Fashion Week Paris: Die Einkaufstour - DER SPIEGEL
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Einkäuferin bei der Fashion Week: Shoppen als Beruf

Foto: Cedric Faimali / Argos / Picturetank

Fashion Week Paris Die Einkaufstour

Viele Menschen scheitern daran, den eigenen Kleiderschrank vernünftig zu bestücken - Modeeinkäufer müssen den Geschmack Tausender erahnen und einen ganzen Laden mit Klamotten versorgen. Shoppen ist Fiona Patersons Beruf, mit einem Einkaufsbummel hat ihr Tag allerdings wenig gemein.
Von Wlada Kolosowa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fiona Paterson kommt pünktlich zu spät. Hätte sie sich noch weitere fünf Minuten Zeit gelassen, wäre sie eine der letzten Gäste gewesen, das macht einen schlechten Eindruck. Wäre sie genau um 13 Uhr gekommen, wie es auf der Einladung steht, hätte sie warten müssen. Wartezeiten sind in ihrem Zeit-Etat nicht vorgesehen. Es ist Patersons Job, das Beste aus ihrem Budget zu machen. Also geht keine Sekunde verloren. In schwarzen Pumps stöckelt sie auf den Eingang zu, gerade so schnell, dass es so wirkt, als würde sie sich nicht beeilen.

Paterson ist eine der Geschäftsfrauen, von denen man annimmt, dass es sie nur in Werbekampagnen gibt. Khakifarbene Chinohose, schwarzes Jacket, Rollkragenpullover, in der Ledertasche Laptop, iPad, Smartphone. Der rote Lippenstift ist makellos, der blonde Haarschnitt fällt wie ein Wasserfall. Kein einziges Härchen steht Heiligenschein-artig ab, ganz so, als würden die Gesetze der statischen Elektrizität für sie nicht gelten.

Küsschen rechts, Küsschen links. Ihre Einladung muss Paterson nicht vorzeigen, der Commercial Director der Designerin Ann Demeulemeester kennt sie gut. Und hat natürlich einen Platz für sie in der ersten Reihe. Der ist ihr meistens sicher. Dabei ist Paterson kein Star, keine Vogue-Redakteurin, kein It-Girl. Sie ist eine Einkäuferin. Als Commercial Director von thecorner.com, einer Online-Boutique für Designermode, ist die Schottin für die Auswahl der Kleidung zuständig, die in vier bis fünf Monaten verkauft wird.

Auf der Beliebtheitsskala der Mädchen, die später "etwas mit Mode" machen wollen, steht dieser Beruf weit oben: Den ganzen Tag Shoppen! "Viele glauben, dass das Leben eines Einkäufers nur aus Glamour besteht: Fashion Shows, Shopping Trips und internationale Reisen", sagt Paterson. Doch der Job hat auch mit Zahlen und Excel-Tabellen zu tun, Verhandlungen mit Lieferanten und Marktanalysen. Jeder Morgen fängt mit dem Blick auf die Verkaufszahlen und Lieferungen an. Fashion Weeks sind eine Doppelbelastung: Die laufende Saison wird lanciert, Einkäufe für die nächste Saison werden vorbereitet.

Ein Tag im festen Korsett

Patersons Tag ähnelt mehr dem Stundenplan eines Businessmanagers als einem Einkaufsbummel. Der grobe Tagesablauf steht zwei bis drei Wochen im Voraus fest. Die Show von Ann Demeulemeester ist an diesem Tag ihr fünfter Termin. Um 7 Uhr ist Paterson beim Frühstück mit ihrer Kollegin die Verkaufszahlen der letzten Tage durchgegangen. Danach hat sie in zwei Showrooms vorbeigeschaut, in denen Designer ihre Kleidung ausstellen, hat Bestellungen aufgegeben und sich mit einem Vertreter einer neuen Marke getroffen, der für die nächste Saison von Interesse sein könnte.

Auf dem Stundenplan stehen noch ein Geschäftsessen, ein Treffen mit einem neuen Label, die Show von Rick Owens und ein Besuch im "London Show Room", in dem britische Nachwuchstalente ihre Designs ausstellen. Fast jede Mahlzeit, fast jede Party während der Fashion Week hat mit dem Geschäft zu tun. Selbst die wenigen Minuten Wartezeit vor der Show nutzt Paterson für eine Besprechung.

Die Show beginnt. "Uncross your legs" brüllen die Fotografen von der Medientribüne. Verschränkte Beine machen sich nicht gut auf den Fotos und werfen Schatten. Paterson muss man das nicht sagen, für sie sind Modenschauen ihr täglich Brot. "Die Vorführungen sind das ultimative Schaufenster. Hier sieht man die DNA einer Marke und die Stimmung für die Saison."

Laufstegmode ist für thecorner.com wichtig. Die Kunden, die Paterson bei ihrer Auswahl im Auge hat, sind "Fashion Connoisseurs", denen nicht so sehr große Namen wichtig sind, sondern innovative Designer. Während der Show macht Paterson Fotos von den Entwürfen mit ihrem ipad. Später wird sie diese mit ihrem Team besprechen, Entwürfe aussuchen und Anfragen an das Verkaufsteam von Demeulemeester schicken. Nicht alles, was auf dem Laufsteg zu sehen ist, ist für den Verkauf gedacht - manches wird allein wegen der Medienwirkung gezeigt.

Einkäufer dürfen nicht nur ihre Vorlieben im Blick haben, sondern vor allem die ihres Kunden. Denn es geht darum, Kleidung auszusuchen, die sich verkauft - und davon die richtige Menge. Der Erfolg eines Einkäufers bemisst sich auch daran, wie viele Ladenhüter übrig bleiben. Um sie zu vermeiden, werten Verkäufer die Ergebnisse der letzten Saison aus, manche ziehen sogar Wetterberichte heran und Vorhersagen der Trendagenturen.

Im Takt mit dem Modekalender

Einkäufer sind Agenten der Zukunft. Schließlich suchen sie Kleidung für die nächste oder übernächste Saison aus. Sie destillieren Trends aus den Kollektionen, die sie auf den Laufstegen, in den Showrooms und in Fachmagazinen sehen, halten Ausschau nach neuen Looks auf der Straße.

Es ist 20 Uhr. Der Lippenstift sitzt, die Haare auch. Nur der Blick ist etwas müde. In den "London Show Rooms" streift Patersons Blick über die weißen Spitzenentwürfe von Simone Rocha, ihre Hand über reliefreiche Röcke von Michael van de Ham. "Es ist sehr wichtig, die Stücke genau anzusehen und anzufassen." Dann probiert sie ein paar Ringe von Dominic Jones an. Der Schmuck überzeugt, Paterson trifft eine Auswahl, die Nummern der Stücke werden notiert, der nächste Schritt wäre eine Bestellung. Die Pariser Fashion Week gilt als die Modewoche, auf der die meisten Geschäfte gemacht werden.

Kurz vor 21 Uhr geht Patersons Arbeitstag zu Ende. Alle Minuten sind verteilt, alle gut investiert.