Sakineh in einem Hamburger Krankenhaus
Foto: SPIEGEL ONLINENach der Flucht aus Afghanistan verlor Sakineh ihr ungeborenes Kind. Im Flüchtlingsheim wollte ihr schwer depressiver Mann sich das Leben nehmen. Nun ist sie wieder schwanger - und hat große Angst vor der Zukunft.
Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Podomm, podomm, podomm. Der Lautsprecher des Wehenschreibers überträgt die Herztöne des Fötus in das Krankenhauszimmer, ein lautes Stampfen, das alles andere zu überdröhnen scheint. Die zittrige Nadel zeichnet eine gezackte Linie auf den Papierstreifen, der sich langsam aus dem Gerät schiebt.
Daneben auf dem Tisch liegt ein Din-A4-Spiralblock. Sakineh hat das karierte Papier vollgeschrieben mit ihrer feinen Handschrift, lauter zarte blaue Reihen in schnörkeligem Dari, ihrer afghanischen Heimatsprache. Zehn Seiten hat sie gefüllt mit der Beschreibung ihrer traumatischen Flucht durch Iran und die Türkei nach Deutschland. Als sie das aufschrieb, sagt sie, habe sie nicht aufhören können zu weinen. Und dann weint sie wieder.
Seit ein paar Tagen liegt Sakineh auf der Geburtsstation eines Hamburger Krankenhauses, sie ist in der 35. Woche schwanger. Eigentlich ist sie in der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt untergebracht, aber sie bekam Blutungen. Die Frauenärztin schickte sie sofort ins Krankenhaus. Sakinehs Mann Ahmad* blieb bei der zweijährigen Tochter in der Flüchtlingsunterkunft. Das Mädchen geht jetzt dort in die Kita, denn er schafft es nicht mehr, seine kleine Tochter jeden Tag in die städtische Kita nach Bramfeld zu bringen, die sie mehrere Monate lang besuchte. Ahmad ist schwer depressiv. Vor drei Monaten wollte er sich mit Tabletten das Leben nehmen, im letzten Moment wurde er gefunden.
Sakineh möchte nur ihren Vornamen preisgeben und nur von hinten fotografiert werden. Die Vergangenheit macht ihr Angst, die Gegenwart macht ihr Angst, die Zukunft auch. Sakineh hat Angst vor ihrer eigenen Familie.
Die Geschichte, die Sakineh erzählt, ist erschütternd: Sie und ihre zwei Brüder wurden von der Mutter allein großgezogen, weil der Vater früh verstarb. Der sehr religiöse Onkel, ein Ex-General und Mitarbeiter im Innenministerium, wollte Sakineh verbieten, eine Ausbildung zur Malerin und Bildhauerin zu machen: Was soll eine Frau mit einem Beruf? Sie sollte doch seinen Sohn heiraten! Als Gegengeschäft dafür, dass Sakinehs älterer Bruder die Tochter des Onkels zur Frau nehmen sollte.
Doch Sakineh ertrug die Schläge ihres Onkels und studierte ein Jahr lang Kunst. An der Hochschule lernte sie Ahmad kennen. Sie wollte ihn heiraten. Es war ihre Chance, sich von dem gewalttätigen Onkel zu befreien. "Meine Familie war von Anfang an gegen diese Ehe", sagt Sakineh. Ohne die Zustimmung des Onkels, des Stammesoberhaupts, konnte es aber keine Hochzeit geben.
Menschen vom Grenzweg
Der Onkel habe ihr sofort das Studium verboten, sie nicht mehr aus dem Haus gelassen und schließlich mit einem Messer am Bauch verletzt. Sakineh verweigerte trotzdem die Hochzeit mit dem Cousin. Nach einem Jahr habe der Onkel seinen Widerstand aufgegeben.
Doch auch als sie mit Ahmad verheiratet war, bei seiner Familie lebte und als Lehrerin arbeitete, war die Tortur nicht vorbei: Ihr Mann sei bedroht und zusammengeschlagen worden. Und es sei noch schlimmer geworden, als ihr älterer Bruder die Tochter des Onkels nicht heiraten wollte und in die Türkei floh - wie auch Sakinehs Mutter und ihr kleiner Bruder.
Mit Depressionen sei Ahmad in Kabul mehrfach ins Krankenhaus gekommen, erzählt Sakineh. Im Herbst 2015 hätten sie es dann nicht mehr ausgehalten: Sie flogen mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, damals ein Säugling, und Ahmads Eltern nach Herat. Dann ging es mit dem Auto nach Iran, von dort aus in zwei Autos mit Schleusern zur iranisch-türkischen Grenze. Dort habe die iranische Polizei das Auto gestoppt, in dem Ahmads Eltern und Sakinehs Sohn saßen. Sie sah, so erzählt es Sakineh, wie ihr Kind weinend neben dem Auto stand, sie fing an zu schreien, der Schleuser ohrfeigte sie und fuhr weiter. Es sei klar gewesen, dass Ahmads Eltern und das Kind nach Afghanistan zurückgeschickt werden würden.
Die Flucht von Sakineh, ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ging weiter: zu Fuß durch das Grenzgebirge zur Türkei, ohne Gepäck, das hätten sie auf Anweisung des Schleusers zurückgelassen. In einer eiskalten Höhle mussten sie sich vor der Polizei verstecken. Die Schleuser hätten dem Baby Schlafmittel gegeben. Als sie nachts über den Stacheldraht an der Grenze kletterten, hätten sie Schüsse gehört, so Sakineh: "Sie waren so nah und ohrenbetäubend, dass die Augen meiner Tochter, die in den Armen meines Mannes lag, sich öffneten. Sie war erschrocken von den lauten Schüssen. Ihre Pupillen waren starr, regungslos. Sie weinte nicht."
Versteckt in einem Krankenwagen, mit rund dreißig anderen Flüchtlingen, seien sie durch die Türkei gefahren bis zum Mittelmeer. Dann ins Schlauchboot nach Lesbos. Am Strand wurden sie von Helfern empfangen, sie erinnert sich an eine Frau namens Barbara. Sakineh brach zusammen und wurde zu Ärzten gebracht - sie war, wie Barbara ihr später sagte, schwanger.
Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.
Das ungeborene Kind verlor Sakineh Anfang 2016 in einer Massenunterkunft in Hamburg-Bergedorf. Sie weint, als sie erzählt, dass sie in ein Taxi gestiegen und ihre Tochter in einem anderen Taxi weggefahren worden sei. Denn das Jugendamt hatte entschieden, dass das Kleinkind nicht beim Vater in der Notunterkunft bleiben könne. Zweimal in der Woche habe sie ihre Tochter in einer Wohneinrichtung treffen dürfen. Ihr sei eingeschärft worden, dass sie bei den Besuchen nicht weinen dürfe. Nach rund sechs Wochen kehrte Sakineh in die Unterkunft zurück. Das Jugendamt setzte durch, dass Sakineh und ihr Mann sofort in ein Containerdorf umziehen konnten; der Arzt hatte das dringend empfohlen. Und dort kehrte auch ihre Tochter zu ihnen zurück.
Ein Happy End? Nein. Im September 2016 hatten Sakineh und Ahmad beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihre Anhörung. Der Anwalt, den sie sich genommen hatten, erschien bei dem Termin nicht. Einen Monat später wurde ihr Asylantrag abgelehnt. Sie hätten in Afghanistan keine "relevante unmenschliche oder erniedrigende Behandlung" durch nichtstaatliche Akteure zu befürchten. Außerdem verfügten sie über viel Geld, was durch die Tatsache bewiesen sei, dass sie die Flucht bezahlen konnten. Die Antragsteller müssten nicht befürchten, von der Familie ausgeschlossen zu werden. Drei Monate später versuchte Ahmad, sich das Leben zu nehmen.
Das Sozialmanagement der Erstaufnahme Rahlstedt, ein Psychotherapeut und ein Sozialarbeiter kümmern sich um Sakineh, Ahmad und ihre kleine Tochter. Die Angst aber ist immer noch da.
Sakineh ist in der Erstaufnahme Rahlstedt jeden Tag zum Erstorientierungskurs gegangen, um Deutsch zu lernen, um Deutschland zu verstehen. Um es zu schaffen, nach vorne zu schauen und zu hoffen, ein Leben ohne Angst führen können. Um ihren Sohn nach Deutschland holen zu können.
Nächste Woche soll Sakinehs Baby mit einem Kaiserschnitt geboren werden. Einen Namen haben sie und Ahmad schon für ihn: Michael.
* Name geändert