Interview zu Säuglingsmorden: "Komplett zerrüttetes Umfeld" - DER SPIEGEL
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Interview zu Säuglingsmorden "Komplett zerrüttetes Umfeld"

Neun ihrer Kinder soll Sabine H. kurz nach der Geburt getötet haben. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité, erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, wann Frauen ihre Neugeborenen töten.
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SPIEGEL ONLINE:

Experten schätzen, dass in Deutschland einer von 25.000 Säuglingen nach der Geburt von der Mutter getötet wird. Die 39-jährige Sabine H. soll gleich neun Neugeborene umgebracht haben. Was geht in solchen Frauen vor?

Heuser: Es wird jedem einleuchten, dass eine Frau, die insgesamt 13 Kinder gebiert und neun von ihnen mutmaßlich tötet, unter einer schweren psychischen, wahrscheinlich wahnhaften Störung leiden muss. Sollte sich bestätigen, dass Sabine H. alkoholabhängig war, muss man zudem in Betracht ziehen, dass eine solche Suchtkrankheit häufig mit paranoiden und psychotischen Symptomen wie zum Beispiel Stimmenhören einhergeht. Akustische Halluzinationen können unter anderem dazu führen, dass Frauen ihre Kinder auf Befehl einer imaginären Person töten.

SPIEGEL ONLINE: Könnte diese psychische Isolation ein Grund dafür sein, dass offenbar niemand aus der unmittelbaren Umgebung der Verdächtigen etwas von Geburt und Tod der neun Kinder mitbekommen hat?

Heuser: So, wie es zurzeit aussieht, hat auch niemand die neun Schwangerschaften bemerkt. Das finde ich besonders entsetzlich, denn es bedeutet, dass die Frau aus einem komplett zerrütteten familiären Umfeld stammen muss. Anders ist das nicht zu erklären. Da muss massiv und bereits seit langem etwas schief gelaufen sein. Was ist mit den Vätern der Kinder, den Großeltern, bei denen die Tochter in den vergangenen zwei Jahren zeitweise gewohnt haben soll? Zudem muss die Frau doch seit 1988 irgendwann einmal einen Arzt aufgesucht haben, selbst wenn sie nicht zum Gynäkologen gegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Verleugnung, Verdrängung und das Nichtwahrnehmen einer Schwangerschaft gehören zum typischen Verhalten von Frauen, die ihre Kinder töten oder aussetzen. Auch Sabine H. hat ausgesagt, sie könne sich an einige ihrer Geburten nicht erinnern.

Heuser: Das ist dann tatsächlich so. Solche Frauen nehmen die Schwangerschaft an sich selbst nicht wahr. Ich kenne Fälle, in denen Schwangere gemerkt haben, dass sie zunehmen und daraufhin eine Diät begonnen und vermehrt Sport betrieben haben, weil sie ihren Zustand negierten. Dabei handelt es sich um eine Form der Gedächtnisstörung. Die Frauen befinden sich in einem sogenannten dissoziativen Zustand, sie leiden unter einer schweren Bewusstseinseinengung. Von den Geburten selbst wird Frau H. durchaus etwas mitbekommen haben, sie hat sie schließlich gemeistert, hat vermutlich folgerichtig und realitätskonform gehandelt. Danach - so meine Hypothese - scheint sie das Vorgefallene allerdings aus ihrem Bewusstsein abgespalten und aus dem Gedächtnis getilgt zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich soll die Verdächtige bereits wieder im sechsten Monat schwanger sein. Könnte es sich hierbei um einen psychotischen Teufelskreis von schwanger werden, töten und erneut schwanger werden handeln?

Heuser: Dass eine Frau irgendeine Befriedigung dabei empfinden könnte, schwanger zu werden und dann zu töten, halte ich für unwahrscheinlich. Häufig sind Frauen, die ihre eben geborenen Kinder töten, sowohl emotional als auch intellektuell und sozial vollkommen vernachlässigt. Was sie tun, ist logisch nicht zu erklären. Dementsprechend verwundert zeigen sich in solchen Fällen in der Regel Nachbarn und Bekannte. Indem sie erklären, nichts gemerkt zu haben, versuchen sie, ihr eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen.

SPIEGEL ONLINE: Gesetzt den Fall, eine Frau wie Sabine H. würde für schuldig befunden und in Ihre Hände übergeben - halten Sie solche Menschen für therapierbar?

Heuser: Patientinnen mit einer wahnhaften Depression, die ihre Kinder zum Beispiel durch Ersticken im Affekt töten, sind in der Regel gut zu therapieren. Das gilt für Täterinnen, die ein- oder zweimal straffällig werden. Bei Patientinnen mit schweren Alkoholproblemen muss man zunächst entgiften, dann entwöhnen und die psychotische Erkrankung behandeln. In einem so schweren Fall, wie er sich bei Sabine H. andeutet, gestaltet sich eine Therapie entsprechend schwieriger, ist aber nicht hoffnungslos.

SPIEGEL ONLINE: Was kann das Umfeld tun, um potentiellen Kindsmörderinnen zu helfen, bevor sie töten?

Heuser: Alkoholabhängigkeit sollte wesentlich ernster genommen werden, als es bisher in Deutschland der Fall ist. Die Menschen sollten aktiv Hilfe anbieten und Alkoholiker möglicherweise auch gegen deren Willen zum Arzt bringen, um zumindest eine Diagnose zu bekommen. Unsere Gesellschaft bietet genug Hilfe an, man muss sie allerdings auch in Anspruch nehmen.

Das Interview führte Annette Langer