Deutsche Familien: "Fürsorglichkeit kann auch männlich sein" - DER SPIEGEL
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Deutsche Familien "Fürsorglichkeit kann auch männlich sein"

Deutschland braucht mehr Krippenplätze, das ist das Anrecht junger Eltern - sagt Hans Bertram, Soziologe und Berater von Familienministerin von der Leyen. Im Interview erklärt er, wieso Kinder davon meistens profitieren und warum sich die Hausfrauen-Ehe bis heute hartnäckig hält.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Warum halten Sie das Vorhaben Ursula von der Leyens für vernünftig, 500.000 zusätzliche Krippenplätze zu schaffen?

Bertram: Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Optionen für junge Eltern kann erst dann entstehen, wenn tatsächlich auch Betreuungsangebote vorhanden sind. In anderen Ländern gibt es viel mehr Krippenplätze als in Deutschland, sei es nun in Frankreich oder Schweden, die Quote der betreuten Kinder liegt dort zwischen 30 und 40 Prozent. Erst dann haben die Eltern die Möglichkeit sich wirklich dafür zu entscheiden, was sie für richtig halten. Gegenwärtig sind sie darauf angewiesen, dass vielleicht die eigenen Großeltern oder wer auch immer ihnen hilft, die Kinder zu betreuen. Es ist ja in der Bundesrepublik auch nicht unüblich, die Betreuung über Schwarzarbeit zu organisieren. Es wäre doch wünschenswert, dass sich diese Situation ändert.

SPIEGEL: Eine Umfrage des SPIEGEL zeigt, dass 87 Prozent der Bevölkerung es für richtig halten, in Kinderbetreuung zu investieren. Viele Politiker vermitteln bei dieser Frage im Moment einen weniger entschlossen Eindruck. Warum ist die Politik altmodischer als das Volk?

Kind in Betreuungseinrichtung: "Krippenbetreuung hat einen positiven Effekt"

Kind in Betreuungseinrichtung: "Krippenbetreuung hat einen positiven Effekt"

Foto: DDP

Bertram: Ich weiß nicht, ob das nicht nur bestimmte Gruppen von Politikern sind. Tatsächlich finde ich es nicht schlimm, wenn in der Politik unterschiedliche Positionen diskutiert werden. Schlimm finde ich es nur, wenn man anfängt, sich gegenseitig zu disqualifizieren. Dass plötzlich diejenigen, die für den Ausbau der Kinderbetreuung sind, mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie würden nichts für die Kinder tun, nicht an die Kinder denken, sondern nur an die ökonomische Entwicklung, das finde ich an der gegenwärtigen Situation unerträglich.

SPIEGEL: Im Gespräch ist ja vor allem die Frage, wie gut Krippenbetreuung für Kinder ist.

Bertram: Man kann grundsätzlich sagen, dass die Krippenbetreuung einen sehr positiven Effekt hat, wenn zu den Eltern, also nicht nur zwischen den Müttern und ihren Kindern sondern auch zwischen Vätern und Kindern, tiefe und gute Bindungen bestehen. Wenn es zu Hause möglicherweise vielerlei Probleme gibt, hat die Betreuung immer noch einen positiven Effekt so lange sie qualitativ gut ist. Schwierig wird es, wenn weder zu den Eltern noch in der Krippe positive Bindungen aufgebaut werden. Man hört ja immer wieder das Argument, die Bindung zwischen Eltern und Kindern könnten sich nur entwickeln, wenn sich die Kinder zunächst nur mit ihren Eltern auseinandersetzen. Da muss man ganz klar sagen, dass das deutsche Modell seit der Einführung des Elterngelds die Möglichkeit bietet, 14 Monate lang mit dem Kind zu Hause zu bleiben. Das ist im Verhältnis zu vielen anderen Ländern eine sehr lange Zeit. Und interessanterweise gleichen sich die Zeiträume, die Mütter am Tag mit ihren Kindern verbringen, egal ob die Mütter berufstätig sind oder den ganzen Tag zu Hause bei ihrem Kind bleiben. Sie liegen irgendwo zwischen zwei und drei Stunden pro Tag. Berufstätige Eltern reduzieren in der Regel ihre persönliche Zeit aber nicht die mit ihren Kindern.

SPIEGEL: Warum hält sich in Deutschland so hartnäckig das Modell der Hausfrauen-Ehe, obwohl es nur noch zehn Prozent der Bevölkerung für das beste halten, wie eine aktuelle Umfrage des SPIEGEL zeigt?

Bertram: Das Modell der bürgerlichen Familie ist im 19 Jahrhundert entwickelt worden, damals entdeckte man die Frau als Erzieherin. Vorher waren es in der Regel die Männer, die die Kinder erzogen haben. Man braucht sich nur Texte von Charles Dickens anzugucken, der ja ein sehr guter Journalist war. Erst danach sind die Frauen als Erzieherinnen ins Spiel gekommen. Das war das Ergebnis industrieller Arbeitsteilung, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Wenn man sich die vielen dreckigen Industriebetriebe damals anschaut, hat das alles Sinn gemacht. Dieses Modell ist seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Rückgang begriffen. Nicht, weil die Menschen das Modell nicht mehr wollen, sondern weil die ökonomische Basis sich verändert hat. Die lebenslange Erwerbstätigkeit des Mannes und der alleinige Familienlohn des Mannes sind zunehmend obsolet geworden. Parallel hat sich eine Dienstleistungsgesellschaft entwickelt, die - um das ganz platt auszudrücken - auf das Potential der Frauen angewiesen ist. Der gesamte Pflegebereich, die sozialen Dienstleistungen, die Expansionen des Bildungswesen waren ja überhaupt nur möglich, weil junge, gut ausgebildete Frauen bereit waren, in diese Berufe hineinzugehen. Der gesamte ökonomische Fortschritt der letzen 30 Jahre hängt an der zunehmenden Integration der Frauen in das Erwerbsleben. Insofern haben wir nur eine Möglichkeit, das alte Modell zu retten, wenn wir alle wieder zurück in die Industriegesellschaft gingen, aber das ist natürlich völlig absurd. Also muss man sich jetzt neue Modelle ausdenken, in denen Mann und Frau für die Fürsorge der Kinder und für die ökonomische Basis des Lebens gleichermaßen zuständig sind.

SPIEGEL: Warum ist das Familienbild in Deutschland verglichen mit Skandinavien oder Frankreich noch immer so rückwärtsgewandt?

Bertram: Das ist nur historisch zu erklären. Wir haben ja ein doppeltes Problem. Auf der einen Seite natürlich die Bevölkerungspolitik im Dritten Reich, die sicher den Rückzug ins Private nach dem zweiten Weltkrieg provoziert hat. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass die Bundesrepublik lange ein richtiger Frontstaat gegenüber dem Ostblock war und dass alles, was da drüben gemacht wurde, als irgendwie kommunistisch angesehen wurde. Man kann gut verstehen, dass diese konservativen Vorstellungen sehr stark formuliert worden sind, solange es das geteilte Deutschland gab. Jetzt müssen wir den Nachholbedarf, den wir gegenüber anderen Ländern haben, in sehr viel kürzerer Zeit bewältigen. Das tut manchen dann sehr viel mehr weh, als wenn sich dieser Prozess langsamer entwickelte hätte.

SPIEGEL: Wie wichtig sind die Väter bei diesen Veränderungen?

Bertram: Man sollte positiv hervorheben, dass die heutigen Väter sehr viel mehr im Haushalt tun als ihre Väter. Die durchschnittliche Arbeitszeit eines Vaters liegt heute bei 16 Stunden in der Woche, die einer Frau bei etwa 35 Stunden; in der Mitte der Sechziger war es ähnlich viel Zeit bei der Frau, aber nur eine Stunde beim Mann. Es ist längst ein Wechselprozess der Fürsorglichkeit zwischen Männern und Frauen in Gang. Deshalb sind diese Vätermonate wichtig, damit auch die Gesellschaft begreift, dass Fürsorglichkeit auch männlich sein kann.

Das Interview führte Claudia Voigt