Ex-Magermodel Crystal Renn: "Ich war in der Hölle" - DER SPIEGEL
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Crystal Renn: "Dünner ist tot"

Foto: Justin Macala/ ASSOCIATED PRESS

Ex-Magermodel Crystal Renn "Ich war in der Hölle"

Sie wollte raus aus der amerikanischen Provinz und rein in die "Vogue": Das Model Crystal Renn hungerte sich zum Erfolg - mit schwerwiegenden Folgen. Jetzt fordert die 22-Jährige im SPIEGEL-Interview eine Abkehr vom Mager-Wahn der Modeindustrie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Hungry" erzählen Sie von einem Mädchen aus der amerikanischen Provinz, das auszog, so erfolgreich wie Supermodel Gisele Bündchen zu werden, magersüchtig wurde und jetzt als eines der erfolgreichsten Models für große Größen gilt. Wozu dieses Buch?

Crystal Renn: Ich will, dass sich Frauen endlich bewusst werden, was sie ihrem Körper antun, wenn sie ihn so sehr hassen. Wenn sie ihn so sehr mit Hunger malträtieren, wie ich es getan habe, nur weil sie einem Ideal entsprechen wollen: Du kannst dein Leben verlieren. Ich war magersüchtig. Ich war in der Hölle. Jetzt esse ich, was ich will, und bin trotzdem Model. Sie sehen, es geht.

SPIEGEL: Wie sah diese Hölle aus?

Renn: Als ich 14 Jahre alt war, sagte mir ein Model-Scout, dass ich ein Supermodel wie Gisele werden könnte, dafür aber mindestens 40 Prozent meines damaligen Gewichtes abnehmen müsse. Ich habe mich entschieden: Ok, ich will das, ich mach das. Ich aß fast nichts mehr, fragte mich, wie viele Kalorien ein Kaugummi hat, ging für acht Stunden täglich ins Fitnessstudio. Bei meiner Größe von 1,75 Metern wog ich schließlich 49 Kilo. Es war konstanter Schmerz, ich verlor Haare, ich isolierte mich immer mehr.

SPIEGEL: Sie haben sich entschieden?

Renn: Ja. Niemand hat mich in einen Raum gesperrt und ich mich hungern lassen. Ich wollte dünner werden. Obwohl es mir so schlecht ging, bin ich drei Jahre lang bewusst nicht zum Arzt gegangen.

SPIEGEL: Ist es nur das, Ihr Entschluss?

Renn: Natürlich gibt es äußere Einflüsse. Deswegen habe ich dieses Buch ja auch geschrieben. Ich will, dass die Designer ihre Mustergrößen ändern: in eine Zehn, in Europa ist das überwiegend eine 40. Dann passen die dünnen und die kurvigen Models hinein. Ich will auf dem Catwalk nicht mehr 14 Mädchen mit derselben Größe sehen. Ich will Vielfalt. Verschiedene Größen, Hautfarben, Haare. Dann gibt es auch nicht mehr solch einen Druck auf die Models, nur einem Ideal zu entsprechen. Sie sind einfach schöne Frauen, die andere inspirieren. Sie müssen nicht hungern, weil sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Dünner als heute geht nicht mehr. Dünner ist tot.

SPIEGEL: Bisher scheint das niemanden arg zu stören?

Renn: Weil sich die Frauen nicht darüber aufregen. Doch die Zeit ist reif. Trends und Vorlieben hat es in der Modewelt immer gegeben. Vor hundert Jahren war das Korsett in, in den Sechzigern war es eine Figur wie Twiggy, in den Achtzigern waren es die Amazonen, in den Neunzigern die Dünnen der New Wave. Alles ändert sich und kann sich verändern. Die Frauen müssen es nur endlich einfordern. Am Ende geht es doch auch für die Designer darum, Mode zu verkaufen. Und die Magazine werden für die Frauen gemacht. Ruft bei den Magazinen an. Sagt, dass ihr Vielfalt sehen wollt. Ich allein schaff das nicht.

SPIEGEL: Wie vielen Models geht es wie Ihnen?

Renn: Kann ich ehrlich nicht sagen. Ich weiß nur: Es sind zu viele. Und es betrifft eben nicht nur Models, sondern auch normale Frauen. Magersucht ist eine Krankheit von Menschen, vorwiegend Mädchen und Frauen, mit einer obsessiven, perfektionistischen Persönlichkeit. Das Problem ist: Wir als Gesellschaft akzeptieren einfach diese propagierten Standards, dass man dünn sein muss, um perfekt, um schön, um erfolgreich im Job zu sein und eine tolle Beziehung zu haben. Doch das macht krank. Dieser Selbsthass bremst Frauen aus.

SPIEGEL: Warum redet niemand darüber?

Renn: Essstörungen gehören zu den privatesten Krankheiten überhaupt. Und niemand redet gern darüber, dass er seinen Körper hasst. Viele haben Angst, dass sie, wenn sie es anderen sagen, sofort abgewertet werden. Das ist falsch. Es ist nicht schwach, darüber zu reden. Im Gegenteil. Es ist wie bei Alkoholikern, wie bei Drogenabhängigen, man muss es sich eingestehen. Wenn du dir eingestehst, dass es negative Dinge gibt, kommt man aber auch auf die positiven: Ich habe schöne Haare, schöne Augen, tolle Wangeknochen.

SPIEGEL: Ist das wirklich so einfach?

Renn: Ja. Ich sage nicht, dass das jedem ohne professionelle Hilfe gelingt. Aber wer sich helfen lässt, kann sein Denken früher oder später ändern. Weil er einsieht, dass es neben all dem Negativen, was er an sich wahrnimmt, so viel Positives gibt, auf das er sich konzentrieren muss.

SPIEGEL: In welchem Moment haben Sie sich nach dieser jahrelangen Tortur des Hungerns entschieden: Ich will das nicht mehr.

Renn: Ich hatte an einem Wochenende 16 Stunden Training hinter mir. Ich konnte nicht mehr gehen. Meine Muskeln fühlten sich an, als würden sie schmelzen. Ich habe Stunden für die drei Blocks nach Hause gebraucht. Und später in der Agentur sagte mir dann meine Agentin: 'Hey, du solltest eine Diät machen.' Ich bin total ausgeflippt. Dann hat sie mich vor die Wahl gestellt: 'Entweder du bleibst wie du bist und bist damit zufrieden, nur noch in Katalogen aufzutauchen. Oder du wirst ein Plus-Size-Model. Doch das ist was für alte Frauen.' Und ich sagte: 'Okay. Ich mach's.' Und das obwohl ich noch einen 40.000-Dollar-Job hatte, für den ich nur noch eine Woche länger so dünn hätte sein müssen, wie ich es damals war. Doch das war plötzlich egal: Ich ging raus, aß etwas und ging nicht mehr ins Fitnessstudio. Wenige Tage später habe ich die Agentur gewechselt. Ich sagte ihnen: 'Ich will in die "Vogue". Kriegt ihr das hin?' Sie sagten ja. Und sie machten es möglich.

SPIEGEL: Warum wollen so viele Frauen Models sein?

Renn: 99 Prozent der Mädchen, die Models werden wollen, wollen das, weil sie glauben, dann als die Schönsten der Welt zu gelten. Sie denken, dass sie teure Kleider tragen, viel Geld verdienen, viel reisen und einen Rockstar zum Freund haben. Das hat mich nie interessiert. Ich wollte nie, dass jemand meinen Namen kreischt. Ich wollte Kunst machen. Mit dem Fotografen zusammen ein Bild schaffen. Und ja, ich wollte raus aus Clinton, Mississippi, einer Stadt, die so klein und kleingeistig ist, wie man es sich kaum vorstellen kann.

SPIEGEL: Sind Models nicht die schönsten Frauen der Welt?

Renn: Wenn Models auf die Straße gehen, werden sie selten für Models gehalten. Es ist sehr oft wie bei mir: Models sind die Freaks in der Schule. Viel zu dünn, die Augen zu weit auseinander. Sie sind nicht das Ideal. Doch dann ziehen sie phantastische Kleider an, bekommen Make-up drauf und du hast diese Schönheit. Sie werden gemacht. Sie sind eine Kreation. Ich bin ein gutes Model, weil ich mein Handwerk beherrsche. Ich habe meinen Körper akzeptiert, kenne ihn und weiß, wie ich mich vor der Kamera bewegen muss.

SPIEGEL: Haben Sie etwas gegen das Nachbearbeiten von Fotos, gegen Photoshop?

Renn: Nein. Und das verwundert viele. Aber für mich ist Photoshop eine Kunst. Mit der kann man viel machen: durch anderes Licht die Stimmung verändern, die Bilder viel interessanter gestalten. Solange man mich nicht dünner macht als ich bin, habe ich nichts dagegen. Klar will ich, dass man meine Haut schöner macht. Ich will gut aussehen. Und das sollten alle verlangen können. Gleiches Recht für alle.

SPIEGEL: Zurück zum Versprechen von Ruhm und Reichtum: Stimmt es denn nicht, dass reich und schön sehr oft zusammengehen.

Renn: Ich erzähle Ihnen über die Schönste in meiner Highschool. Die ist jetzt 22, hat ihr viertes Kind und steckt noch immer in dieser Stadt fest. Das will ich nicht kritisieren. Das ist ihre Entscheidung. Aber es zeigt auch: Die, die als die Schönsten gelten, sind nicht gleichzeitig immer die interessantesten und ehrgeizigsten Menschen.


Crystal Renn: Hungry. Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein. Heyne Verlag, München, 2009; 256 Seiten; 17,95 Euro.

Das Interview führte Felix Rettberg