Haiti Masterplan für die Erdbebenhilfe
Wut in Haiti: "Wir brauchen Essen, die Menschen leiden"
Hamburg - Flugzeuge mit medizinischem Gerät, Frachtschiffe mit Nahrung, Transporter mit Bergungstrupps und Teams zur Wasseraufbereitung, Militärmaschinen zur Evakuierung Verletzter - und Menschen, Menschen, Menschen: Internationale Hilfe aus aller Welt soll die katastrophale Situation in Haiti lindern helfen.
Die beteiligten Regierungen und Organisationen stehen vor einer immensen Herausforderung: Wie stellt man in einem Land mit zerstörter Infrastruktur, ohne Behördenapparat, eine funktionierende Soforthilfe für Millionen Menschen auf die Beine?
SPIEGEL ONLINE beantwortet die zentralen Fragen.
Wer koordiniert die Hilfstrupps vor Ort?
Die Federführung bei der Koordination der Hilfsmaßnahmen haben die Vereinten Nationen. The United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA) richtet Büros ein, bei denen sich die eintreffenden Hilfstrupps registrieren lassen und melden. "Die Organisationen setzen sich nach ihrem Eintreffen in den Katastrophengebieten mit den Uno-Strukturen vor Ort in Verbindung und lassen sich registrieren. Dann können die Hilfsmaßnahmen koordiniert in die Wege geleitet werden", erklärt Oliver Hochedez vom Technischen Hilfswerk (THW).
Gemeinsam - auch nach Absprache mit der haitianischen Regierung - werden dann die Maßnahmen besprochen und entschieden, welche Gruppe wo und inwieweit agiert. Danach werden die Helfer entsprechend eingesetzt.
Das THW beispielsweise ist in erster Linie für die Trinkwasserbereitung zuständig. Wasserbau- und Hochbau-Ingenieure sowie Chemiker versuchen Trinkwasser herzustellen. "Vereinzelt gibt es in Haiti noch fließend Wasser, aber es gibt gar kein Trinkwasser", so Hochedez.
Welche Probleme müssen zuerst behoben werden?
Schwierig für die Arbeit aller Hilfsorganisationen ist die Situation am Flughafen in Port-au-Prince, der nur teilweise funktionsfähig ist. "Es sind mehr Flugzeuge unterwegs als landen können", konstatiert Oliver Hochedez vom Technischen Hilfswerk (THW). Die Maschinen kreisen teilweise länger als eine Stunde in der Luft. Viele werden nach Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, umgeleitet. Sie warten dort auf eine Flugmöglichkeit nach Port-au-Prince - oder Helfer und Hilfsgüter werden auf dem Landweg dorthin geschickt..
"Doch die Landwege sind überfüllt und teilweise blockiert", sagt Hochedez. "Es ist ein Rennen gegen die Zeit, das man auf dem Landweg nicht gewinnen kann", so Uno-Sprecher Arne Molfenter. Die Verbesserung der Situation am Flughafen habe somit oberste Priorität.
Die wichtigsten Probleme, die in Haiti zu allererst behoben werden müssen, sind:
- Trinkwasseraufbau und Nahrungsmittelverteilung
- Ärztliche und medizinische Versorgung
- Suche nach Verletzten und Überlebenden
- Bergung von Leichen.
Teams von Ärzte ohne Grenzen haben bereits in den ersten beiden Tage nach dem Erdbeben mehr als 1500 Patienten behandelt. "Sie sind rund um die Uhr im Einsatz und geben ihr Bestes, um allen erste Hilfe leisten zu können. Aber neben Erster Hilfe ist der Bedarf an Chirurgie immens. Eines der größten Hindernisse ist, dass der Flughafen anfangs gesperrt war, so dass zusätzliche Mitarbeiter und benötigtes Material nicht ankamen", so Sprecherin Claudia Evers.
Alle drei Gesundheitseinrichtungen, die von der Hilfsorganisation seit mehreren Jahren in Port-au-Prince unterhalten werden, seien größtenteils zerstört: ein Gesundheitszentrum im Slum Martissant, das Trinité Traumazentrum und das Krankenhaus Maternité Solidarité.
Die Helfer haben Zelte aufgebaut, in denen Verletzte behandelt werden, andere operieren auf einem Parkplatz. In Delmas wird ein aufblasbares Lazarett mit zwei Operationssälen und 100 Betten aufgebaut. "Chirurgen und Anästhesisten werden wahrscheinlich rund um die Uhr operieren", sagt Evers.
Ein Chirurgen-Team arbeite auch im Choscol Krankenhaus im Stadtteil Cité Soleil, sagte Evers. Da Ärzte ohne Grenzen zum Zeitpunkt des Bebens bereits in Port-au-Prince gearbeitet und eigene Vorräte habe, sei noch ausreichend medizinisches Material vorhanden. "Andere Teams sind in der Hauptstadt und der Umgebung unterwegs, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu eruieren."
Was passiert mit den Zehntausenden Leichen?
Zehntausende Leichen säumen immer noch die Straßen von Port-au-Prince und müssen fortgeschafft, wenn möglich identifiziert und bestattet werden. Das Problem ist, die Geräte, die nötig sind, um die Leichen zu transportieren, an die entsprechenden Stellen zu bekommen.
Eine Epidemie-Gefahr gehe von den toten Körpern jedoch nicht aus. "Verwesung führt zwar zu Gestank, der daraus entsteht, dass das Eiweiß in den Körpern zersetzt wird", sagt Rainer Löb, Bundesarzt des Malteser Hilfsdienstes in Köln. "Das ist aber nicht gefährlich. Die entstehenden Schwefelverbindungen sind zwar giftig, aber sie liegen in so niedriger Konzentration vor, dass sie dort überhaupt keine Gefahr darstellen." Die Menschen in der Region seien ja nicht an einer sich ausbreitenden Infektion gestorben, sondern an ihren Verletzungen.
Erreger überlebten nicht lange in totem Gewebe. Die Infektionswahrscheinlichkeit werde daher sogar noch "von Stunde zu Stunde kleiner, weil die Erreger nicht überleben".
Die Sorge vor Seuchen sei deshalb auch kein Grund dafür, Massenbegräbnisse vorzunehmen. "Es ist eher wichtig, dass die Menschen Gewissheit über den Tod ihrer Angehörigen haben und Abschied nehmen können." Bei der großen Hitze im Land, in dem es zudem an entsprechenden Kühlhäusern mangele, ließen sich zumindest vorläufige Massenbeerdigungen aber wohl nicht vermeiden.
Sind alle Helfer vor Ort psychologisch geschult?
Die Helfer sind in Haiti mit Geschehnissen, Bildern, Gerüchen konfrontiert, die die meisten nicht mehr vergessen werden. Es sei üblich, in Katastrophengebiete solchen Ausmaßes als erstes nur humanitäre Helfer zu schicken, die bereits ähnliche Einsätze absolviert haben, sagt Uno-Sprecher Arne Molfenter.
Entsprechend hat die Welthungerhilfe aus Deutschland ein Nothilfe-Team aus Deutschland nach Haiti geschickt, das aus Helfern mit "großer Erfahrung" bestehe, sagt Sprecherin Marion Aberle. Bereits wenige Stunden nach dem Beben saßen sie im Flugzeug Richtung Santo Domingo.
Oliver Hochedez vom Technischen Hilfswerk (THW) sagt: "Die Helfer durchlaufen spezielle Ausbildungen und werden auf diese Einsätze durch Kurse und Lehrgänge beim THW, bei der Uno und der EU vorbereitet."
Wie sieht die psychologische Betreuung nach solch einem Einsatz aus?
Die Helfer, die nun in Haiti im Einsatz sind, bauten "eine Art Schutzpanzer" auf, sagt Marion Aberle von der Welthungerhilfe. "Ganz wichtig ist die psychologische Betreuung nach solch einem Einsatz, denn erfahrungsgemäß kommen die Erlebnisse zeitverzögert hoch und können die Betroffenen gewaltig erschüttern."
Das Technische Hilfswerk (THW) führe nach solchen Einsätzen Betreuungen durch und habe Einsatznachsorge-Teams aufgestellt, die sich um die Helfer kümmern, so THW-Sprecher Oliver Hochedez.