Knut ist tot: Ein Eisbärleben in Bildern
Fame Fatale Knuddelknut, der letzte Heuler
War es ein Hirnschlag, ein epileptischer Anfall, hatte es doch mit Stress zu tun, mit gebrochenem Herzen, ist seine böse Mutter schuld, war es Mobbing, wurde er vergiftet? Kurzum: Wer hat Knut auf dem Gewissen, den berühmtesten Berliner seit John F. Kennedy? Die Fans, die zurückgelassen dastehen, hilflos, wütend und ohne etwas tun zu können, können nicht mal eine Facebook-Initiative starten, um ihn zurückzufordern, nicht mal demonstrieren. Kein "undo", kein STRG-Z. Einfach nur tot.
Knut war ja nicht von sich aus ein Superstar, der sich langsam in unser Herz geschlichen hat. Er war ein Medienprodukt, schon vor der Einführung perfekt inszeniert. Der Hype begann lange, bevor die Öffentlichkeit ihn je gesehen hatte, den kleinen verstoßenen Eisbären, mit der Flasche aufgezogen. Zur offiziellen Knut-Premiere standen Hunderte Journalisten aus der ganzen Welt vor dem Gehege. Das Fernsehen berichtete live, die amerikanische "Vanity Fair" nahm ihn auf den Titel; als er ein halbes Jahr alt war, erschien die erste Biografie, es gab ihn auf DVD, als Stoffbär und als Gedenkmünze.
Und natürlich war er niedlich. So niedlich wie kleine, flauschige Eisbären nun einmal sind, das Fell weiß wie frischer Schnee. Er wurde bestaunt und fotografiert, die ganze Welt kannte Knut, rund elf Millionen Besucher wollten ihn sehen. Jetzt also die kollektive Entladung. Suche nach Schuldigen. "Wir klagen die Zooleitung an, Dich nur verwahrt zu haben," heißt es in einer Anzeige, die am Samstag veröffentlicht wurde. Als ob seine Überlebenschancen in arktischer Wildbahn einen Deut besser gewesen wären. Und dann noch das Gruppenweinen. Wie ein Familienmitglied sei Knut gewesen, wird in Internetforen geschluchzt.
Knut, der Ex-Promi
Aber worum weinen die Menschen in solchen Situationen wirklich? Um sich? Weil sie plötzlich das eigene Ende vor Augen haben? Ein Teil von ihnen sei gestorben, sagen manche. Wie konnte ein Eisbär Teil von ihnen werden? In welches Vakuum drang er vor? Bei jemandem wie Michael Jackson kann man immerhin noch sagen, dass er die Leute an ihre Jugend erinnert. Aber bei einem Zootier?
Und dann gibt es die, die sich mitreißen lassen. Die vielleicht nie Knut-Fans waren, nun aber Blumengebinde ablegen. Angesteckt vom großen Gefühl, dem Wunsch, Teil von etwas zu sein, und sei es von einer Trauergemeinde. Wo bitte aber vergraben die Leute normalerweise all diese Gefühle? Die dann, wenn es einen Anlass zum Trauern gibt, aus ihnen herausbrechen, als hätte man eine Schleuse geöffnet. Wenn Robert Enke stirbt, pilgern sie ins Stadion und jetzt eben in den Zoo.
Knut jedenfalls können sie kaum meinen. Der hatte den schönsten Teil seines Lebens lang hinter sich. Das waren seine ersten Wochen und Monate. Dann wurde sein Fell dreckig, die Tage wurden ihm lang auf seinem viel zu kleinen Felsen. Bald wurde der Ton rau: Er sei ein verhaltensgestörter Psychopath, hieß es. Als er dann noch tat, was ein Raubtier tut, und ein paar Karpfen verspeiste, war die Empörung riesig. Bis auf die paar Hartgesottenen, die ihn täglich besuchten, interessierte sich am Ende kaum mehr jemand für ihn. Knut war ein abgehalfterter Ex-Promi, abgelöst von Krake Paul und Opossum Heidi.
Knut kann uns lehren, den Lauf der Dinge hinzunehmen
Die Menschen haben nicht wirklich den Bären geliebt, sondern eine Idee. Knut, die gute Nachricht in schwierigen Zeiten, die Unschuld, die Hoffnung, den Knuddelknut, der so harmlos schien, dass vor drei Jahren ein Mann zu ihm ins Becken sprang. Und das soll jetzt alles vorbei sein?
Ausgestopft werden sollte Knut aber nicht. Das gehört sich nicht für einen Star. Und ein Star war Knut, das hat er mit seinem Sterben wieder bewiesen: Früh, wie es sich für eine Legende gehört, und mitten auf der Bühne, vor laufenden Kameras.