EM-Fanfeste: "Zwei Herzen, eine Seele" - DER SPIEGEL
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EM-Fanfeste "Zwei Herzen, eine Seele"

Provokationen, Aggressionen, Hass - Fehlanzeige: Auf der größten Fanmeile Deutschlands blieb es trotz der Aufregung vor dem EM-Spiel gegen Polen ruhig. Und auch in einer Danziger Kneipe feierte man lieber Gemeinsames statt Trennendes. Nur an der deutsch-polnischen Grenze kam es zu Randale.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/Danzig - Das Heiligengeistfeld im Stadtteil St. Pauli: Wo sonst eine Kirmes, die in Hamburg Dom heißt, mit ihren Buden und Fahrgeschäften die Menschen in Scharen anzieht, lockt in diesen Tagen das größte Fanfest der Republik. 40.000 Menschen tummeln sich am Sonntagabend hier, um die Partie Deutschland gegen Polen auf einer Großbildleinwand zu verfolgen. Eigentlich ein ganz normales Gruppenspiel zweier Nachbarländer bei einer Fußball-Europameisterschaft. Wären da nicht diese Geschichten mit den abgetrennten Köpfen und Erinnerungen an blutige, historische Schlachten gewesen.

"Das war dumm und provokativ", beurteilt Erwin Kirsch die Art und Weise, wie polnische Zeitungen im Vorfeld versucht hatten, Aggressionen zu schüren. Kirsch, 23, stammt aus der Generation junger Menschen, die im Kleinkindalter mit ihren Eltern von Polen nach Deutschland ausgewandert sind. "Zwei Herzen, aber eine Seele", nennt er diese doppelte Verwurzelung in zwei Kulturen. "Eigentlich", so sagt er, "bin ich Deutschland-Fan." Nur am Sonntag nicht. Da sind seine Wangen rot und weiß bemalt.

Presse-Provokation hin oder her: Die Scharmützel vor dem Spiel sind diejenigen, die es Woche für Woche rund um Fußballstadien in ganz Europa zu sehen gibt. Fangruppen brüllen sich an, machen sich heiß und ziehen weiter. Die Choreografie ist immer dieselbe, allein die Schlachtrufe sind austauschbar.

Bei einem Tor kann die Stimmung kippen

Nun schreien die einen "Deutschland", die anderen erwidern mit "Polska". Alles harmlos - noch. "Bei einem Tor kann die Stimmung immer ganz schnell kippen", sagt einer der zahllosen Polizisten, die über das gesamte Heiligengeistfeld verteilt sind. "In der Regel sind dafür nur einige, wenige Fans verantwortlich. Und die sind zumeist betrunken."

So wie am polnischen Zelt, wo Erwin Kirsch und seine Freunde das Spiel verfolgen. Eine Gruppe Deutscher, nackter Oberkörper, die schwarz-rot-goldene Schminke im Gesicht verwischt, mit Alkohol in der Hand und offenbar noch viel mehr im Blut, versucht, mit Schmährufen die gegnerischen Anhänger nach dem frühen Führungstreffer zu provozieren. Die haben dafür nicht mehr übrig als ein müdes Lächeln. "Wir sind keine Stress-Kompanie", sagt Erwin Kirsch.

Das, was dann in der Halbzeit zwischen zwei Polen beginnt und in eine, um im Fußball-Bild zu bleiben, Rudelbildung ausartet, ist eine persönliche Geschichte. Ein Mann belästigt eine Frau, drei Freunde von ihr kommen dazu, aus fünf werden zehn, den Rest besorgt der Alkohol. Was mit einem harmlosen Schubser beginnt, endet in einer Keilerei, am Ende fliegen die Fäuste. Die Schläger werden schließlich von der Polizei abgeführt. Es wird der einzige, größere Einsatz der Beamten bleiben.

Möglicherweise verdanken sie das auch Lukas Podolski. Sein zweites Tor, das Erwin Kirsch vorzeitig zum Nachhausegehen bewegt, treibt vielen Polizisten die Anspannung aus dem Gesicht. Am Sonntag, hier in Hamburg, bleibt es ruhig.

Randale an der deutsch-polnischen Grenze

Deutlich weniger entspannt ist die Stimmung nach dem Ende des Spiels an der deutsch-polnischen Grenze: Auf der Grenzbrücke in Frankfurt an der Oder randalieren polnische Hooligans. Sofort alarmierte Einheiten der deutschen Bereitschaftspolizei stoppen die zum Teil vermummten und gewaltbereiten Polen und drängen sie zurück - denn von Frankfurter Seite nähern sich deutsche Fans. Die Polizei hält beide Seiten auf Distanz, fordert die Deutschen auf, den Platz zu verlassen. Die frustrierten polnischen Fans werfen mit Steinen und Flaschen, verletzten einen polnischen Polizisten. Sieben Deutsche werden über Nacht in Gewahrsam genommen.

Wichtige Worte in Danzig

Es ist weit nach Mitternacht in Danzigs Altstadt. Der Wirt heißt Marek und ist ein sehr kleiner Mann mit einem dicken Bauch und riesigen Händen, die viel erzählen, wenn er spricht. Dazu klingt jedes seiner Worte wie fett gedruckt, als halte er gerade die Team-Ansprache vor dem wichtigsten Spiel der Karriere.

Seit zwei Stunden schon klatscht seine mächtige Pranke in vertrauter Regelmäßigkeit auf den glatt gewischten Tresen. Dazu schiebt er Bierflaschen hin und her. Von links nach rechts. Von rechts nach links. "Die vollen Flaschen sind die Polen, die leeren die Deutschen", sagt er und zwinkert, "naja, Wunschdenken, ihr Deutschen seid schon zwei Klassen besser gewesen. Wir hatten heute keine Chance. Noch ein Bier?"

Auf der anderen Seite des Tresens sitzt Jacek, Mitte 50, der in der Werft als Schweißer arbeitet und nun auf dem Kopf einen riesigen rot-weißen Hut trägt, der ihm bis über die Stirn tief ins Gesicht gerutscht ist. Er habe gebetet, sagt er, die ganze Nacht. Nicht nur die Nacht vor dem Spiel, nein, auch die Nacht davor und die Nacht davor auch. Er habe sich nervös die letzten Haare gerauft, sich seine Fingernägel zerbissen.

"Polen gegen Deutschland", sagt er und betont dabei jeden einzelnen Buchstaben, um seinen Worten noch mehr Bedeutung zu verleihen, "Polen erstmals bei einer Fußball-EM". Schließlich habe man doch noch nie etwas gewonnen und das letzte Mal 1982 mit dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft in Spanien etwas halbwegs Brauchbares zustande gebracht. Und dieses Mal, sagt er, sei er sich so sicher gewesen.

"Nun haben wir uns einiges von den Deutschen abgeguckt"

Immerhin habe sich die polnische Elf als Gruppenerster vor Portugal für die EM qualifiziert und zudem mit dem Holländer Leo Beenhaker, dem ersten ausländischen Trainer der polnischen Fußballgeschichte, einen großen Motivator und einen echten Fachmann verpflichtet. Hinzu sei die Euphorie der letzten Tage gekommen, die eine andere, eine viel größere als etwa noch vor zwei Jahren zu Zeiten der WM in Deutschland gewesen sei.

Noch nie habe er so viele Menschen mit polnischen Trikots in den Straßen Danzigs gesehen, noch nie seien Autos mit Nationalflaggen bereits Tage vor einem Spiel unterwegs gewesen. Und erstmals überhaupt hätte es Fanfeste mit Zehntausenden Besuchern und Live-Übertragungen auf Videoleinwänden gegeben. "In dieser breiten Öffentlichkeit haben wir das noch nicht gekannt, bislang hat man Fußball immer zuhause in aller Ruhe geschaut. Nun haben wir uns einiges von den Deutschen abgeguckt", glaubt Jacek, "das ist ein völlig neues Nationalbewusstsein."

"Uns fehlt einfach mentale Stärke"

Es dauert, bis man sich der polnischen Fußballseele genähert hat. Ein bisschen so wie mit einem Fotopapier, das man in ein Becken mit Entwickler legt, und erst nach und nach die Umrisse erkennbar werden. Um ein klares Bild zu bekommen, braucht es viele Gespräche. Doch in allen dreht es sich irgendwann immer wieder um das eine: die Psyche.

"Uns fehlt einfach mentale Stärke", glaubt Marek, der Wirt, "bei einem großen Turnier versagten unseren Spielern regelmäßig die Nerven." Oder man höre schon Minuten vor dem Abpfiff auf zu spielen, wie vor zwei Jahren bei der WM, als die Deutschen in der Nachspielzeit noch den 1:0-Siegtreffer erzielten.

Während ein anderer Gast noch scherzt, dass Miroslav Klose und Lukas Podolski doch eigentlich Polen seien und die Deutschen ohne die beiden gar nicht gewonnen hätten, wird es schlagartig ruhig. Der zweifache Torschütze Podolski gibt dem polnischen Fernsehen ein Interview, spricht mit schlesischem Akzent die kurzen Sätze, wie sie Fußballer nach Spielen immer sagen: "Wir hätten auch 3:0 oder 4:0 gewinnen können", "Ich bin überglücklich", und dass Polen sich gewiss noch steigern und mit Deutschland zusammen die nächste Runde erreichen werde.

"Natürlich sagt er das", ruft einer, "muss er ja sagen, er ist ja ein halber Pole und will es sich mit seinen Verwandten nicht verscherzen." Alle lachen. Podolski trägt das rote Trikot der polnischen Nationalmannschaft, das er nach kurz nach Spielschluss getauscht hatte. "Steht ihm gut", sagt Marek, der Wirt, und knallt mit der flachen Hand auf den Tresen. Man kann den Stolz in seinen Augen sehen.

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