Flirten bei der WM: Public Viewing als Single-Börse - DER SPIEGEL
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Singles beim Public Viewing: "Fußball ist die erste Liebe"

Foto: Wlada Kolosowa

Single-Börse Public Viewing Schalalala für die Liebe

Flirten und Fußball - das klingt nach einer guten Kombination. Eine Online-Datingplattform macht aus Public Viewing in Berlin ein Event zum Anbandeln. Finden Mann und Frau wirklich leichter zusammen, wenn sie gemeinsam WM-Spiele gucken?
Von Wlada Kolosowa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Das Leben als Großstadt-Single kann ziemlich anstrengend sein. Wer nur in Bars abhängen will, Bier trinken und warten, bis er in die große Liebe stolpert, bekommt schnell zu hören, dass er auf diese Weise nie einen Partner findet. Alles soll optimiert werden, auch die Suche nach der Liebe. Dating-Veranstaltungen überbieten sich in vermeintlicher Unverkrampftheit und Originalität: Es gibt Speed-Hating, Weed-Dating (nein, nicht Kiffen, sondern gemeinsam Unkraut jäten) und Pheromon-Partys, bei denen der Richtige erschnuppert werden soll - anhand eines T-Shirts, das drei Tage lang nachts getragen und tagsüber im Kühlschrank aufbewahrt wurde.

In der Volksbar in Berlin Mitte wird ein anderer Ansatz verfolgt: "Public Dating" stand dort am Dienstag auf dem Programm - Public Viewing, bei dem auch angebandelt werden soll. Das Rezept für den perfekten Flirt lautet demnach: 15 Single-Männer, 15 Single-Frauen, eine Leinwand. Argentinien spielt gegen die Schweiz, alle Teilnehmer bekommen Trikots. Der Veranstalter - die Onlinedating-Plattform Shopaman - hat für reichlich soziale Schmiermittel gesorgt. Bei Toren, Karten und erfolgreichen Elfmetern gibt es Freibier und Kurze. Dazu kommen Tippspiele und eine Wahl, bei der die Frauen den schönsten Mann bestimmen - und umgekehrt. Beim Spielerwechsel müssen Singles mit gleicher Trikotnummer um ein Essen kickern.

Xenia, 27, Personalerin, freut sich auf einen guten Abend - egal ob ein Flirt dabei herumkommt, oder nicht. Dass Frauen nur Fußball gucken, um Männer kennen zu lernen, hält sie für ein fieses Klischee. Auch Stan, Jurastudent, ist hauptsächlich wegen des Fußballspiels gekommen. Er glaubt nicht so recht, dass man die große Liebe beim Public Viewing trifft: "Erstens liegt der Fokus auf dem Spielfeld", sagt er. "Und zweitens zeigt man sich beim Fußball nicht unbedingt von seiner besten Seite."

Die Liebe auf den ersten Blick muss schon stark sein, wenn der erste Blick auf jemanden fällt, der gerade "Schalalalaaaaaa" grölt und sein T-shirt über dem Kopf kreisen lässt.

Die Sehnsucht nach dem Wir

Und doch: Spätestens nach der Halbzeit kommen sich die Teilnehmer näher. Tai*, 24, hat sich schon einen Herren im Trikot ausgeguckt: "Ich will die Nummer Elf!", sagt sie. Als sie sich neben ihn setzt, kommen sie nach ein paar Sekunden ins Gespräch. Vielleicht hilft gemeinsames Fußballgucken dem Flirt doch auf die Sprünge?

"Darüber gibt es wohl keine belastbaren Zahlen oder Studien - aber es liegt nahe", sagt der Psychologe Peter Walschburger. "Die Aufregung macht bereit für intensivere Gefühle. Wer zum Public Viewing geht, sehnt sich oft nach Hochstimmung, nach einem Wir-Gefühl. Die Menschen sind schon vor dem Spiel aufgewühlt, ähnlich wie bei einem latenten Verliebtheitsgefühl."

Gemeinsam erlebte Emotionen stiften laut Walschburger Nähe zwischen zuvor fremden Menschen. Außerdem sei das Flirten weniger verkrampft, man stehe weniger unter Druck, beim potentiellen Partner zu punkten: "Die Menschen fallen sich etwa beim erlösenden "Tooor!" gegenseitig in die Arme - ohne dass es als Anmache gedacht ist", sagt Walschburger. "Die Defensive der Frauen, ihr Misstrauen, ihre Abwehr gegen männliche 'Anmache' ist niedriger."

Ein Sieg für die Liebe?

Das Spiel Argentinien gegen die Schweiz läuft zäh, die Unterhaltungen in Berlin umso besser. Stan kickert mit einer Dame, Tai ist immer noch ins Gespräch vertieft. Auch Xenia hat Spaß: "Ich habe jemanden kennen gelernt. Aber ich muss mir erst anschauen, wie er im Stehen aussieht, damit er auch größentechnisch zu mir passt."

Nicht alle finden an diesem Abend jemanden - schlechte Laune sieht man trotzdem keinem an. Am Ende des Spiels steht es 1:0 für Argentinien. Tai wird zur Woman-Of-The-Match gewählt. Sie bekommt Karten für ein Hertha-Spiel und will "Nummer 11" dazu einladen. Stan wird Man-Of-The-Match. Er geht mit einer Flasche Sekt nach Hause - und mit einer Handynummer. "Aber ich glaube, das lag nicht am Fußball", sagt er. Er habe hier mehr Frauen kennen gelernt, als er erwartet hätte, oder um genau zu sein: "Ich habe nichts erwartet." Vielleicht ist das Geheimnis genau das: Am besten flirtet man, wenn man kein Ziel damit verfolgt.

Draußen, vor der Volksbar riecht es nach Sommer. Die Teilnehmer haben die Trikots zu Seite gelegt und rauchen. Sie reden längst nicht mehr über Fußball. Die Formel für den erfolgreichen Flirt ist jetzt ganz einfach: ein lauer Abend und ein Bier. Dass Fußball zuvor die Emotionen geweckt hat, kann zumindest nicht schaden.

*Name geändert

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