Extremschnitzer: Im Chor der Kettensägen - DER SPIEGEL
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Extremschnitzer Im Chor der Kettensägen

Röhrende Motoren, mannshohe Eichenblöcke und ein Nebel aus Holzspänen - jetzt hat auch das Kunsthandwerk seinen Extremsport. "Chainsaw Carving" ist schnell, laut und zieht Zuschauer an. Den Boom ausgelöst hat das Internet.
Von Sönke Klug
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Steinbeck/Luhe - Sie kleben schon überall. Sägespäne auf der Lippe, in der Nase, im Nacken. Sigurd Bratzel reißt an der Startleine seiner Motorsäge und drückt sie in den Eichenstamm vor ihm, der ihn um einen halben Meter überragt. Eine Fontäne aus neuen Spänen schießt aus der Säge, formt sich zur Wolke, hüllt Bratzel ein, und alle, die ihm zuschauen, gleich mit. Und das dreißigmal, gleichzeitig.

So viele Kettensägen-Künstler aus aller Welt lassen an diesem Wochenende in der Lüneburger Heide die Luft zittern, da, wo garantiert kein Nachbar Anstoß nimmt. Um die Wette, gegen die Zeit. An zwei Tagen will hier jeder eine Skulptur geschaffen haben, für die Kunsthandwerker ohne Kettensäge Wochen gebraucht hätten, es riecht nach Holz und Benzin. "Es ist wahnsinnig schnell, und deshalb sind die Figuren auch erschwinglich", sagt Sigurd Bratzel und schiebt sich die Kopfhörer von den Ohren, die ihn vor dem Lärm schützen. Der Extremschnitzer aus Rheinland-Pfalz ist Forstwirtschaftsmeister, ein praktisch denkender Mann.

"Vor sieben Jahren war ich einer der ersten, die so was in Deutschland gemacht haben", sagt er, schreit er, denn die Kollegen schnitzen weiter. Mittlerweile stellt ihm sein Sponsor jedes halbe Jahr einen frischen Satz Sägen hin. Das Hobby verbreitet sich, und mit ihm das Geschäft. Eine Harley Davidson hat Bratzel schon geschnitzt, zu Hause, aber dafür braucht es Übung. "Meine ersten Eulen und Bären sahen furchtbar aus." Es fangen beileibe nicht nur Forstarbeiter oder Kettensägenvertreter mit diesem Hobby an. Hier in Steinbeck ist etwa ein Koch dabei, "Crazy" Georg Maurus. Der kann mit seiner Motorsäge sogar eine Kartoffel schälen.

Das Internet brachte den Boom

Jahrzehntelang fristete "Chainsaw Carving" in Amerika ein Nischendasein. Dann kam das Internet. "Plötzlich konnten wir Fotos einstellen und hatten Foren, um uns auszutauschen, das zog viele an", sagt Angela Polglaze. Die Australierin hat die Konturen einer Frau in ihren Block Holz gesägt. Üppig gerundet und zwei Meter groß wird die Skulptur sein, das ist schon zu erkennen. Ganz anders als ihre kleine, drahtige Schöpferin mit dem rauen Lachen.

Nur drei Frauen sind auf dem Wettbewerb dabei, sagt Angela Polglaze, "obwohl man nicht so sehr Kraft, vielmehr Talent dazu braucht". Allerdings, nach einer Weile werden die Hände taub, schmerzen Arme und Schultern, "ich mache eine Menge Dehnübungen", sagt Polglaze, und versucht vergeblich, eine Mineralwasserflasche aufzuschrauben. Zu viele Sägespäne, zuviel Schweiß an den Händen.

"Chainsaw Carving" ist nicht einfach die Fortsetzung des Kunsthandwerks mit anderen Mitteln. Es ist auch die Show, die hunderte Zuschauer anzieht. Der brüllende Lärm dutzender Sägen ist schon auf dem Parkplatz zu hören, am Eingang zum Gelände verteilen helfende Hände gratis gelbe Ohrstöpsel.

Speedcarving: Schnitzen auf Zeit

Der Coolste unter den Sägern ist Jamie. Jamie Doeren, USA. Er hält die schwere Motorsäge wie eine tief gehängte E-Gitarre, trägt ein silbergraues Kopftuch und eine verspiegelte Sonnenbrille, im Mund steckt ein roter Zimmermanns-Bleistift. Lässig der Gang, lässig der Typ. Nur dass er eine fast filigrane hockende Frauenfigur aus seinem Block sägt, passt nicht zur Coolness. Warum nicht einen Adler, einen Drachen, einen Bären, wie so viele seiner Kollegen? Aber als Jamie der zarten Figur einen lässigen Tritt versetzt, um an der liegenden Skulptur weiterzuarbeiten, und sie in ein weiches Bett aus Sägespänen fällt, wird klar: Adler braucht Jamie nicht. Er ist auch so der Coolste.

So cool ist Sigurd Bratzel nicht. Klar, eine Sonnenbrille hat er auch, "aber nur für die Show". Doch Augenschutz muss sein, genauso wie eine Hose, die notfalls die Säge abwehrt. Angela Polglaze trägt auch so eine. "Es ist gefährlich", sagt sie, und grinst, die Gefahr ist Teil der Faszination. Bungee-Jumping wäre nichts ohne die Angst, Kite-Surfen nichts ohne die Wucht der Elemente. Und der Extremsport der Kunsthandwerker hat die brüllende Säge und die gewaltige Größe des Objekts.

Und weil das Schnitzen mit der Kettensäge dabei ist, Breitenkunst zu werden, gibt es ein neues Extrem: Speedcarving. "Das wird saueng", presst Sigurd Bratzel zwischen den Zähnen hervor. Innerhalb von 30 Minuten soll er gleich eine fertige Skulptur schaffen - und neben ihm werden 14 Säger das Gleiche versuchen.

Auf Kommando heulen die Sägen auf. Bratzel tänzelt um seinen Block herum, nach fünf Minuten ist ein Adlerkopf zu erkennen, Blick auf die Uhr, Blick zur Seite, nach zehn Minuten sind die Flügel da, aber Kollege Bob King hat schon einen ganzen Vogel aus seinem Block geschnitten. Bratzel lässt sich nicht beirren, rasiert seinem Adler die Nackenhaare, dann schneidet er die Federn ins Holz, noch fünf Minuten, sein Gesicht ist rot, er poliert die Späne aus dem Holz. Adler fertig, Künstler auch. Als die Skulptur dann für 210 Euro versteigert wird, kann Bratzel schon wieder lächeln, fast verlegen wischt er sich die Späne vom orangen T-Shirt. Das ist wohl doch der Unterschied: Bungee-Jumping kostet Geld. Kettensägenkunst bringt welches.