Havarie der "Costa Concordia": Kreuzfahrtschiff droht zu sinken
Havarie der "Costa Concordia" Ende eines Traums
Lange war es ein Privileg der Reichen und Superreichen. Die Schönheiten der Welt sehen, ohne den Dreck und die Risiken. Auf einem Schiff, unter seinesgleichen über die Meere schippern, sich auf dem Sonnendeck entspannen, abends stilvoll dinieren. Kreuzfahrt-Riesen machten den Luxus bald erschwinglich für fast alle. Es rechnete sich für die Betreiber. Es wurde schnell ein Traum für Millionen.
Je gefährlicher die Welt scheint, desto verlockender das Angebot: Urlaub in der Ferne ohne Gefahren und Probleme. Draußen: Tanger, Tunis oder die Bahamas, Kroatien oder Italien - die Welt reduziert auf kurze, durchorganisierte Landausflüge, der klimatisierte Bus steht vor dem Hafen, vorne die mehrsprachige Führerin und der sicherheitstechnisch und Karate-geschulte Fahrer. Drinnen: Drei Discos, Kino, Theater, Spielsalons, eine Shopping-Mall, Tennisplatz, Swimmingpool und Essen vom Feinsten. Luxus für alle!
Erst kamen nur die Alten. Längst sind auch die Jungen dabei. Das Durchschnittsalter der Passagiere liege kaum über 35 Jahren, sagen die Veranstalter.
An Bord soll alles möglichst so sein wie auf dem "Traumschiff" im Fernsehen
Die Passagierzahlen und die Umsätze der Reedereien wachsen Jahr für Jahr in zweistelligen Raten. Und wieso auch nicht? Wer will schon alleine durch Tunis oder Neapel laufen? Sich der Bettler erwehren, der Taschendiebe? Den Müll sehen? Brauchst du nicht, sagen die Kreuzfahrt-Ritter. Komm zu uns, es kostet ja nicht viel. Sieben Tage Mittelmeer, Civitavecchia, Livorno in Italien, Nizza und Marseille in Frankreich, Barcelona in Spanien, und wieder Italien, Neapel und Civitavecchia, 2371 Kilometer Luxus für nicht einmal 1000 Euro. Sonderangebote für die Hälfte.
Das rechnet sich nicht auf kleinen Booten. Das geht nur auf den Giganten des Meeres, mit 3000, 4000, ja 5000 Passagieren. Eine Kleinstadt auf ein paar hundert schwimmenden Metern. Und das ist auch das, wonach man sucht: Boutiquen, Casinos. Ein Kapitän wie auf dem "Traumschiff" aus dem Fernsehen, der abends vor dem Dinner in seiner wunderschönen Marinetracht die Honneurs macht.
Das Entsetzen ist groß - die Naivität war es auch
Auch ein paar Leuten an Land will er Freude machen. Er bugsiert seinen Riesenkahn ganz nah an die Küste der kleinen Insel Giglio, um dort Verwandte und Freunde des Oberkellners zu beeindrucken. Viele seiner Kollegen tun das, heißt es, ist doch nett! Ein Gefallen. Und dann macht dieser Neuzeit-Held am Ruder einen kleinen Fehler - und sein Schiff knallt auf einen Felsen.
Fehler verzeihen diese gigantomanischen High-Tech-Bauwerke nicht. Sie zerbröseln hinter ihrer Sicherheitsfassade. Die heile Welt wird zum Grauen. Menschen sterben. Auf tragische, furchtbare Weise. Manche waren eingesperrt, in ihren durch Sicherheitstüren verriegelten Kabinen.
Wie konnte das geschehen? Schuldige werden gesucht und gefunden, Veränderungen für die Zukunft gefordert und versprochen. Wie immer bei Katastrophen. Doch die tödliche Havarie an der toskanischen Küste hat weit mehr Entsetzen ausgelöst als vergleichbare Katastrophen. Ein Flugzeug, das kann abstürzen; eine Fähre, die geht schon mal unter, das ist tragisch, doch so ist es eben.
Aber ein Traumschiff? Kann das einfach so kentern? Darf es das? Es durfte nicht, aber es ist geschehen. Damit hat das Unglück vor Giglio auch den Menschen etwas genommen, die gar nicht an Bord waren: die Illusion totaler Sicherheit im schwimmenden Wunderland.