall noch mal diesen Thai-Puff aufsuchen, um nach dem Gerät zu fahnden. Eigentlich war es auch ganz angenehm ohne Handy. Er hatte eine uralte Keule von Mobiltelefon reaktiviert, groß, klobig, aber funktionstüchtig.

Maik saß am Rechner und skizzierte einen japanisch anmutenden Steingarten. Seine geraden Linien waren wieder im Kommen. Die Entwürfe, die so wunderbar komplex aussahen, gingen ihm blitzschnell von der Hand. Die Kunst bestand darin, die eigene Arbeit zu inszenieren. Man durfte nie sagen, dass es schnell und einfach ging, sondern musste stets betonen, wie viele unglaubliche Hürden zu nehmen waren, wie anstrengend, ja fast unmöglich die Aufgabe war.

Lehmann hatte ihn in der Hand

Lehmann war noch nicht aufgetaucht. Maik musste mit ihm reden, sofort. Denn Lehmann hatte ihn in der Hand. Er wusste als einziger, was wirklich passiert war. Maik war die Thai-Nummer unendlich peinlich. Er hatte noch nie in seinem Leben für Sex bezahlt. Warum auch? War ja überall umsonst zu haben.

Es gab zwei Sorten von Männern: die Ratten und die Wölfe. Lehmann war eine Ratte. Klar: Wer sich das Selbstbewusstsein von einer Organisation leihen muss, ganz egal, ob Betriebsrat, Fußballklub oder Schützenverein, der war völlig anders sozialisiert als ein Wolf.

Ratten hatten gelernt, sich ihrer Organisation vollständig anzupassen. Dem Aufstieg in dieser Hierarchie ordneten sie alles andere unter. Lehmann wollte Maik in den Betriebsrat quatschen, um seine eigene Position zu verbessern, und nicht, weil er Maik so nett fand.

Maik glaubte an Wölfe

Durch die Thai-Aktion hatte Lehmann Maik nun in der Hand, und er wusste das. Maik könnte den einfachen Weg gehen und einfach mitmachen im Betriebsrat. Dort waren die üblichen Funktionärsmurkel zugange. Er wäre der Exot, dem sie womöglich mal zuhören würden. Aber es würde Zeit kosten und Nerven.

Maik glaubte nicht an Betriebsräte. Er glaubte an Wölfe, starke, autonome Wesen, die ihr eigenes Revier verteidigten und sich mit anderen starken Wölfen arrangierten. Miteinander war das Ergebnis von Gegeneinander plus Respekt, ganz gleich, ob zwischen Mann und Frau oder Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Lehmann hatte hinter seinen Schreibtisch einen vergilbten Zeitungsausriss gepinnt, Text: "Die Ehe fordert eine Gewährung in ehelicher Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen." So begründete der Bundesgerichtshof 1957 die eheliche Pflicht zum Sex. Ein Mann hatte gegen seine offenbar lustlose Frau geklagt.

Wer will schon eingeklagten Sex?

Maik wusste bis heute nicht, was Lehmann mit dem Zettel sagen wollte: Dass Frauen frigide sind? Dass Männer Rechte haben? Aber wer will schon eingeklagten Sex? Dann lieber gar keinen. Oder überraschenden. So wie heute Morgen mit Ulrike. Da hatte sie mal keine Gleichgültigkeit zur Schau getragen wie sonst fast durchgängig in den letzten Jahren.

Vielleicht sollte er sich ab sofort jede Nacht überfallen lassen.

Ulrikes krankhafte Eifersucht stand in einem erbärmlichen Kontrast zu ihrem sexuellen Desinteresse. Kein Vorwand war ihr blöd genug gewesen. Vom Knöchelschmerz bis zum Tinnitus, von allgemeiner Traurigkeit bis zum Hüftknarzen reichte die Palette der schlechten Ausreden.

Bisweilen hatte Maik das Gefühl, mit einem Eishockey-Profi im Bett zu liegen, der nach dreiundzwanzig Dienstjahren keinen heilen Knochen mehr im Leib trug. Aber es war seine Frau Ulrike. Dass sie ausgerechnet heute Morgen weit überdurchschnittlichen Bedarf gezeigt hatte, musste mit dem Überfall zu tun haben, der keiner war. Die Angst um ihn war ausnahmsweise mal stärker gewesen als die Gewichtsprobleme, die sie bei allem lähmten, was mit Leben zu tun hatte.

Mit der heimischen Sexlosigkeit arrangiert

Vielleicht hatte sie sich heute Nacht vorgestellt, wie das Leben ohne ihn sein würde. Und war zu keinem besseren Ergebnis als dem Status quo gekommen. Kaum anzunehmen, dass sie nun wieder regelmäßiger bereit läge. Maik gab sich keinen Illusionen hin. Er hatte sich mit der heimischen Sexlosigkeit arrangiert, die ja offenbar ziemlich verbreitet war, wie jede Woche eine neue Statistik belegte. Insofern war ihre Ehe nicht untypisch, sondern im Gegenteil schrecklich normal.

Warum nur war der Sex so kompliziert geworden?

Bei Tieren war es die einfachste Sache der Welt. Maik verstand nicht ganz, warum so viele Menschen offenbar freiwillig auf Sex verzichteten. Welche Welt war denn die bessere? Die, in der viel gekörpert wurde? Oder die andere?

Maik brauchte Sex wie Essen, Trinken, Atmen. Er wollte auch keine Problemgespräche darüber führen; es galt die Regel: Sobald man theoretisierte, war der Zauber dahin.

Maik brauchte keinen Kerzenschein, keinen Champagner, keine ausgefallenen Techniken, sondern einfach die gemeinsame Bereitschaft, zusammen Spaß zu haben, auch mal nur zwei Minuten, aber am besten dreimal am Tag. Manchmal sehnte er sich nach der erotischen Schlichtheit des guten alten Ostens.

Einfacher gerader Sex wie in der Legende von Paul und Paula - das war doch das Paradies.


Lesen Sie am Sonntag auf SPIEGEL ONLINE: Lars und die Panik vor dem Altern