Unruhen in den USA: Von Rodney King zu Ferguson
Ausschreitungen in Ferguson Schwarze diskutieren über Gewalt
Ferguson, ein Wintermärchen. Schnee legt sich auf die Ruinen der West Florissant Avenue. Auf die Helme und Gewehre der Nationalgardisten, die auch am Mittwoch weiter vor dem Polizeirevier wachen. Auf die Wollmützen der lauten, schwindenden Protestler.
Die Fenster des Schmuckladens Honey and Sweetie's am Rathaus bleiben verbrettert. Drei gemalte Weihnachtsbäume zieren das Sperrholz, daneben hat Inhaberin Karen Gold hoffnungsvoll gepinselt: "Friede auf Erden."
Ein trügerischer Friede. Der Schnee, der zugleich Millionen Amerikanern das Thanksgiving-Reisewochenende erschwerte, deckt in Ferguson die Wunden der vergangenen Chaostage zu. Der Ort, dessen Name um die Welt ging, kommt zur Ruhe. Die anfangs zerstörerischen Proteste verklingen. Die Wut aber tobt weiter, in den Köpfen und Seelen.
Drei Tage, nachdem eine Grand Jury den Polizisten Darren Wilson, der den schwarzen Teenager Michael Brown erschossen hatte, ungestraft ließ, hat diese Wut das ganze Land erfasst. In Ferguson wurde eine neue US-Bürgerrechtsbewegung geboren, vorangetrieben von meist jungen Schwarzen, die bislang als politisch eher lethargisch galten.
"Ferguson hat meiner Generation gezeigt, welche unglaubliche Kraft im Protest liegt", sagt DeRay McKesson, 29. "Ferguson hat uns für immer verändert." Der Schulangestellte hatte nie zuvor demonstriert - hier wurde er zum wohl bekanntesten Aktivisten, mit seinem furios-zornigen Twitter-Feed , seinen SMS-Alarmrufen und einem Newsletter, der inzwischen mehr als 10.000 Abonnenten hat.
Doch die "Revolution" (McKesson) droht schon jetzt an einem Dilemma zu scheitern. Dieses Dilemma liegt, wie bei allen Revolutionen, im Kern des Umbruchs - jener aufgestauten Wut, die sich plötzlich entzündet und manchmal eben auch, wie in Ferguson, zerstörerische Ausschreitungen zur Folge hat.
"Vor Wut kochen"
Das hat viele schockiert. Doch die Ausbrüche sind auch verständlich: Rassismus zieht sich durch alle Bereiche der US-Gesellschaft. "In diesem Land ein Schwarzer und bei relativem Bewusstsein zu sein", fand der Autor James Baldwin einst, "heißt, fast die ganze Zeit vor Wut zu kochen."
Polizisten verprügeln 1991 Rodney King: Vor Gericht freigesprochen
Foto: AP/ KTLA Los Angeles"Rage, Frustration, Schmerz, Verzweiflung, Erschöpfung, Bitterkeit, Animosität", beschrieb der heutige Senator Cory Booker 1992 seine reflexartige Reaktion auf den Freispruch von vier Polizisten in Los Angeles, die den schwarzen Trucker Rodney King zusammengeschlagen hatten. Der Fall löste Rassenunruhen aus, bei denen 53 Menschen starben. Booker war 22, sein damaliges Essay twitterte er jetzt erneut.
"Ausschreitungen sind die Sprache der Sprachlosen", sagte schon der US-Bürgerrechtler Martin Luther King 1968. Zwar verurteile er Gewalt, da sie "die Angst der Weißen nur vertieft". Aber dann müsse er auch die "unerträglichen Verhältnisse in unserer Gesellschaft" verurteilen, die vielen das Gefühl gäben, "keine Alternative zu haben als brutale Rebellion, um sich Gehör zu verschaffen".
Martin Luther 1968 in Memphis: "Sprache der Sprachlosen"
Foto: AP46 Jahre später bewegt dieser Widerspruch nun die selbst ernannten Erben Kings in Ferguson und anderswo. "Anderen wehzutun oder Besitz zu zerstören ist nicht die Antwort", warnte Browns Vater, Michael Brown Sr., schon vor dem Entscheid der Grand Jury. "Ich will nicht, dass der Tod meines Sohnes umsonst war."
Kein Geringerer als Präsident Barack Obama zitierte diese Worte nach den Unruhen: Statt "mit Flaschen zu werfen" und "Autofenster einzuschlagen", sollten die Protestler ihre Anliegen lieber "konstruktiv" verarbeiten.
US-Präsident Obama forderte Zurückhaltung von Demonstranten und Polizisten
Foto: E. Jason Wambsgans / dpaObamas gefühllos wirkender Auftritt hat viele Aktivisten enttäuscht. Die USA seien ein "von Geburt aus rassistisches Land, errichtet auf der Ausbeutung von Leben, Freiheit, Arbeitskraft und Land", erinnert ihn der Autor Ta-Nehisi Coates im Magazin "Atlantic". Gewalt sei in diesem Kontext als "Werkzeug" zu verstehen, das "manchmal funktioniert".
"Brennt diese Scheiße nieder!", rief Browns Stiefvater Louis Head am Montag, als er die Entscheidung der Geschworenen hörte. Head kletterte vor dem Gerichtsgebäude auf die Motorhaube eines Autos und feuerte die Menge an: "Brennt diese Scheiße nieder!" Kritiker halten ihm nun vor, für die Brandstiftungen jener Nacht mit verantwortlich zu sein.
"Ich respektiere schwarze Wut", schreibt die Professorin Brittney Cooper von der Rutgers University. "Ich respektiere das Recht der Schwarzen, aufzuschreien, zu brüllen und stinksauer zu sein, weil schon wieder eines unserer Kinder von der Polizei getötet wurde."
Absichtlich Plünderungen zugelassen?
"Schwarze Wut", wie sie in Ferguson aufquoll, facht aber auch uralte Mythen und politisch motivierte Schreckensbilder an: Schwarze als "bedrohlich", "gefährlich", "angsteinflößend" - alles nur Ausreden für Gewalt gegen sie.
Keiner beweist das mehr als der Todesschütze Wilson, der seine Tat so rechtfertigte: "Wie ein Dämon" habe Brown ausgesehen, "ich fühlte die immense Kraft, die er hatte". Gegen Brown habe er sich wie ein schwacher Fünfjähriger gefühlt - obwohl beide Männer mit 1,95 Metern gleich groß waren, Brown nur deutlich massiger.
Die Unruhen bestätigen diese Klischees - und lenken vom eigentlichen Problem ab. Einen Tag nach dem faktischen Freispruch Wilsons war die Empörung darüber längst der Empörung über die Ausschreitungen gewichen. War das Kalkül? Die Bürgerrechtsorganisation NAACP verdächtigt die Behörden, absichtlich nichts gegen die Plünderungen getan zu haben.
Die NAACP selbst setzt auf gewaltfreien Protest. Für Samstag hat sie Tausende zu einem Marsch aufgerufen, von Ferguson bis Jefferson City, der Hauptstadt Missouris. Sieben Tage, 200 Kilometer: Die "Journey for Justice", eine Anlehnung an die Märsche der Sechzigerjahre, beginnt im Canfield Drive, der Straße, in der Michael Brown erschossen wurde.
Dort markieren nasse Plüschbären die Stelle, wo er starb. Am Mittwoch verschwinden sie unter Schnee. Ferguson, ein Wintermärchen.