Deutsche im Flüchtlingsboot "Ich will nur noch nach Hause"
Deutsche im Flüchtlingsboot: "Ich will nur noch nach Hause"
Foto: STRINGER/ITALY/ ReutersHamburg - Mit drei Schiffen machten sich die Flüchtlinge in der Nacht zum Montag auf nach Lampedusa. Kleine Fischerboote, die hoffnungslos überladen den 130 Kilometer langen Seeweg von Tunesien nach Italien antraten. Nur zwei schafften es aus eigener Kraft sicher zum rettenden Tor Europas - das dritte drohte zu sinken, als es die Hoheitsgewässer Italiens erreichte. Die Küstenwache brachte Dutzende Menschen rechtzeitig an Land.
Mit an Bord: Tina R. aus Düsseldorf. "Es war eiskalt", berichtet die 40-Jährige am Montagabend SPIEGEL ONLINE. "Ich habe bis zum Bauch im Wasser gestanden, als wir bei Abfahrt zu den Beibooten gewatet sind."
4000 Dinar, rund 2000 Euro, habe sie den Schleusern bezahlt, berichtet R.. Insgesamt 110 Menschen hätten sich auf dem Schiff zusammengedrängt. Mit Mühe habe sie ihre Tochter Amira Jasmine und das Gepäck an sich gepresst und gehofft, die etwa 20 Stunden dauernde Überfahrt zu überstehen. "Es war unbeschreiblich", sagt R., "aber für mich bei weitem nicht der schlimmste Moment der vergangenen vier Jahre."
Lampedusa: Deutsche flüchtet aus Tunesien
Als die besorgte Mutter endlich an Land ging, war die Überraschung bei Behörden wie Medienvertretern auf Lampedusa groß: Eine "wunderschöne Deutsche, groß und blond, mit einer neunjährigen Tochter im Arm" sei unter den tausend Migranten aus Tunesien gewesen, bemühte der "Corriere della sera" das Klischee.
Seit vier Jahren versucht die 40-Jährige laut eigener Aussage, ihre Tochter aus der Hand des Ex-Mannes zu befreien, eines tunesischen Arztes, der auf Djerba praktiziert. Im Jahr 2007 trennte sich das Paar - laut R. auch, weil der Kindsvater sie schlug: "Die Scheidung ist rechtskräftig, mir wurde sogar in Tunesien das Sorgerecht zugesprochen", erklärt R.. Dennoch habe sie ihre Tochter nicht zu sich nach Deutschland holen können. Immer wieder sei sie nach Tunesien gereist, habe sich in Tunis einen Anwalt genommen - ohne Erfolg. "Es war absurd, das Gesetz war auf meiner Seite, aber ich konnte es nicht durchsetzen."
"Panische Angst, dass noch etwas dazwischenkommt"
Weil der Ex-Mann gute Kontakte zu den Behörden unter der alten Regierung hatte, habe ihr die tunesische Polizei den Pass entzogen. Isoliert und ausgeliefert habe sie an der Seite des Mannes gelebt. An einem gewissen Punkt sei die Verzweiflung so groß gewesen, dass sie mit Amira zu Bekannten in die Berge geflohen sei.
Der Kindsvater tobte, erstattete Anzeige wegen Kindesentzugs und ließ seine Ex-Frau von der Polizei suchen. Einige Wochen lang versteckten sich Mutter und Tochter erfolgreich, lebten das einfache Leben der Landbevölkerung und hofften auf ihre Chance.
Als in begann, spürte Tina R., dass der Moment gekommen war. Der Luftweg war ihr versperrt, es blieb nur die lange Reise übers Meer. Von einem Strand auf Djerba aus trat sie den Weg nach Lampedusa an.
Im Auffanglager wurden Mutter und Tochter von freiwilligen Helfern der Organisation Save the Children betreut. Am Abend mietete sich Tina R. nach Gesprächen mit der Deutschen Botschaft in ein Hotel auf Lampedusa ein. Dort traf sie noch am Abend auf Medienvertreter, die ihr persönliches Wunder in Zeiten des Aufruhrs dokumentieren wollten.
Der kleinen Amira gehe es den Umständen entsprechend gut. Sie fiebere ein wenig, aber man hoffe, das schnell in den Griff zu bekommen. "Ich will nur noch nach Hause. Ich habe panische Angst, dass noch etwas dazwischenkommt", sagt Tina R.. In Düsseldorf warten ihr neuer Lebenspartner und der eineinhalb Jahre alte gemeinsame Sohn. "Mit ihm war ich schon in Tunesien, als er gerade sechs Wochen alt war."
Ihrer Liebe zu dem Land konnte auch die schlechten Erfahrungen der vergangenen Jahre nichts anhaben. Ob sie Angst vor ihrem Ex-Mann habe? "Er hat nur in Tunesien Macht über mich und meine Tochter. Wenn ich dort einreisen würde, würde man mich verhaften, das ist sicher."
Noch ist unklar, wann R. nach Deutschland ausreisen wird. Das Auswärtige Amt in Berlin wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Fall äußern - aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Der örtlichen Polizeidienststelle zufolge dürfte es für R. als deutsche Staatsbürgerin mit gültigen Papieren keine Probleme bei der Ausreise geben.
Gutes Wetter, noch mehr Flüchtlinge
Lampedusa hat weiter zu kämpfen: In der Nacht zum Montag landeten auf elf Schiffen erneut Hunderte von Tunesiern auf der kleinen Felsinsel. Insgesamt warten derzeit mehr als tausend Bootsflüchtlinge im Auffanglager, das eigentlich nur für 850 Menschen konzipiert ist.
Mitte Februar hatten in nur wenigen Tagen mehr als 5600 Menschen aus Tunesien Lampedusa erreicht. Gegen Ende des Monats hörten die gefährlichen Überfahrten wegen des schlechten Wetters vorübergehend auf. Doch nun rechnet die Küstenwache aufgrund der günstigeren Wetterverhältnisse erneut mit Flüchtlingen, die über den Kanal von Sizilien ins Land kommen.
Der italienische Innenminister Roberto Maroni sicherte Lampedusa Hilfe zu. Die Flüchtlinge sollten aufs Festland ausgeflogen werden, bis das Auffanglager wieder leer sei. Die Regierung in Rom hat angesichts der sich zuspitzenden Situation auf der Insel auch die EU um Hilfe gebeten. Inzwischen bekommen die italienischen Behörden Unterstützung von der EU-Grenzschutzagentur Frontex.