Karnevals-Tagebuch I: Das Erwachen der Alten Weiber
Ein Tag im Karneval Kaffee, Tee, Kölsch
Siegburg - Gegen 7 Uhr erwacht das Leben im Haus. Brötchen wollen gebacken, Nürnberger Würstchen, gebratener Schinken und Rührei vorbereitet werden. Spätestens gegen 9 Uhr wird die Bude voll sein, denn heute geht es los: Mit der Weiberfastnacht beginnen im Rheinland die "tollen Tage". In Bonn-Beuel versammeln sich gerade mehrere Zehntausend Menschen, bis 11.11 Uhr könnte die Zahl sechsstellig ausfallen. Überall in den Karnevalshochburgen wie Köln und Düsseldorf kommen Zehntausende zusammen, und auch in etlichen Mittel- und Kleinstädten sieht es ähnlich aus. Das ist Tradition, heute vor allem eine der Frauen: Die Möhnen oder auch Altweiber übernehmen die Macht.
Dass für die elfköpfige Siegburger Feiergemeinde der Altweiber-Tag, der hier Wieverfastelovend heißt, so spät beginnt, liegt am Alter der Gruppe, die hier zusammen kommt: Eva, Meike, Katie, Katharina, Michelle, Lina, Patrick, Tobias, Marco, Niklas und Fabio sind zwischen 19 und 21 Jahre jung und haben mit dem traditionellen 11.11-Uhr-Trara, mit Rathauserstürmungen und uniformierten Narren nichts am Hut. Für sie ist Karneval eine einzige riesige Party. So, als hätte man den Ballermann für fünf Tage ins Rheinland verlegt. So, sagt Marco, sei das schon immer gefeiert worden, "so lange ich denken kann".
Aus der Perspektive der Jungen stimmt das genauso, wie Halloween "schon immer" da war. Die Traditionen der jetzigen, Feier-aktivsten Generation sind nicht dieselben wie die der letzten. Sie haben sich eigene geschaffen. Der Siegburger Marktplatz hat darin einen festen Platz: Seit ein paar Jahren kommen die jungen Jecken auch aus Bonn und Köln hierher, um zu Feiern. Zu Altweiber ist Siegburg im Augenblick die Hochburg des jugendlichen Karnevals. Auf so eine Party geht man dann, wenn sie richtig losgeht. In Siegburg ist das offiziell 12 Uhr, heißt es bei Facebook: Das Social Network ist da besser informiert als die Stadtväter.
Die Grundlage: Brennstoff für einen langen, kalten Tag
Vorher gibt es Frühstück, auch die Kostümierung und das Schminken braucht Zeit. Ab 8 Uhr trudeln die Gäste ein, es gibt Kaffee, Tee, Saft, nicht mehr. Das erste Kölsch folgt, wenn eine deftig-fettige Grundlage gelegt ist, so ab 10.30 Uhr. Es gehört dazu. Aus der Musikanlage dröhnen nun zunehmend laut kölsche Lieder. Das gemütliche Frühstück geht fließend über in eine kleine Vor-Feier. Wenn man aus dem Fenster sieht, versteht man, wozu die gut ist: Draußen nieselt es ohne Unterlass, das Thermometer zeigt 2,5 Grad Celsius. Die nächsten fünf, sechs Stunden werden die jungen Leute draußen unterwegs sein, auf dem Marktplatz.
Für manche mag es danach genug sein, die meisten werden weitermachen: Mit einer Pause am Nachmittag, um zu Essen und aufzuwärmen. Und danach, vielleicht gegen 16 oder 17 Uhr, mit dem ersten Club - oder Abwanderungsbewegungen gen Köln oder Bonn - es lebe der Verkehrsverbund! Köln, Siegburg und Bonn bilden ein Dreieck, in dem man sich in 20 Minuten von einer zur anderen Stadtmitte bewegt. Zu Karneval fahren Sonderzüge im auch zeitlich erweiterten Fahrplan.
Es ist der beginn eines Feier-Marathons. In schlechten Jahren, wenn die Stimmung nicht stimmt, das Wetter mies ist oder der Alkohol zu reichlich fließt, endet die Weiberfastnacht am frühen Abend. In guten Jahren endet sie in den frühen Morgenstunden des Freitag. Schlafen kann man ja auch noch Aschermittwoch.
Wir werden den Weg unserer Gruppe über den Tag verfolgen.
11.45 Uhr: Wir müssen los. Es hat nicht aufgehört zu regnen.