Lockweiler im Saarland: Ruhig, im Grünen, Baujahr 1969
Verkauf des Elternhauses Herr Rheinheimer nimmt Abschied von seiner Kindheit
Wolfgang Rheinheimer geht die drei weißen Stufen zur Haustür hinauf, steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet die Tür und betritt seine Kindheit. Ein Blick, ein Atemzug, und er ist umgeben von Erinnerungen, vertrauten Gerüchen. "Wenn ich in das Haus gehe, rieche ich meine Mutter."
Hier in 66687 Wadern-Lockweiler im Saarland, wuchs Rheinheimer auf. Nun hat er für das Haus keine Verwendung mehr. Er und sein Bruder möchten es verkaufen: acht Zimmer, 180 Quadratmeter Wohnfläche, 650 Quadratmeter Grundstück, Kaufpreis 130.000 Euro. Im Internet beschreibt er es als "Freistehendes 1-2 Familienhaus in idyllischer Waldrandlage".
Der Vater, Jahrgang 1925, verstarb 1985. Seither lebte die Mutter, Jahrgang 1926, allein in Lockweiler - bis zum vergangenen Herbst. Demenz und Gebrechlichkeit machten es ihr unmöglich, im Haus zu bleiben. Sie wohnt nun im Pflegeheim. Rheinheimer und sein Bruder hoffen, dass der Erlös aus dem Hausverkauf reicht, um die Pflegekosten von rund 2500 Euro im Monat zu decken.
"Mein Bruder hat mal hochgerechnet", sagt Rheinheimer. "Die Rente deckt etwa die Hälfte der Kosten. Mit Ersparnissen kämen wir noch zwei Jahre hin. Wenn wir zusätzlich das Haus verkaufen, sollte es reichen." Und Rheinheimer ist überzeugt: Es wird reichen. "Für meine Eltern hat sich das Versprechen 'Eigenheim als Altersvorsorge' auf jeden Fall erfüllt. Meine Mutter hat ja lange dort gelebt."
Neubau im Jahr der Mondlandung
Rheinheimer, Jahrgang 1958, gelernter Werkzeugmacher, ist ein freundlicher Herr mit kurzen grauen Haaren, Oberlippenbart und getönten Brillengläsern. Er ist kein sentimentaler Typ, aber er weiß: Mit dem Haus verkauft er auch ein Stück Heimat. "Ich bin dort groß geworden, habe dort während meiner Sturm- und Drangzeit gelebt", sagt er.
Die Familie kam 1961 ins Saarland, Rheinheimer war drei Jahre alt. Der Vater arbeitete beim größten Unternehmen in Lockweiler, heute ist sein Sohn dort Vorsitzender des Betriebsrats. Nach einer Zwischenstation in einer Werkssiedlung baute die Familie das Haus.
"Zu der Zeit gab es einen Eigenheim-Boom. Gerade im Saarland war es gewollt, dass die Leute ins eigene Haus kommen. Die Gemeinden stellten viel Bauland zur Verfügung", sagt Rheinheimer. Haus und Grundstück kosteten 1969 zusammen rund 110.000 Mark. Damals wählten die Deutschen Willy Brandt zum Bundeskanzler.
Im Haus wirken viele Räume, als sitze Brandt noch immer im Kanzleramt. "Für mich ist das hier jedes Mal wie eine Zeitreise", sagt Rheinheimer. Arbeitsplatte, Hängeschränke, Spüle, Dunstabzugshaube in der Küche: alles von 1969.
Den Flur entlang zum Bad: auch Fliesen, Spiegelschrank, Bidet und PVC-Boden sind noch Erstausstattung. Ein paar Schritte weiter in Rheinheimers altem Kinderzimmer stehen die alten Möbel mit schwarzen Seitenteilen und gelben Fronten, wie sie vielleicht in den Achtzigern modern gewesen sein mögen.
Im Wohnzimmer die Stereoanlage von 1981, inklusive Konzertboxen, die schwere grüne Polstergarnitur, auf der an Weihnachten die Familie immer zum obligatorischen Foto aufgereiht wurde. Im Esszimmer an der Wand ein gesticktes Bild, das hat Rheinheimers Oma gemacht. Im Keller, wo sie einige Jahre wohnte, hängte sie ein Schild auf: "Gott schütze dieses Heim". Es hängt dort noch immer.
"Hier ist es einsam"
Rheinheimer strahlt, wenn er erzählt, wie er im Keller mit seiner Eisenbahn spielte. Wie er im angrenzenden Wald ein Baumhaus baute, wie er mit Freunden Banden gründete. Sein Blick schweift über den Grill Marke Eigenbau, den alten Jägerzaun, nicht sonderlich hoch, "aber für den Dackel früher hat der gereicht".
Die Erinnerungen ändern nichts an Rheinheimers Entschluss zu verkaufen. Am liebsten soll es im Haus wieder werden, wie es einst war. Rheinheimer wünscht sich, dass es mit Leben gefüllt wird. Gern würde er es einer Familie mit Kindern geben, immerhin hat Lockweiler eine Kita und eine Grundschule. Einkaufsmöglichkeiten fehlen allerdings.
Rheinheimers Vater hatte sich einst in das Grundstück am Waldrand verliebt. Jetzt muss sich zeigen, ob die Interessenten von heute das genauso attraktiv finden. "Hier ist es einsam, hier hört man nichts", sagt Rheinheimer und blickt Richtung Wald.
Wadern und Lockweiler verlieren Einwohner. Offiziell wohnen 15.910 Menschen in der Stadt, davon 1418 in Lockweiler. In einem Stadtentwicklungskonzept aus dem Jahr 2011 war ein Rückgang auf 1420 Einwohner erst für das Jahr 2020 berechnet worden. In 15 Jahren werden es weniger als 1300 Einwohner sein. Das Durchschnittsalter wird bis 2030 von 45 auf 49,5 Jahre steigen. Es wird mehr Rentner (+29 Prozent), weniger Kinder (-20 Prozent) und viel weniger Jugendliche (-40 Prozent) geben.
"Wadern ist im Niedergang", sagt ein Kenner der örtlichen Immobilienszene, der nicht namentlich genannt werden will. Bemühungen, die Stadt attraktiver und leichter erreichbar zu machen, könnten bestenfalls "den Niedergang etwas bremsen".
Düstere Aussichten
Auf Wikipedia heißt es, die Industriestruktur präge das Ortsbild in Lockweiler. Das ist keine Übertreibung. Im Stadtentwicklungskonzept heißt es, der wirtschaftliche Wohlstand der Sechziger- und Siebzigerjahre habe "eine starke Überformung der historischen Ortskerne bewirkt" - auch in Lockweiler. Entlang der Ortsdurchgangsstraße herrsche starke Verkehrsbelastung, Wohnungs- und Ladenleerstände seien die Folge.
Rheinheimer kennt die Probleme, sie sind nicht zu übersehen: "Da war mal eine Fahrradhandlung, der Laden steht seit Jahrzehnten leer", sagt er, als er durch den Ort fährt. Ein paar Hundert Meter weiter zeigt er auf ein anderes Haus: "Hier war eine Metzgerei, seit bestimmt 20 Jahren steht das Haus leer." Das Stadtentwicklungskonzept konstatiert, die Chancen zur Belebung des Ortszentrums seien schlecht, die Wohnqualität abseits der Hauptstraße sei aber hoch. Rheinheimer hat insofern mit seinem Elternhaus am Waldrand noch Glück.
Es gibt Interessenten, aber Rheinheimer merkt: Die wollen alle handeln. Notfalls bliebe ihm nur, den Preis zu senken. Die ganzen Möbel würde er gern verschenken, als Bonus sozusagen. Beim Gedanken, das Haus ausräumen zu müssen, wird ihm angst und bange. Aber er würde es notfalls tun - bevor er das Haus gar nicht loswird.
Empfindet er Wehmut beim Gedanken, sein Elternhaus abzugeben? "Momentan nicht", sagt Rheinheimer. Er denkt kurz nach. "Könnte gut sein, dass sich das ändert, wenn es verkauft ist."
Zusammengefasst: Wolfgang Rheinheimer aus dem Saarland will sein Elternhaus verkaufen, um die Pflegekosten für seine Mutter zu bezahlen. Bei der Suche nach einem Käufer merkt Rheinheimer, wie die Lage in einer ländlichen Region den Verkauf erschwert. Dennoch glaubt er, dass sich für seine Eltern das Versprechen vom Eigenheim als Altersvorsorge erfüllt hat.
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