Italien: "Die Kirche begreift nicht" - DER SPIEGEL
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Italien "Die Kirche begreift nicht"

Nach Bekanntwerden mehrerer Missbrauchsfälle in Diözesen Italiens ermutigte zuletzt der Bischof von Bozen Betroffene, sexuelle Übergriffe anzuzeigen. Kritiker argwöhnen jedoch, dass das Gesetz des Schweigens in der katholischen Kirche stärker sein könnte als der Drang zur Aufklärung.
Bischof Golser: "Dem falschen Eindruck widersprechen, die Kirche wolle etwas vertuschen"
Bischof Golser: "Dem falschen Eindruck widersprechen, die Kirche wolle etwas vertuschen"

Bischof Golser: "Dem falschen Eindruck widersprechen, die Kirche wolle etwas vertuschen"

Foto: Diözese Bozen-Brixen
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Lange war es ruhig geblieben, doch in der vergangenen Woche hat der Missbrauchsskandal auch Italien erreicht. Die Zeitung "Corriere della Sera" berichtete von mehreren Fällen in den Diözesen Bozen, Florenz, Ferrara und Rom. Am Donnerstag entschuldigte sich der Bischof von Bozen, Karl Golser, öffentlich bei den Opfern. Er ermutigte Betroffene, nicht länger zu schweigen und weitere Vorwürfe bei einer zu diesem Zweck gegründeten Anlaufstelle der Kirche im Internet zu äußern.

Die Initiative sei ein wichtiger Schritt, "um dem falschen Eindruck zu widersprechen, die Kirche wolle etwas vertuschen", sagte Golser. Er kündigte zudem an, jeden Fall an staatliche Ermittler weiterzugeben, der nicht verjährt sei.

Der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, erklärte am Montag, er fühle angesichts der zuletzt bekannt gewordenen Fälle "ein unerträgliches Maß an Scham" und verwies darauf, man wolle künftig Priesteranwärter einer noch genaueren Prüfung unterziehen - schon ein pädophiler Geistlicher sei "einer zu viel".

Ein erster Ansatz - doch damit ist es laut Kritikern der katholischen Kirche nicht getan. Zwar seien einzelne Missbrauchsfälle eingeräumt worden, sagt Pater Giovanni Franzoni SPIEGEL ONLINE. "Aber bisher hat die Kirchenleitung nichts dagegen unternommen, dass Missbrauchsfälle regelmäßig von kirchlichen Autoritäten vertuscht wurden. Statt der Anzeige bei staatlichen Stellen blieb es bei innerkirchlichen Ermahnungen und Versetzungen."

Franzoni, 81, ist ein Kirchen-Insider. Bis 1974 war er Abt der römischen Abtei San Paolo fuori le Mura. Er verlor seine Position wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Amtskirche. Heute ist er in verschiedenen katholischen Basisgemeinschaften aktiv, unter anderem als Autor der Monatszeitschrift "Confronti". Aussagen wie die von Bischof Golser überraschen ihn nicht. Offiziell solle bei Missbrauch "null Toleranz" herrschen, so Franzoni. "Doch die Kirche begreift nicht, dass ihr Hauptproblem bei der mangelnden Prävention von Missbrauch liegt - und die findet einfach nicht statt."

Verlass auf eine "unkritische Presse"

Über 90 Prozent der 60 Millionen Italiener bekennen sich zur römisch-katholischen Kirche. In der Vergangenheit wurden immer wieder einzelne Missbrauchsfälle bekannt - jedoch nie in einer solchen Häufung wie in Deutschland oder Irland. Eine kritische Diskussion des Skandals gibt es Franzoni zufolge in Italien nicht: "Die Amtskirche ist nur auf ihr Erscheinungsbild bedacht und versucht weiter, die Skandale unter der Decke zu halten."

Sie könne sich dabei auf eine insgesamt unkritische Presse verlassen, die unbequeme Themen wie einen möglichen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch lieber nicht ansprechen will: "Auch deshalb zieht der Skandal in Italien längst nicht so weite Kreise wie in anderen Ländern - obwohl auch hier diverse Fälle bekannt geworden sind."

Wie schwer es auch in Zukunft mit der Aufklärung werden dürfte, zeigt die Veröffentlichung eines neuen Buches. Unter dem Titel "Die verborgene Sünde" werden Missbrauchsfälle beschrieben, die bereits seit Jahren bekannt sind. Die Autoren zogen es dennoch vor, anonym zu bleiben.