WM-Gucken in Buenos Aires: Argentinien-Fans verzweifeln
Fußballfans in Argentinien Zu schockiert, um zu weinen
Zehn Minuten vor Anpfiff: Die Kanonen schießen weiß-hellblaues Konfetti in die Luft, Tausende Menschen vor der Großleinwand auf der Plaza San Martín in Buenos Aires reißen die Arme hoch. "Vamos !", schreien sie und schwenken ihre Fahnen. Viele angespannte Gesichter, aber die meisten lachen. Vier Jahre lang haben sie auf diesen Tag gewartet, jetzt ist er da. Tag der Abrechnung, die große Revanche.
Die Niederlage im Elfmeterschießen gegen Deutschland im Viertelfinale von 2006 hat sich als schwarzer Tag in das nationale Bewusstsein eingegraben, die Menschen fordern Rache. "Das war eine Ungerechtigkeit damals", sagt der 34-jährige Gabriel, der mit Ehefrau an der Seite und dem vierjährigen Sohn auf den Schultern aus dem Wohnviertel Villa del Parque in die Innenstadt gekommen ist, um seine Mannschaft siegen zu sehen. Alles andere ist unvorstellbar. "Wir waren vor vier Jahren die viel bessere Mannschaft, Deutschland hatte Glück, nichts anderes", sagt er. "Heute kann nur Argentinien gewinnen. Wir haben Messi. Wir haben Tévez. Wen hat Deutschland?"
Drei Minuten nach Spielbeginn die Antwort: Müller. Der Ball liegt im argentinischen Tor. Ein kurzer, schmerzerfüllter Aufschrei geht über die Plaza, danach Totenstille. Die TV-Kommentatoren versuchen zu beruhigen: "Argentinien hat noch viel Zeit für den Ausgleich." Gabriel sieht nicht mehr so sicher aus. Ratlosigkeit überall.
So hatte sich diesen Tag niemand vorgestellt. Die wenigsten haben Freude daran, den Deutschen dabei zuzusehen, wie sie immer wieder auf den argentinischen Strafraum zu stürmen. Dann kurz die Hoffnung in der 36. Minute: Tor für Argentinien, Jubelschreie, die Fanfest-Verantwortlichen reagieren sofort und zünden die Konfetti-Kanonen. Aber auch im weiß-blauen Papierregen kann man auf der Leinwand ziemlich gut die Abseitsfahne des Linienrichters erkennen.
"Wo ist bloß Messi die ganze Zeit?"
"Das darf nicht wahr sein", sagt eine junge, von Kopf bis Fuß in den Nationalfarben angemalte Frau. "Es bleibt immer noch Zeit", beschwören die Kommentatoren. Sie sagen aber auch: "Deutschland ist besser." Ein Sakrileg, Buhrufe aus der Menge. Aber nicht von allen. "Die sind wirklich verdammt gut", sagt einer. "Wo ist bloß Messi die ganze Zeit?", fragt ein anderer. Alle hatten sich so sehr auf das erste Tor des Wunderspielers gefreut, sie lieben ihn in diesem Land fast so sehr wie sie lieben. Es gibt aber kein Tor.
Nach der Halbzeit erwacht kurz die Hoffnung, Argentinien scheint sich gefangen zu haben. Doch nicht lang.
2:0. Kopfschütteln.
3:0. Die ersten gehen nach Hause.
4:0. Fassungslosigkeit.
Es ist eine Demütigung, die Leute sind zu schockiert, um zu weinen. Nach dem Abpfiff applaudieren einige dem deutschen Team. "Es ist so traurig", sagt die 54-jährige Sonia, die sich mit ihrem Mann, ihrem Vater, zwei von ihren Kindern und noch ein paar von deren Kindern das Spiel im Freien anschaut. "Aber Deutschland war toll. Argentinien hat mit Herz gespielt, aber sie sind eben keine richtig funktionierende Mannschaft." Ihr Vater sieht es auch so: "Ich hätte nach 2006 nie gedacht, dass ich das mal sagen würde: Aber wenn die Deutschen so weiterspielen, gönne ich ihnen auch den Titel."
Nach dem Abpfiff trotten die Massen geknickt davon. Die Sonne scheint, für einen argentinischen Winter ist es in geradezu frühlingshaft warm, trotzdem legt sich eine schwere Melancholie über die Stadt. Ein Straßengitarrist in der Calle Florida macht mit einer Endlosschleife aus traurigen Tangos das Geschäft seines Lebens.
Einige ziehen weiter zum berühmten Obelisken auf der Avenida 9 de Julio, wo man immer hingeht, wenn es etwas zu feiern oder zu betrauern gibt. Aber viel ist dort nicht los. Ein paar versuchen, zu tanzen und sich gegenseitig aufzumuntern. Hoffnungslos. Aber es ist keine Wut, so wie 2006, einfach nur Traurigkeit. "Es war wie ein Traum bis hierhin", sagt ein Mann Mitte zwanzig. "Ich hätte es Maradona so sehr gegönnt, ich hätte es diesen Spielern so sehr gegönnt. Aber es war eben nur ein Traum. Die Gegner bislang waren zu schwach. Deutschland, das ist die Wirklichkeit."
"Wir können eben doch verlieren"
Kaum jemand fordert ernsthaft die Absetzung Diego Maradonas. "Er ist eben noch kein richtiger Trainer, aber er hat das Team doch trotzdem weit gebracht", sagt Sonia. "In vier Jahren schafft er es", sagt ihr Mann. "Ich glaube nicht, dass ihm das Spiel heute zu sehr schadet. Er wird immer ein Mythos sein, ein Gott. Wir alle glauben an ihn, auch wenn er manchmal ein bisschen albern wirkt."
Die Online-Auftritte der hiesigen Zeitungen halten sich mit Rücktrittsforderungen auch noch zurück. Die größte Zeitung, "Clarin", beweint "den demütigenden Abschied" von der WM, "La Nación" betrauert das "schmerzhafte Ausscheiden". In den nächsten Tagen wird endlos diskutiert werden, woran es lag, aber an diesem Tag noch nicht so sehr. Der gehört der Trauer.
Die Menschen kehren in ihre Häuser zurück und versuchen, Haltung zu bewahren. Immerhin sei Brasilien auch schon raus, hört man oft, das tröste sehr. Und immer wieder: "Glückwunsch, Deutschland."
"Sagen Sie das Ihrem Schweinsteiger", sagt einer. "Wir können eben doch verlieren."