FBI-Aktion in Michigan: Eine Leiche zum Dessert - DER SPIEGEL
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FBI-Aktion in Michigan Eine Leiche zum Dessert

Seit 1975 ist der legendäre amerikanische Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa verschwunden. Nach einem Hinweis sucht das FBI seine Leiche jetzt in Milford in Michigan. Das Städtchen ist jedoch nicht schockiert - sondern freut sich über die unverhoffte Aufmerksamkeit.
Von Alia Begisheva
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Milford - Es begann am 17. Mai. Etwa gegen 11.30 Uhr fährt ein Polizeiauto vor dem Pferdehof "Versteckte Träume" vor - ein Gehöft, das so idyllisch am Rand von Milford liegt, dass selbst manche Einheimische den Weg dorthin nicht sofort finden. Der Motor wird abgestellt. Kurze Zeit danach halten auf der engen Dorfstraße 14 weitere Autos. Später zählt der wachsame Anwohner David Kataja noch acht andere Wagen. Kataja, der von seiner Terrasse aus die Rasenmähermotoren der Nachbarn von einander unterscheiden kann, hört zum ersten Mal in dieser Gegend das Knattern der Hubschrauber und das Dröhnen der Lastwagen. Danach wird die Straße, die zum Pferdehof führt, gesperrt.

Am nächsten Tag kann man in der Zeitung lesen, dass das FBI in Milford nach der Leiche von Jimmy Hoffa sucht, dem ehemaligen Boss der US-Transportarbeiter-Gewerkschaft Teamster. "Die Augen der Nation sind auf Milford gerichtet", jubelt die Lokalzeitung "Milford Times" auf der Titelseite. Und nachdem sogar die "New York Times" Milford eine halbe Seite widmet, ist in der Stadt nichts mehr, was sie einmal war.

Jimmy Hoffa war schon zu Lebzeiten in den USA eine Legende. Ein mächtiger Gewerkschaftsführer zwischen 1957 und 1971, wurde Hoffa als "Herr der Lastkraftwagen" bekannt. Für das Wohl der Gewerkschaft schreckte er nicht einmal vor Kontakten zur Mafia zurück, die in den USA seit eh und je die Arbeitgeber unterstützte. 1967 wurde Hoffa zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Nur vier Jahre später begnadigte ihn US-Präsident Richard Nixon - unter der Bedingung, Hoffa dürfe bis 1980 nicht in der Gewerkschaft wieder aktiv werden. Doch dafür brannte Hoffa viel zu sehr für die Sache. Seine Leidenschaft wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Am 30. Juli 1975 verabredete er sich mit zwei Mafia-Bossen zum Lunch in der Nähe von Detroit. Seither ward er nicht mehr gesehen.

Trotz mehrerer Suchaktionen wurde weder Hoffas Leiche gefunden noch irgendjemand in der Sache angeklagt oder gar verurteilt. Hoffas Fall gehört zu den großen Mysterien der jüngsten amerikanischen Geschichte, in seinem Ausmaß mit der Barschel-Affäre in Deutschland vergleichbar. Bereits 1992 wurde ein Film über den spurlos verschwundenen Gewerkschaftsboss gedreht, mit Jack Nicholson in der Hauptrolle.

Um das Verschwinden von Hoffas Leiche gibt es zahlreiche Verschwörungstheorien - eine blutrünstiger als die andere. Manche behaupten sogar, Hoffas Leiche wurde in irgendein Gebäude in Michigan eingemauert.

"Suchen Sie unter Zement"

Doch genau so, wie niemand glaubt, dass Elvis lebt, glaubt niemand, dass das FBI jemals Hoffas Leiche findet. Zumal der letzte Hinweis vom einem heute 75 Jahre alten Marihuana-Dealer kommt, der in den siebziger Jahren eine kurze Zeit in der Nähe der Pferdehofes in Milford wohnte und jetzt im Gefängnis sitzt. Er will plötzlich gesehen haben, wie damals eine Leiche, eingewickelt in einen Teppich, auf dem Gelände des Hofes verbuddelt wurde. Und obwohl der Verdacht nahe liegt, der Drogendealer wolle seine Strafe mindern, wurde in den vergangenen Tagen trotzdem die Scheune auf dem 32-Hektar-Gelände abgerissen, zurzeit ist das FBI dabei, den Beton unter der Scheune abzutragen. Die Suchaktion gilt als die umfangreichste und teuerste, die es im Fall Hoffa jemals gab.

Doch während das FBI bislang vergeblich auf dem Pferdehof nach Spuren Hoffas sucht, hat er in Milford bereits mehrere hinterlassen. Hollywood wird nicht einmal etwas hinzu dichten müssen. Was seit etwa einer Woche im 6000-Einwohner-Städchen Milford in Michigan passiert, von dessen Existenz selbst im 30 Meilen entfernten Detroit bis dahin nur die wenigsten eine Ahnung hatten, ist jetzt schon filmreif.

Im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen Kleinstädten ist Milford nicht Walmart-geschädigt. Die Innenstadt ist intakt, es gibt viele kleine Geschäfte und Restaurants. Dort ist jetzt jene Geschäftigkeit ausgebrochen, die so typisch ist für Amerika. Jeder versucht aus dem Hoffa-Fall so viel Kapital zu schlagen, wie er nur kann.

"Welcome to Milford! Hoffa nice day!", begrüßt das Restaurant "Bakers of Milford" alle, die von der Autobahn I96 nach Milford reinfahren. Die Fastfood-Kette Dairy Queen auf der gegenüber liegenden Seite hängt jeden Tag ein neues Hoffa-Schild aus. Über den Aufruf "Suchen Sie nach Hoffa in den Gelben Seiten unter Zement" haben sich einige Kunden sogar beschwert. Die meisten freuen sich jedoch auf die neuen Witze. Hoffa-Burger und Hoffa-Steak-Salat, "begraben unter Waldpilzen", heißen die neuen Restaurantgerichte.

"The FBI digs Milford. Do you?"

Die Milford Baking Company auf der Hauptstraße scheint mit den Hoffa Cupcakes das Geschäft ihres Lebens zu machen. Die Schokolade auf den Muffins sieht aus wie frische Erde, eine kleine grüne Hand aus Plastik schmückt das Gebäck. "Wie viele davon soll ich für Sie einpacken?", fragt die Verkäuferin bevor man irgendein Interesse an den makaberen Süßigkeiten zeigt. "Dass sie Hoffas Leiche finden, glaube ich nicht. Aber die ganze Aufregung ist gut fürs Geschäft. Allein gestern haben wir etwa tausend Stück verkauft." Sogar Milfords Polizeichef habe für die FBI-Agenten auf der Farm die Cupcakes gekauft.

Zwei Geschäfte weiter, in einer kleinen Kunstgalerie, wird's noch absurder: Überall im Laden, sogar auf den Bilderrahmen und Posterreihen, liegen stapelweise bunte T-Shirts. Im Hinterzimmer bügeln zwei ältere Frauen - die Mütter der Ladenbesitzerinnen - selbst gedruckte Aufkleber "The FBI digs Milford. Do you?" auf die T-Shirts - ein Wortspiel: "dig" steht in diesem Fall sowohl für "graben" als auch für "mögen." Leslie Watson, die die Idee mit den T-Shirts hatte, klagt: "Ich bin seit heute morgen um drei hier. Ich wollte eigentlich nur zwölf davon drucken - jetzt kriege ich aber schon Bestellungen aus Florida." Alle paar Minuten klingelt im Laden das Telefon: "In rosa? Kein Problem", zwitschert Watsons Kollegin in den Hörer.

Auch das blaue T-Shirt des FBI-Agenten, der an der Straßenabsperrung vor dem Pferdehof wacht, könnte aus der Produktion der alten Damen in der Bildergalerie stammen. Der Mann hockt auf einem aufklappbaren Gartenstühlchen unter einem blauen Zelt, wie man sie in Deutschland von den Wahlkampagnen der FDP kennt. Seine Sonnenbrille nimmt er nicht einmal ab, wenn ihm aus einem unscheinbaren Auto eine schwere Polizeimarke gereicht wird. Sein Lächeln verrät, dass auch er nicht an den Erfolg der Aktion glaubt. Durchlassen will er trotzdem nur seine Kollegen. Allen andern rät er, sich den Pferdehof von anliegenden Acker aus anzuschauen. "Von dort aus können Sie am besten Fotos machen."