Es wird Winterzeit: Festtag für die innere Uhr - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Es wird Winterzeit Festtag für die innere Uhr

Kühe produzieren weniger Milch, die Zeugungsfähigkeit der Männer sinkt, und wir alle fragen uns, ob wir nun eine Stunde kürzer oder länger schlafen können. Um die Sommerzeit ranken sich viele Gerüchte und Rätsel, in der Nacht auf Sonntag geht sie zu Ende - für fünf Monate.
Von Tonia Sorrentino
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Das Positive zuerst: Auf die Zeitumstellung zur Winterzeit ist Verlass. Sie kommt immer pünktlich und zwar am letzten Oktobersonntag. Überall in der EU sowie in einigen angrenzenden Ländern wird an den Uhren gedreht. Und weiter?

Nichts. Außer kollektiver Verwirrung. Darüber, ob es plötzlich früher hell oder länger dunkel ist und ob man Medikamente verzögert einnehmen sollte. Menschen in 60 Ländern verbringen mitunter Tage damit, sich mit dem kalendarisch verordneten Zeitsprung auseinanderzusetzen. Ohne den Sinn der Maßnahme zu durchschauen.

Der lag einst darin, Strom zu sparen. Nach der Ölkrise im Jahr 1973 war Energie knapp, das Tageslicht sollte mittels früheren Aufstehens und Schlafengehens optimal genutzt werden. Statt der erwarteten zehn Prozent Einsparung legten Forscher der deutschen Elektrizitätswerke bald ein ernüchterndes Ergebnis vor: Gerade einmal um 0,01 Prozent verringerte sich der Gesamtenergie-Verbrauch im Land.

Inzwischen belegen Expertenstudien sogar Mehrausgaben aufgrund der Zeitumstellung: Früheres Aufstehen im Sommer führt zu höherem Strom- und Wärmeverbrauch. In den Monaten März, April und Oktober wird mehr geheizt. Darüber hinaus kostet es, zweimal im Jahr sämtliche Uhren im Land um- und sämtliche Abläufe auf den Zeitwechsel einzustellen.

"Drangsalierung der Menschen"

Die Zeitwende sei erwiesenermaßen eine "völlig nutzlose, bürokratische Regelung", sagt Gudrun Kopp, energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, zu SPIEGEL ONLINE. Seit fünf Jahren setzt sie sich dafür ein, dass sie "ersatzlos gestrichen" wird. "Was wir nicht zwingend regeln müssen, sollten wir auch nicht regeln." Im Interesse des Bürokratieabbaus müsse sich die Bundesregierung dafür einsetzen, die "Drangsalierung der Menschen" zu stoppen - die deutsche EU-Ratspräsidentschaft biete dazu beste Gelegenheit.

Vor allem angesichts zahlreicher Gruselgeschichten, die mit Blick auf die nun anstehende Winterzeit wieder flächendeckend auftauchen: Da ist von einer Erhöhung der Herzinfarktquote die Rede; Kühe produzieren angeblich wesentlich weniger Milch, die Zeugungsfähigkeit der Männer soll sinken, und die Anzahl der Unfälle im Straßenverkehr steigt demnach.

Tatsächlich aber ist keine Gefahr im Verzug. Von einer höheren Unfallquote weiß der ADAC nichts. Tiere werden, wie Menschen, allenfalls eine Stunde früher hungrig oder müde, tragen aber keine weiteren Schäden davon, wie Steffen Secker vom Deutschen Tierschutzbund erklärt. "Mini-Jetlag" nennt das Schlafforscher Jürgen Zulley aus dem Schlafmedizinischen Zentrum in Regensburg. Im Sommer wirke er sich belastend auf den menschlichen Organismus aus - im Oktober allerdings "hat die innere Uhr einen Festtag".

Ähnlich sieht das Karlheinz Geißler, Zeitforscher und Professor an der Universität der Bundeswehr München. Auch er sieht keinen Nutzen in der Zeitumstellung. Statt sich den Kopf über die Regelung zu zerbrechen, könne man sich genauso gut "eine Stunde lang endlich mal ausruhen".