Italien Die Erde bebt noch immer
Trümmerhaufen in Pescara del Tronto
Foto: Giuseppe Bellini/ Getty ImagesDas Drama, das in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch um 3.36 Uhr begann, ist längst noch nicht zu Ende. Immer wieder flüchten die Menschen in den Dörfern am Rande der mittelitalienischen "Gran Sasso"-Bergregion auf die Straße, weil die Wände ihrer Häuser zittern, die Decken wackeln.
Mehr als 460 Erdstöße registrierten die Seismologen seit dem furchtbaren ersten Schlag, der mit der Wucht von Stärke 6 auf der Erdbeben-Skala zuschlug. Die folgenden Stöße waren zwar deutlich schwächer, die Experten sprechen von Stärke 4 oder 4,3. Aber auch das lässt hier keinen ruhig schlafen. Zumal noch immer Gebäude zusammenbrechen.
90 Prozent der Häuser zerstört
In Pescara del Tronto kann nicht mehr viel einstürzen. Von den einst vielleicht hundert Häusern stehen kaum mehr als zehn. Aber auch denen fehlen das Dach oder eine Mauer oder zwei. Die übrigen Häuser sind als riesiger Schutthaufen über den steilen Berghang verteilt, auf dem sich im 15. oder 16. Jahrhundert Menschen aus der Küstenregion ansiedelten, um in Sicherheit zu sein.
Drohnenvideo zeigt Zerstörung in Pescara de Tronto
Sie suchten hier im wilden Gebirgsland Schutz vor den ständigen Übergriffen von Söldner- und Verbrecherhorden in ihrer angestammten Heimat. Das hatte lange mehr oder weniger gut funktioniert. Doch gegen Erdbeben gibt es keine Sicherheit.
Etwa 200 Menschen seien im Ort gewesen, als über Nacht das mörderische Beben kam, die Hälfte davon Einwohner, die anderen Urlauber, sagt ein Zivilschutzmitarbeiter vor Ort, "aber nicht offiziell". Und man habe "46 oder 47 Leichen gefunden". Doch er fügt gleich hinzu: "Genau weiß ich es nicht, weiß es derzeit keiner".
Überlebende, das ahnt er, werde man "hier wohl kaum noch finden". Klar, "wenn es Indizien gibt, wenn man etwas hört", werde sofort wieder gegraben. Am Vormittag habe ein Suchhund Laut gegeben, und ein Trupp Männer habe ein tiefes Loch in den Schuttberg geschaufelt. Ohne Erfolg.
"Wie auch?", sagt der Zivilschützer, "Sie sehen es doch selbst". Und er deutet mit der Hand auf den Hang, auf dem das einstige Dorf Pescara del Tronto nun ausgebreitet als ein einziger, zusammenhängender Schutt- und Trümmerhaufen liegt. Wie nach einem massiven Bomben- oder Raketenangriff. "Wer soll das überlebt haben?"
Provinzen Rieti und Ascoli Piceno: Zerstörung nach dem Erdbeben
Im nahen Accumoli ist die erste Phase "Search and Rescue", Suchen und Retten, auch offiziell vorbei, erklärt Emanuele Cervellera, eine junge energische Frau, die den Einsatz der Carabinieri leitet. Alle Häuser sind geräumt, die elf Toten abtransportiert, die Verletzten in Krankenhäuser verbracht, die übrigen Ex-Bewohner auf vier Zeltstädte verteilt.
Jetzt ist das Dorf "gesperrt". Phase zwei beginnt: Experten vermessen jedes Haus, das noch steht, und entscheiden, ob es stehen bleiben darf oder ob das Werk des Bebens von Menschenhand vollendet werden muss.
Denn manche Häuser hier in Accumoli sehen auf den ersten Blick aus, als hätten sie den Angriffen aus der Tiefe der Erde erfolgreich widerstanden. Aber sieht man genauer hin, entdeckt man die tiefen Risse unterm Dach, die Fugen im Fundament, die verschobenen Winkel, dort wo Mauern aneinanderstoßen.
Ein Drohnenvideo zeigt das ganze Ausmaß der Zerstörung:
Mit einer Sondergenehmigung dürfen die einstigen Bewohner noch einmal in ihr Dorf, um aus jenen Häusern, die noch stehen, unter dem Schutz von Feuerwehr und Zivilschutz ein paar Habseligkeiten zu retten. Ein bisschen Kleidung, die Lieblingspuppe der Tochter, den Stoffhund des Enkels.
Stumm steht eine ältere Frau vor einem Haus, dem nur eine Wand fehlt, zur Straße hin. Vielleicht ist es ihr Haus. Dann ist es ihr Schlafzimmer, das sich im ersten Stock nun den Blicken aller Welt präsentiert. Das Bett ist übersät mit Steinen und Putz, die Türen des Kleiderschranks stehen offen, Bettwäsche und Kleidungsstücke sind halb herausgefallen. Was soll man da retten?
Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?
Unter Schock, mit starrem Blick, wie versteinert, sitzen die Menschen, die in Accumoli zu Hause waren, in den Autos, die sie den Berg hinunterbringen. Weg von ihrem Haus, ihrem Dorf, das sie lange Zeit nicht wiedersehen werden. Vielleicht nie mehr.
250 Menschen sind durch die Kollision der Erdplatten nach offizieller Zählung gestorben. Aber es wird ja vielerorts noch gesucht. In Amatrice wird in den Resten des Hotel Roma weitergebuddelt. Dort sollen 35 Gäste übernachtet haben, vier von ihnen wurden gefunden, tot. Die übrigen sind vielleicht rechtzeitig entkommen und sofort abgereist, so die Hoffnung. Oder sie liegen noch unter den Trümmern.
Die Zahl der Todesopfer, fürchtet der Präsident der Region Lazio, Nicola Zingaretti, "wird weiter steigen und nicht wenig".
Grafiken: Warum gibt es in Italien Erdbeben?
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