Integration: "Fakten statt Ideologien" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Integration "Fakten statt Ideologien"

Der Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan ist neuer Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen. In einem Interview mit dem SPIEGEL erläutert der 45-Jährige, worin er künftig die Kernaufgaben seines Instituts sieht - und weshalb ihm die Forschung bislang zu "defizit-orientiert" war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Uslucan, das Renommee des Zentrums für Türkeistudien hat unter Ihrem Vorgänger Faruk Sen zuletzt arg gelitten. Was wollen Sie anders machen?

Uslucan: Faruk Sen hat sich beim Aufbau des Zentrums viele Verdienste erworben. Ich will mit meinem Team aber künftig mehr wissenschaftliche Akzente setzen. Wir werden uns nicht auf Ideologien und Vermutungen stützen, sondern ausschließlich auf Fakten. Wir wollen jenseits des Bauchempfindens eine größere Bandbreite aktueller Fragen der Migration und Integration in erstklassigen empirischen Studien erforschen. Stärker als bisher werden wir wissenschaftlich gestützte Politikberatung betreiben - und zwar für alle demokratischen Parteien und Akteure, die unseren Rat suchen.

SPIEGEL: Wo gibt es Forschungslücken?

Uslucan: Unser neuer Name "Stiftung für Türkeistudien und Integrationsforschung" zeigt, dass wir unser Themenspektrum erheblich erweitern werden. Wir müssen neben türkischen Zuwanderern dringend auch arabische Migranten oder die große Gruppe der Aussiedler in den Blick nehmen. Es geht nicht um Makrotheorie, sondern um die praktischen Fragen des Alltags: Wie läuft Religionserziehung in Migrantenfamilien ab? Welche Rolle spielt die Integration der Mütter bei Gewalttätigkeiten junger Zuwanderer? Warum werden Begabungen von Migrantenkindern in Schulen systematisch verkannt? Wichtig ist: Wir müssen weg von einem defizit-orientierten Diskurs. Ich würde zum Beispiel gerne erforschen, wie hochbegabte Migranten besser gefördert werden können.

SPIEGEL: Reichen dazu Personal und Geld?

Uslucan: Hochwertige empirische Studien sind in der Tat aufwendig. Ich möchte deshalb zusätzliche wissenschaftliche Fachkräfte ins Haus holen. Den personellen Ausbau der Stiftung wollen wir künftig über ein deutliches Plus bei den von Firmen, öffentlichen Auftraggebern und Einrichtungen der Forschungsförderung angeworbenen Geldern finanzieren - ich bin optimistisch, dass das gelingen wird.

Die Fragen stellte Andrea Brandt

Mehr lesen über