Erdbeben in L'Aquila: Haftstrafen für Experten sorgen für Empörung - DER SPIEGEL
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Katastrophe in Italien: Das Beben von L'Aquila

Foto: FILIPPO MONTEFORTE/ AFP

Urteil nach Katastrophe von L'Aquila "Schuldig, weil sie keine Kristallkugel dabei hatten"

Fahrlässige Tötung durch angebliche Fehleinschätzung: Die langen Haftstrafen für italienische Erdbebenspezialisten haben weltweit Empörung hervorgerufen. US-Wissenschaftler fordern eine Intervention des Staatspräsidenten, der Leiter der Expertenkommission trat entnervt zurück.
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Es ist ein skandalöses Urteil, das Richter Marco Billi am Montag in L'Aquila verkündete: Für je sechs Jahre sollen sieben italienische Katastrophenexperten ins Gefängnis - weil sie im April 2009 angeblich nicht hinreichend vor dem Erdbeben warnten, das die Stadt zerstörte und mehr als 300 Menschen das Leben kostete.

Jetzt gibt es erste personelle Konsequenzen aus dem Urteil: Italiens Chefexperte für die Bewältigung von Naturkatastrophen, Luciano Maiani, ist am Dienstag zurückgetreten. "Ich sehe nicht die Bedingungen, um in Frieden zu arbeiten", sagte er und kündigte an, weitere Mitglieder würden ihre Ämter niederlegen. Kurz zuvor hatte er erklärt, es sei unmöglich, unter "diesem wahnsinnigen Druck" von Justiz und Medien vernünftige wissenschaftliche Einschätzungen zu treffen. "So etwas gibt es in keinem anderen Land der Welt."

"Schuldig, weil sie keine Kristallkugel dabei hatten", befindet die Tageszeitung "Libero". Das entspricht dem Tenor der italienischen Medien insgesamt. Das Urteil widerspreche "der Logik, dem gesunden Menschenverstand und nicht zuletzt den Grundlagen eines Rechtsstaats", urteilte der römische "Il Messaggero". Schon die Anklage wegen fahrlässiger Tötung in 29 und fahrlässiger Körperverletzung in vier Fällen war zumindest fragwürdig. Die hohen Haftstrafen haben nun weltweit eine Welle der Empörung ausgelöst.

"Eine absurde und gefährliche Entscheidung" sei das, wetterten die Wissenschaftler der gemeinnützigen US-amerikanischen Interessengruppe Union of Concerned Scientists (UCS). Sie forderten den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano auf, in der Sache zu intervenieren.

Auf der Suche nach dem Sündenbock

Eine ganze Reihe schwächerer Beben hatte die Region Abruzzen vor der Katastrophe in Unruhe versetzt. Die Experten der "Kommission große Risiken" erklärten am 31. März 2009, ein großes Beben wie einst im Jahr 1703 sei unwahrscheinlich, aber möglich. "Ich hätte genau dasselbe gesagt, weil es unmöglich ist einen heftigen Erdstoß vorauszusagen", sagte Professor Shinichi Sakai vom Erdbebenforschungsinstitut in Tokio.

Professor Claudio Eva von der Universität Genua hatte 2009 laut Sitzungsprotokoll erklärt, dass man über keine validen Daten verfüge, weil es in der Vergangenheit keine Häufung solcher kleinen Beben gegeben habe. Die Kommission wies ausdrücklich daraufhin, dass vor allem die Erdbebensicherheit der Gebäude zu prüfen sei. Tatsächlich waren es gerade die in den sechziger und siebziger Jahren in Eile aus dem Boden gestampften Häuser, die nur acht Tage später dem Beben nicht standhielten und Menschen unter ihren Trümmern begruben.

"Wir haben Fakten gesucht, keine Schuldigen", betonten die Staatsanwälte - und gerade das mag man ihnen nicht so richtig glauben. Vielmehr entsteht der Eindruck, man habe unbedingt einen Sündenbock finden wollen, auch um die enttäuschten und frustrierten Hinterbliebenen der Erdbebenopfer ruhigzustellen.

Deren Befindlichkeit ist offenbar so nebulös wie das Urteil hart ist: "Wir sind nicht aus Hass vor Gericht gegangen oder weil wir uns rächen wollen, sondern weil irgendetwas schiefgelaufen ist in L'Aquila", sagte Vincenzo Vittoriani, einer der Hinterbliebenen, nach dem Schuldspruch. Den 56 Nebenklägern im Prozess bewilligte das Gericht einen Vorschuss von 7,8 Millionen Euro. Die Verurteilten dürfen in Zukunft außerdem keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden und können aus dem Strafvollzug heraus nicht mehr über ihr Vermögen verfügen. Der allerdings steht noch nicht an, da Urteile in Italien in der Regel erst nach einem Berufungsprozess wirksam werden.

Beruhigen statt informieren

Eine der herausragenden, wen auch dubiosen Figuren im Drama um das zerstörte L'Aquila ist der ehemalige langjährige Zivilschutzchef Guido Bertolaso - auch er seit Januar 2012 wegen fahrlässiger Tötung im Fokus der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Italienische Medien hatten nach dem Beben den Mitschnitt eines Telefongesprächs veröffentlicht, das Bertolaso mit der Regional-Assessorin Daniela Stati geführt hatte. Zu diesem Zeitpunkt, sieben Tage vor der Katastrophe, hatte man bereits Erdstöße über der Stärke 4,0 registriert, erste Evakuierungen wurden angeordnet, die Menschen waren sichtlich nervös.

In dem verfänglichen Audio-Dokument kündigt Bertolaso die Entsendung der Expertenkommission nach L'Aquila an und erklärt ganz unverblümt, man habe nicht die Absicht, die Öffentlichkeit über die andauernden Erdstöße zu informieren, sondern sie vor allem zu beruhigen.

Bertolaso: "Das ist eher so eine Medienoperation, verstehst du?"

Stati: "Ja, ja."

Bertolaso: "Die großen Erdbebenexperten werden sagen: 'Es ist eine ganz normale Situation, es handelt sich um Phänomene, die wir untersuchen' … besser 100 Beben der Stärke 4 auf der Richterskala als einfach nur Stille, denn 100 Beben dienen dazu, Energie freizusetzen, so wird es nie zu einem Beben kommen, das wehtut, verstehst du?"

Stati: "Ist gut."

Bertolaso, von Haus aus Arzt, war von 2001 bis 2010 Leiter des Zivilschutzes. Im Zusammenhang mit der Ausrichtung des G-8-Gipfels in L'Aquila wurde ihm sowie anderen Mitgliedern des Zivilschutzes vorgeworfen, bestimmten Unternehmern öffentliche Aufträge gegen "Gefälligkeiten" auch sexueller Natur zugeschanzt zu haben. Bewiesen wurde das nicht.