Design-Skandal: "Chappals" und "Roberts"
Streit über Designer-Schuhe Alltagslatschen gegen Luxussandalen
Viele Pakistaner staunten nicht schlecht, als das Angebot aus dem Online-Shop des britischen Modedesigners Paul Smith im Internet die Runde machte : Schwarze Sandalen sahen sie da, mit Ledersohle, für sagenhafte 398 Euro. "Robert Sandals" heißt das Modell, das ihnen doch so vertraut ist. Nur die Verzierung in Neonrosa am Schuhrand ist etwas, nun ja, gewöhnungsbedürftig.
Aber ansonsten handelt es sich um etwas, das ihnen allzu bekannt vorkommt: Es sind schlichte "Chappals", Sandalen also, die vor einigen hundert Jahren irgendwo zwischen Peschawar und Charsadda, im Nordwesten des heutigen Pakistan, entworfen wurden. Paschtunen tragen sie besonders gerne, aber auch andere Pakistaner und Afghanen. Sie sind allgegenwärtig. Man sieht sie an den Füßen von Arbeitern und Professoren, bei Soldaten, die sie zur Uniform tragen, und bei den Taliban, die gerne das Modell mit Sohle aus Autoreifen wählen. Mal sind sie aus Plastik, mal aus feinstem Leder, und je nach Qualität kosten sie umgerechnet zwischen zwei und zwanzig Euro.
Umso erstaunlicher finden viele, dass Smith ein Schuhmodell in seiner Kollektion hat, das durch Bequemlichkeit besticht, nicht durch Design. Kritiker bemängelten nicht nur den hohen Preis, sondern auch, dass Smith nicht angegeben hatte, von wem er sich bei dem Entwurf inspirieren ließ. Dabei gilt Smith als einer der erfolgreichsten Designer Großbritanniens, als einer, der selbst weltweit kopiert wird und der auf seiner Webseite um Hinweise bittet, wenn jemand gefälschte Produkte mit seinem Markenlogo sichtet.
"Mehr Patente , um unsere Produkte zu schützen"
Viele pakistanische Twitterer griffen das Thema mit Humor auf, andere zeigten sich entrüstet. Manche posteten Fotos von ihren Sandalen, andere verlangten von Smith, er möge doch bitte zugeben, dass er die Idee gestohlen habe. "Hätte ich gewusst, dass man damit so viel Geld verdienen kann…", bedauerte ein Twitter-Nutzer. Ein anderer schrieb: "Ahnte nicht, dass wir Paschtunen so modebewusst sind!" Oder: "Wir sollten viel mehr Patente , um unsere Produkte zu schützen." Auch pakistanische Zeitungen griffen den Designklau auf. "Bei allem Ernst, Mister Smith, ist 'Robert' alles, was Ihnen dazu einfiel?", fragte die Zeitung "Dawn". Dabei seien die Schuhe doch Bestandteil der "nationalen Identität".
Auf der Webseite der "Express Tribune" bloggte die Schriftstellerin Bina Shah, die Form der Sandalen sei zwar kein geistiges Eigentum der Paschtunen. "Aber hier hätte ein Hinweis hingehört", forderte sie. Noch besser, so Shah, wäre gewesen, wenn Smith die Schuhe von lokalen Schuhmachern hätte fertigen lassen. "Das hätte die lokale Wirtschaft gestärkt und wäre ein tolles Beispiel gewesen für britisch-pakistanische Handelsbeziehungen."
Ein Grund für die lautstarken Kommentare dürfte auch sein, dass Pakistaner es meist nur umgekehrt kennen: Sonst sind sie es, denen vorgeworfen wird, Dinge zu kopieren. Hollywood-Spielfilme, Bücher, Parfums, Uhren - von allem gibt es billige Raubkopien. Dass jetzt ein so renommierter Modemacher aus dem Westen eines ihrer Produkte offensichtlich nachmacht und dann auch noch für das Vielfache des in Afghanistan und Pakistan üblichen Preises verkauft, macht sie auch ein bisschen stolz. "Werde ab jetzt meine Sandalen mit größerem Stolz tragen", twitterte einer.
Designer Smith ließ die Sache nicht lange auf sich beruhen. Als er von der Debatte um seine "Robert Sandals" hörte, entfernte er in seinem Internetauftritt den Modellnamen "Robert Sandals". Sie heißen jetzt einfach "schwarze hochglänzende Ledersandalen". Und dann folgt ein Nachsatz, der die Paschtunen jubeln lässt: "Inspiriert von den Peshawari Chappal" steht da jetzt.
Am Preis hat sich nichts geändert.