Gelebte Integration: Das Herz von St. Pauli - DER SPIEGEL
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Gelebte Integration:: "Dieser Stadtteil, das ist Heimat"

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Gelebte Integration Das Herz von St. Pauli

Eine türkischstämmige Geschäftsfrau betreibt in der Nähe von Hamburgs Reeperbahn einen Kiosk. Dort bietet sie Kindern, Künstlern und Kiffern auf neun Quadratmetern ein kleines Stück Heimat - und kämpft gegen den Ausverkauf des Bezirks. Szenen aus dem In-Viertel einer Großstadt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Fernsehturm blinkt müde im Hamburger Morgendunst. Yeter steht auf der Straße und braucht einen Schlüssel. Sie durchsucht ihre Tasche, ihren Mantel, noch mal die Tasche. Ihr Mann Ibrahim lacht leise. Noch ist es ruhig, noch haben die beiden Zeit.

Yeter hat den Schlüssel gefunden, geht ein paar Stufen hinab und öffnet eine Tür. Der Tag beginnt.

Die Kälte der Straße folgt Yeter in einen winzigen Raum. Es riecht nach Papier und Plastik, nach den Brötchen in Ibrahims Hand und ein kleines bisschen privat, wie ein fremdes Wohnzimmer. Yeter zieht an einem hüfthohen Holzregal, es schwingt ihr langsam und quietschend entgegen, gibt einen schmalen Durchgang preis. Das Regal ist eine Ladentheke, dahinter liegt die Miniaturwelt von Ehepaar Yilmaz.

Seit dreieinhalb Jahren betreiben Yeter, 43, und Ibrahim, 47, den wohl kleinsten Kiosk der Stadt. Hier zu arbeiten bedeutet, den Bauch einziehen zu können. Die beiden schieben sich täglich auf neun Quadratmetern in einer schlafwandlerisch sicheren Choreografie aneinander vorbei, verstehen sich ohne Worte. Reden mag Ibrahim ohnehin nicht, ganz anders als seine Frau. "Zum Glück habe ich den Kiosk und meine Kunden", sagt sie. "Sonst würde es mein Mann nicht mit mir aushalten."

"Dieser Stadtteil, das ist Heimat"

St. Pauli

Yeter ist als Dreijährige mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Nur ein paar Straßen entfernt von der Reeperbahn ist sie groß geworden, auf , einem der Problembezirke Hamburgs. Dort liegt auch ihr Laden, versteckt im Souterrain einer Häuserecke. "Wenn du St. Pauli einmal im Blut hast, kommst du nicht mehr weg", sagt sie. "Dieser Stadtteil, das ist Heimat."

Hamburgs

Die Kunden des Kiosks gehören zum ärmsten Teil der Bevölkerung , zu Yeter kommen Kinder und Migranten, Künstler und Rentner. Die Bauarbeiter sind morgens als erste da, wollen Kaffee und Zigaretten, manchmal belegte Brötchen. Zur Mittagszeit mischen sich vor dem Verkaufstresen Arbeitslose mit Ladenbesitzern und jungem Szenevolk.

Yeter behandelt alle gleich, sie hört ihnen zu und lacht mit ihnen. Sie kennt ihre bevorzugte Zigarettenmarken, legt das Paket schon auf den Tresen, wenn der Kunde den Laden betritt. "Morgen, einmal mein Standard", sagt Heinz. Er greift nach der "Bild", Yeter nach den billigen Zigarillos. Heinz ist fast blind, sein Kleingeld schafft es nicht bis zu Yeter, es prasselt auf den Boden. "Du siehst so gut aus, da fällt mir doch glatt das Geld runter", sagt er und grinst schief. "Hast wohl zu viel davon", sagt Yeter und hilft ihm sammeln.

Yeter fordert von der Stadt ein Jugendzentrum anstatt neuer Bürogebäude

Dann muss Heinz unterschreiben. Es fällt ihm schwer, den Stift zu halten. Er kann kaum seinen Namen notieren. Aber Heinz gibt sich Mühe, für Yeter.

Mehr als 1200 Unterschriften hat sie in den letzten zwei Wochen gesammelt. Auf der Ladentheke liegen Zettel und Stift, gleich neben den Boulevardblättern, also dort, wo jeder inne hält, um zu bezahlen. Yeter möchte einen Wochenmarkt im Stadtteil etablieren, zur Verbesserung der Grundversorgung. In zwei Tagen hat sie einen Termin bei der Stadt, bis dahin sammelt sie weiter Namen.

Yeter hat eine Anwohnerinitiative gegründet, erst gegen die Schließung eines großen Supermarktes, dann hat sie gegen die Bebauungspläne für das Gelände gekämpft, sie organisiert Stadtteilfeste, fordert von der Stadt ein Jugendzentrum anstatt neuer Bürogebäude. Yeter weiß, was sich die Menschen im Viertel wünschen und was ihnen Sorgen macht. Sie erzählen es ihr jeden Tag im Kiosk - und dann unterschreiben sie bei ihr.

Zur Ruhe kommt Yeter selten. Seit zwei Stunden versucht sie etwas zu essen, aber sobald sie sich auf die kleine Bank im Hinterzimmer setzt, ein Brötchen in die Hand nimmt und den Mund öffnet, muss sie es schon wieder ablegen, aufstehen und nach vorne gehen. Zeitungen und Tabak verkaufen, Süßigkeiten und Doseneintopf. Genervt ist Yeter nie.

"Wenn man sich nichts traut, kann man auch nichts erreichen"

Yeter ist hartnäckig. Das war sie schon immer. Als Kind sagte der Vater zu ihr, wenn sie stark sein wolle, dann müsse sie sich durchsetzen. "Daran habe ich mich gehalten, auch wenn er sich manchmal darüber geärgert hat", sagt Yeter. Mit 19 Jahren wollte sie heiraten, aber ihr Vater war dagegen. Seine Tochter sollte zuerst ihre Ausbildung beenden. Das tat Yeter - allerdings verheiratet. Nächstes Jahr feiern sie und Ibrahim Silberhochzeit. Die beiden haben zwei erwachsene Kinder, ihre Tochter will Ärztin werden, der Sohn macht gerade sein Wirtschaftsabitur.

Die kleine Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren schaut durch die offene Ladentür hoch zur Straße. "Wenn man sich nichts traut, kann man auch nichts erreichen", sagt sie. "Und was hätte das Leben dann für einen Sinn?" Eine Leuchtreklame über Yeters Kopf wirbt für "Die Welt", der gezeichnete Globus in dem Zeitungstitel zeigt die Uhrzeit an. Inzwischen ist es früher Abend. Der kleine Glitzerstein auf Yeters Schneidezahn blitzt auf. Sie lacht, winkt ein paar Jungs auf der Straße zu. Köpfe nicken, einer hebt kurz die Hand auf Hüfthöhe. "Die wollen immer cool sein. Das ist alles, was sie haben", sagt sie und zieht ihre Fellweste eng vor dem Körper zusammen. "Wir erwarten so viel von den jungen Leuten, aber geben ihnen nichts."

Ihr Mann beobachtet sie vom hinteren, privaten Teil des Ladens aus. Ein klackernder Vorhang aus Holzperlen trennt Sitzecke von Verkaufsbereich, Ibrahim von Yeter. "Sie weiß nie, ob sie müde ist oder nicht", sagt er. "Irgendwann kippt sie einfach um." Die ersten Sätze, die Ibrahim an diesem Tag spricht.

Abends um acht schließen Yeter und Ibrahim nach einem 14-stündigen Arbeitstag den Kiosk ab und setzen sich in ihr Auto. Dann fahren sie nach Billstedt, vorbei an Alster und Rathaus, durch das Industriegebiet, bis in den Osten Hamburgs. Bei wenig Verkehr sind sie in 20 Minuten zu Hause, manchmal brauchen sie fast eine Stunde.

Die Mieten auf St. Pauli können sie schon lange nicht mehr bezahlen.