England vor dem WM-Klassiker: "Es wird die Hölle" - DER SPIEGEL
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England vor dem WM-Klassiker "Es wird die Hölle"

England gegen Deutschland - der WM-Klassiker versetzt die Insel in fiebrige Erregung. Die Fans hoffen auf den Sieg, doch der Respekt vor dem Angstgegner ist groß.
Englische Fans: "Es ist wie ein Finale"
Englische Fans: "Es ist wie ein Finale"

Englische Fans: "Es ist wie ein Finale"

Foto: NIGEL RODDIS/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Fever Pitch" heißt das Pub, in dem sich die Fans des FC Chelsea während der Saison jedes Wochenende austoben. Es liegt gleich um die Ecke des Stadions Stamford Bridge im Londoner Stadtteil Fulham. Für die Weltmeisterschaft wurde es zur WM-Kneipe umfunktioniert, auf 13 Großbildschirmen werden alle Begegnungen gezeigt.

Am Sonntag, wenn England gegen Deutschland spielt, wird die Stimmung hier überkochen. "Als Deutscher würde ich mich nicht blicken lassen", sagt Barfrau Kate. Die 28-jährige Polin hat bereits während der WM 2006 hier gearbeitet, als England aus dem Turnier flog. "Damals sind sie vollkommen ausgerastet, Fensterscheiben gingen zu Bruch", erzählt sie. Die Fans seien eben "ein bisschen irre".

England-Anhänger Andy glaubt nicht, dass es so weit kommt - egal, wie das Spiel ausgeht. "Aber die Spannung ist groß", bestätigt er. "Es ist wie ein Finale."

Rooney sinnt auf Rache

Die Aussicht auf den WM-Klassiker versetzt das Land in fiebrige Erregung. Die Boulevardzeitungen sind bereits im Schlagzeilenrausch. "Herr we go again", kalauerte die "Sun" voller Vorfreude. "Kick'n'Crush for you, Franz", tönte die "Daily Mail".

Der Seitenhieb Franz Beckenbauers, das englische Team spiele wieder das alte, einfallslose "Kick and Rush", hatte den Nationalstolz empfindlich verletzt - und die Stimmung noch angeheizt. Auch Beckenbauers neueste Äußerung, die englischen Profis seien nach der langen Saison "ausgebrannt", sorgte auf der Insel für Empörung. Nicht nur Torjäger Wayne Rooney sinnt auf Rache und will die Deutschen besiegen.

Vom Zusammentreffen mit dem "alten Feind" schreiben die Zeitungen unisono und ziehen bereits Vergleiche mit 1966, als England ebenso enttäuschend in der Vorrunde begann und sich dann bis zum Turniersieg steigerte.

Martialische Töne

Die martialischen Töne beschränken sich jedoch auf die Presse und einige Internetforen. Im persönlichen Gespräch auf der Straße zeigen sich die Londoner zurückhaltender und sind allenfalls vorsichtig optimistisch. "Vielleicht gewinnen sie 2:1", sagt Bauarbeiter Shaun in der Fulham Road. "Wenn Rooney endlich mal trifft. Ich hoffe, es gibt kein Elfmeterschießen."

Der Nimbus der deutschen "eiskalten Elfmeterkönige" ("Mail"), einst zementiert durch zwei Shootout-Siege gegen England, ist allerdings angekratzt. Die englischen Kommentatoren trauten ihren Augen kaum, als sie Lukas Podolskis armseligen Elfmeterversuch gegen Serbien sahen.

Dennoch genießt die Nationalelf weiterhin großen Respekt. "Deutschland hat ein junges Team. Sie spielen schnelle Pässe", sagt Shaun. Auch wenn sie diesmal keine großen Namen aufzubieten haben, eilt ihnen doch der Ruf als Turniermannschaft voraus. Vom englischen Nationalspieler Gary Lineker stammt schließlich der Satz: "Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten einen Ball und am Ende gewinnen die Deutschen."

Trostloses Gekicke

Dieser Mythos ist kaum totzukriegen, und so war auch der ITV-Kommentator des Spiels Deutschland gegen Ghana ausgesprochen großzügig mit dem DFB-Team. Ehrfürchtig zählte er die "außerordentliche" WM-Bilanz der Deutschen auf und bezeichnete das trostlose Gekicke als "fabelhaft". Ein BBC-Kommentator hatte nach der unglücklichen Niederlage gegen Serbien sogar in einem seltenen Anfall von Mitgefühl gesagt, die Deutschen täten ihm leid.

Bis Sonntag regiert nun jedoch wieder die alte Rivalität - verbale Ausrutscher inklusive. Einen Vorgeschmack gab es im "Fever Pitch" bereits am Mittwoch beim Spiel England gegen Slowenien. "Der Schiedsrichter ist ein Nazi", brüllte ein Zuschauer, als der deutsche Schiri zum wiederholten Mal auf Freistoß gegen England entschied.

450 dichtgedrängte Zuschauer, viele im Nationaltrikot, sangen sich in kollektive Ekstase. "Ingeländ, Ingeländ, Ingeläähäänd", schallte es ohrenbetäubend durch die Kneipe. Beim Tor in der 22. Minute, das England das Weiterkommen bescherte, gab es kein Halten mehr. Im ganzen Land wurde das Tor wie ein Befreiungsschlag gefeiert. Viele Schulen hatten frei, ganze Büros waren zum Fußballgucken ins Pub gegangen. Selbst auf dem Rock-Festival Glastonbury wurde das Spiel auf einer Großbildleinwand gezeigt. Einzig die vornehme Tennis-Oase Wimbledon boykottierte den Fußball-Wahnsinn.

Zusätzliches Personal

"Eine Nation steht still", konstatierte der "Daily Express" am nächsten Tag. Gegen Deutschland wird die Spannung noch um ein Vielfaches größer sein. "Es wird die Hölle", sagt Barkeeperin Kate im "Fever Pitch". Das Pub hat bereits zusätzliches Personal angeheuert.

Auf dem Papier ist England die stärkere Mannschaft - dank internationaler Superstars wie Rooney, Lampard und Gerrard. Auch die Londoner Buchmacher favorisieren sie. Dennoch bleiben die Deutschen der Angstgegner. Die "Times" erinnerte daran, dass das DFB-Team siebenmal im WM-Endspiel stand, die eigene Elf jedoch "nur das eine Mal". Der englische Hang zur Selbstironie führt dazu, dass die Erwartungen an die eigene Mannschaft eher gering sind. "Es sind, äh, die Deutschen", bereitete der "Mirror" seine Leser auf ein schwieriges Achtelfinale vor.

In der Fulham Road tippen die meisten dennoch auf einen Sieg Englands. "Sie sind von Spiel zu Spiel stärker geworden", sagt Nick, der sich das Slowenien-Spiel im "Fever Pitch" angesehen hat. "Die Deutschen hingegen sind gut gestartet und haben dann nachgelassen." Ihm ist es auch lieber, dass die beiden jetzt schon aufeinandertreffen und nicht erst später: "Dann wäre der Druck noch größer."

Für den britischen Boulevard wäre ein Sieg gegen Deutschland gleich ein doppelter Grund zum Feiern. Denn dann wäre der Weg frei für das Viertelfinale, vielleicht gegen den nächsten "alten Feind": Argentinien, Kriegsgegner von 1982.