Größen-Wahn: Nachrüsten an der Kleiderstange - DER SPIEGEL
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Größen-Wahn Nachrüsten an der Kleiderstange

Die Hose kneift, der Rock schlabbert, die Bluse spannt - Shopping kann so frustrierend sein. Spanische Wissenschaftler fanden jetzt heraus, warum: Seit Jahrzehnten schneidert die Modeindustrie an den realen Maßen der Menschen vorbei. Das soll sich ändern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Wissenschaftler haben 10.000 Frauen mit dem Laser vermessen und die Ergebnisse anschließend mit den Blusen, Hosen und Röcken verglichen, die in den Filialen der großen Modehäuser zu haben sind. Ergebnis: Die Entwürfe der Modeindustrie können nicht passen - weil sie nicht den Maßen der Frauen entsprechen.

Auf dem Weg zur Einheitsgröße: Kampf gegen das große Kneifen

Auf dem Weg zur Einheitsgröße: Kampf gegen das große Kneifen

Foto: DPA

Vier von zehn spanischen Frauen sind schlichtweg nicht in der Lage, passende Kleidung in den Geschäften zu finden. Die Debatte ist inzwischen sogar von der Politik aufgegriffen worden, der spanische Gesundheitsminister Bernat Soria gelobte bereits Besserung. "Wir werden das gegenwärtige System von Konfektionsgrößen abschaffen und uns ein System überlegen, das den Bedürfnissen der Frauen gerecht wird", zitiert "TimesOnline" den Politiker.

Die Studie fand heraus, dass die Silhouetten der Spanierinnen in drei Kategorien einzuordnen sind: den Zylinder-Typ, bei dem Rumpf, Hüfte und Beine eine Linie bilden, den Sanduhr-Typ mit ausgeprägten Rundungen um Busen und Po und den hinlänglich bekannten Birnen-Typ - oben schmal, unten breit. Der Untersuchung zufolge fällt je ein Drittel der Frauen in jede dieser Kategorien - wobei mit zunehmendem Alter aus Zylindern meist Birnen werden.

Die großen spanischen Modefirmen Zara und Mango, die auch in vielen deutschen Fußgängerzonen vertreten sind, wollen ihre Entwürfe nicht länger an den Maßen der Frauen vorbei entwerfen. In den nächsten Wochen will man sich mit Vertretern der spanischen Regierung zusammensetzen und über die neue Größeneinteilung beraten.

Laut einem Bericht von "TimesOnline" sollen künftig vier Zahlen den Weg zur perfekt sitzenden Kleidung weisen: Größe, Hüft-, Taillen- und Brustumfang. Die spanische Regierung hofft, dass die neue Einteilung, sollte sie von den Kundinnen akzeptiert werden, in ganz Europa Zukunft haben könnte.

Das große Kneifen

Anschub für einen einheitlichen europäischen Konfektionsstandard soll auch die Vermessung von 12.000 Deutschen im Rahmen des Projekts "Size Germany" liefern. Innerhalb weniger Minuten ermittelt ein Bodyscanner Millimeter für Millimeter über 70 verschiedene Körpermaße der Probanden - bisher hatten sich die Daten überwiegend auf nur 25 verschiedene Maße gestützt. Neben einer Aktualisierung der Körpermaßtabellen können so auch die Proportionen der Menschen ermittelt werden.

Laut deutscher Bekleidungsindustrie misst der deutsche Mann  im Durchschnitt 178 Zentimeter, die Figur der deutschen Frau entwickelt sich stark in Richtung Tonne. Vorbei die Ära der Wespentaille. Und: Männer wie Frauen legen an Größe und Gewicht zu. Tendenz seit Jahren steigend.

"Reihenmessungen finden etwa alle zehn Jahre statt", sagt Petra Bleibohm vom Modeverband "German Fashion" SPIEGEL ONLINE. "Die letzte Messung für Frauen und Mädchen fand 1994 statt, die letzte für Männer schon 1978. Bislang hat die Bekleidungsindustrie die Größen zwischendurch anhand von Erfahrungen aus der Praxis angepasst."

Das Ergebnis: Sitzt in einem Geschäft ein Rock in Größe 40 blendend, kann das im nächsten Geschäft mit einem anderen Kleidungsteil in Größe 40 schon ganz anders sein. "78 Prozent der Menschen passen in die klassischen Konfektionsgrößen gar nicht mehr rein", sagt Martin Rupp, Direktor der Abteilung Bekleidungstechnik an den Hohensteiner Instituten, die das Projekt "Size Germany" durchführen. Zum einen sind die Herrenkonfektionsgrößen seit mehr als 40 Jahren in den Läden gleich geblieben, sie orientieren sich an den Wirtschaftswundermaßen der sechziger Jahre. Und sie koppeln den Bauchumfang an die Körpergröße: je länger der Mann, desto größer die Plauze, so die Annahme.

Selbst die Französinnen setzten im Lauf der Zeit Hüftgold an

Die Firmen orientieren sich bei der Vergabe der Konfektionsgrößen zwar an den Körpermaßtabellen des deutschen Modeverbands, aber sie schneidern je nach Modetrend mal weiter, mal enger und sie orientieren sich an den Vorlieben ihrer Zielgruppen. Die Pullis für ältere Damen sind nicht ganz so tailliert wie die aus der "Young Fashion" Kollektion. "Die Größen variieren auch innerhalb einer Marke von Kollektion zu Kollektion", sagt Petra Bleibohm.

Höchste Zeit also, Länge und Breite der Deutschen erneut zu vermessen und die Konfektionsgrößen zu überarbeiten. Schon die ersten Ergebnisse der Großerhebung, mit der im Juli 2007 begonnen worden ist, zeigen, dass es sich lohnt. Demnach legen die Erwachsenen einer Altersklasse in einem Jahrzehnt durchschnittlich ein bis eineinhalb Zentimeter an Körperlänge zu. Die Taille der deutschen Frau schwindet, ihr Busen wächst. Der Taillenumfang bei Frauen ab 50 ist im Vergleich zu den siebziger Jahren um ganze acht Zentimeter gewachsen.

Eine vergleichbare Untersuchung im Nachbarland Frankreich räumte 2006 ebenfalls mit dem Klischee der Wespentaille der Französinnen auf. Denn auch die Damen im Nachbarland haben in den vergangenen Jahren Hüftgold angesetzt.