Deutsche Titelhoffnungen bei Unter-Eis-WM - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

WM in Weißensee: Deutsche mit Hoffnungen auf Unter-Eis-Titel

Foto: DPA/ Thomas Jurkschat

Unter-Eis-WM in Weißensee Eis, Eis, Baby

Es ist wie Eishockey - nur von unten: Bei der Unter-Eis-WM strampeln Taucher in einem zugefrorenen See einem Styropor-Puck hinterher. Hoffnungen auf den Titel macht sich das deutsche Nationalteam - dabei kannten sich die Spieler bis vor kurzem noch gar nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hermagor/München - Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand darauf kam. Unterwasserrugby gibt's schließlich schon, Unterwasserhockey auch. Es lag also fast ein bisschen nahe, es mal mit Unterwasser-Eishockey zu probieren: Dabei schwimmt ein Puck aus Styropor an der zugefrorenen Oberfläche eines Gewässers - von unten, versteht sich. Zwei konkurrierende Freitaucher-Teams jagen dem Spielgerät hinterher und versuchen, es mit ihren Schlägern ins Tor des Gegners zu befördern. Alles wie das ganz normale Eishockey also. Nur halt von unten. Soweit klar?

Was klingt wie die abseitige Idee eines sehr gelangweilten Kampfschwimmers, ist in Wahrheit eine Extremsportart, die tatsächlich Anhänger findet - und in der ab Donnerstag zum zweiten Mal Weltmeisterschaften ausgespielt werden . Ganz vorn mit dabei im österreichischen Weißensee: das deutsche Unter-Eis-Nationalteam. Ausgestattet mit Neoprenanzügen und Hockeyschlägern treten Uwe Kiehl und Thomas Jurkschat gegen Kontrahenten aus drei anderen Ländern an.

Sechs mal neun Meter ist das Spielfeld groß, die beiden Tore an jedem Ende sind im Eis festgeschraubt, es herrscht relative Dunkelheit. Wie beim Eishockey muss der Puck mit dem Schläger ins gegnerische Gehäuse manövriert werden. Nur, dass ein Team hier lediglich aus zwei Männern besteht - und beide das Tauchen beherrschen müssen und nicht das Schlittschuhlaufen.

"Eine irre Sache ist das", sagt Kiehl, "meine Frau hat mir schon klargemacht, dass ich verrückt bin." Dabei war die Teilnahme für den 57-Jährigen und seinen Teamkollegen Jurkschat, 44, vor allem eine unverhoffte Gelegenheit: Die Freitaucher wurden gefragt, ob sie mitmachen wollen - und dann zum Team Germany ernannt. "Wir kannten uns davor gar nicht", sagt Kiehl. Tauchkenntnisse für das Spektakel bringen aber beide mit: Kiehl baut normalerweise in einem Zwei-Mann-Familienbetrieb Unterwassergehäuse für Fotoapparate, Jurkschat hat einen Taucherladen in Nordrhein-Westfalen.

Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, sich bei zwei Grad im Wasser nicht zu überanstrengen. Denn die Freitaucher kommen ohne Sauerstoffflaschen aus - sie müssen die Luft anhalten. "Bedenkt man den Kraftaufwand, schaffe ich das 30 Sekunden lang", sagt Kiehl. Geht nichts mehr, können sie durch zwei Löcher im Eis auftauchen, einatmen und sich wieder in den Kampf um den Puck stürzen. Das Spiel läuft währenddessen weiter. Die Taktik? "Ich denke, wir wechseln uns ab. Einer holt Luft, der andere bleibt unten", meint Kiehl.

30 Minuten dauert eine Partie bei der Unter-Eis-WM, jede der vier Mannschaften spielt einmal gegeneinander. Die Punkteverteilung für Sieg, Unentschieden und Niederlage ist analog zum Fußball - wer bis zum Samstagabend die meisten Zähler gesammelt hat, ist Weltmeister.

Ausgedacht hat sich das alles der Österreicher Christian Redl, ein echter Extremsportworkaholic. Mal unersättlicher Taucher oder Stuntman, mal Schauspieler oder Model - der 36-Jährige hat viele Fähigkeiten. Und Organisationstalent: Die diesjährige Unter-Eis-WM ist die zweite ihrer Art nach 2007. Wie damals ist Redl auch jetzt für alles zuständig: Teams zusammenstellen, Sponsoren suchen - und ein großes Gewässer ausfindig machen, das Mitte Februar garantiert noch zugefroren ist. Gefunden hat Redl den Weißensee, der vor allem bei Schlittschuhläufern beliebt ist und dickes Eis verspricht.

Gleich fünf aktuelle Weltrekorde im Tief- und Streckentauchen hält Redl. Weil es keinen Sinn habe, "immer wieder meine eigenen Bestmarken zu knacken", suchte er nach Neuem - und erfand die Unter-Eis-WM. Sein Ziel: Das Event nun auch zu gewinnen. Vor sechs Jahren klappte das noch nicht - da wurden die Finnen Weltmeister. Die hat Redl jetzt nicht mehr eingeladen.

rls/dpa