Kleines Finale: Das letzte große Volksfest - DER SPIEGEL
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Kleines Finale Das letzte große Volksfest

Ein letztes Mal schwarzrotgold schminken: Zum "kleinen Finale" Deutschland gegen Portugal versammeln sich Zehntausende Anhänger auf den Fanmeilen in Stuttgart und Berlin. Die Stimmung ist so heiter und ausgelassen, dass sich selbst Politiker zu WM-Hymnen hinreißen lassen.
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Stuttgart/Berlin - Es ist ein Heimspiel für Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Schon Stunden vor dem Anpfiff zum Deutschland-Spiel um den dritten Platz (21 Uhr, Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) feierten begeisterte Fans am Austragungsort Stuttgart die deutsche Fußball-Nationalelf.

Hunderte Anhänger belagerten bereits Mittag in der Heimatstadt des Teamchefs das Quartier der deutschen Mannschaft. Die Fans warteten in Nationaltrikots und mit Fahnen ausgerüstet auf Bundestrainer Klinsmann und seine Mannschaft, sangen "Klinsmann muss bleiben" und "Stuttgart ist viel schöner als Berlin". Einige skandierten selbstgedichtete Lieder auf den Bundestrainer, der im Stuttgarter Stadtteil Botnang aufgewachsen ist.

Vor dem Hotel der Mannschaft wehte ein Fahnenmeer. "Am Abend wird dort kein Durchkommen mehr sein", sagte ein Polizeisprecher. Er rechnet am Abend mit ähnlichen Fanmassen wie gestern, als etwa 6000 Menschen ihre "Klinsmänner" vor dem Teamhotel begrüßt hatten.

Nach Angaben der Polizei werden zum Abschiedsspiel der deutschen Mannschaft bis zu 70.000 Fans erwartet. Der Public-Viewing-Bereich, der 40.000 Menschen fasst, wurde am frühen Abend bereits geschlossen.

Kurz vor dem Anpfiff des soll den Kapitänen der WM-Teams ein ungewöhnliches Denkmal gesetzt werden. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) will am Stuttgarter Daimler-Stadion die Installation "Global Feet" enthüllen, für die sich Kapitäne der 32 WM-Mannschaften einen Abdruck ihres Fußes abnehmen ließen.

Berlin trotzt dem Unwetter

Auch in Berlin bereiten sich die Fans trotz unsteter Wetterlage auf das letzte WM-Spiel der deutschen Elf vor. Schon am Mittag versammelten sich mehrere zehntausend Fußball-Freunde auf Deutschlands größter Fanmeile auf der Straße des 17. Juni vor den Videoleinwänden. "Am Brandenburger Tor ist es schon richtig dicht", sagte ein Senatssprecher am frühen Abend.

Viele Fans sind in der inzwischen gewohnten WM-Kluft zum Fanfest erschienen: Schwarz-rot-goldene Utensilien - Fahnen, Perücken, Hosenträger, Ohrringe, Pickelhauben - und Gesichtsbemalungen in Nationalfarben. Die Veranstalter erwarteten für das Spiel um den dritten Platz erneut Hunderttausende Besucher, wie ein Sprecher sagte. "Es ist überall fröhlich und friedlich", sagte ein Polizeisprecher. Insgesamt 5700 Polizisten waren nach Angaben des Sprechers im Berliner Stadtgebiet eingesetzt.

Vor dem Spiel sollen über der Fanmeile nach der Prognose des privaten Wetterdienstes MC-Wetter noch einige Schauer und Gewitter niedergehen. "Während des Spiels ist es aber freundlich und trocken", sagte Meteorologe Norbert Becker-Flüge der Nachrichtenagentur ddp. Am Vorabend war die deutsch-afrikanische Party "Fußball für eine bessere Welt" wegen des heftigen Unwetters aus Sicherheitsgründen abgesagt worden.

Umfrage: 92 Prozent mochten die WM

So geht die Weltmeisterschaft 2006 in größtmöglicher Harmonie zu Ende. Laut einer von RTL in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage gibt es kaum jemanden im Land, dem das vierwöchige Festival der guten Laune nicht gefallen hat. Insgesamt 92 Prozent der Bevölkerung hat die Weltmeisterschaft sehr gut (68 Prozent) oder gut (24) Prozent gefallen. Von den besonders WM-Interessierten fanden sogar 79 Prozent das Turnier sehr gut und 20 Prozent gut. Für die Umfrage wurden am 6. und 7. Juli 1000 Menschen befragt. Nur zwei Prozent aller Befragten fanden die WM weniger gut, lediglich einem Prozent hat sie überhaupt nicht gefallen.

Die Mehrheit der Deutschen glaubt, dass die gute Stimmung keine Eintagsfliege war: 61 Prozent denken, dass sie auch nach der WM noch anhalten wird, 37 Prozent glauben dies nicht. Vor allem Menschen ab 60 Jahren sind sehr optimistisch, 66 Prozent von ihnen glauben an eine dauerhaft positive Stimmung im Lande. Entsprechend ist auch die überwältigende Mehrheit mit Bundestrainer Jürgen Klinsmann zufrieden: 92 Prozent - bei den WM-Interessierten sogar 95 Prozent - wollen, dass er Chef der Nationalmannschaft bleibt, nur zwei Prozent möchten dies nicht. Vor allem die 18- bis 29-Jährigen glauben an Klinsmanns Fähigkeiten: Von ihnen möchten 96 Prozent Klinsmann als Bundestrainer behalten.

Auch Politiker lassen sich angesichts der deutschen WM-Euphorie zu lobenden Worten hinreißen: "So ein positives Image hat unser Land selten gehabt", sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble der "Bild am Sonntag". Die WM-Partys in Schwarz-Rot-Gold will der CDU-Politiker nicht als neues Phänomen werten. "Befangenheit im Umgang mit Fahne und Hymne empfinden vielleicht Funktionäre der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die normalen Menschen aber schon lange nicht mehr", sagte Schäuble. Es handele sich um "die selbstverständliche Identifizierung mit dem eigenen Land".

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) würdigte die Fußball- WM als "großes Fest der Völkerfreundschaft" mit nachhaltiger Wirkung für das Bild Deutschlands im Ausland. Bei seinen Kontakten mit ausländischen Politikern habe er Begeisterung und Schulterklopfen als Reaktion auf das vierwöchige Großereignis erlebt, sagte er dem Hörfunkdienst dpa/RUFA. Deutschland werde im Vergleich zu früher als sympathischer und humorvoller empfunden.

Joschka Fischer: "Starkes Woodstock-Element"

Selbst der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sieht die neue nationale Begeisterung der Deutschen positiv. "Wir erleben in diesen WM-Tagen einen neuen Patriotismus. Er ist multikulturell, weltoffen und trägt ein starkes Woodstock-Element in sich", sagte Fischer dem SPIEGEL. Man dürfe diesen neuen Patriotismus aber "nicht zum Anlass nehmen zu erklären, jetzt seien auch die schrecklichen Teile unserer Geschichte erledigt".

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass bezeichnete es als ein "wunderbares Nebenprodukt" der Fußball-WM, dass die Deutschen "auf eine sehr einfallsreiche Art und Weise Flagge gezeigt" haben. Die Fröhlichkeit, mit der Hunderttausende Menschen die schwarzrotgoldene Fahne schwenkten, sei "unverkrampft" gewesen, sagte Grass der "Süddeutschen Zeitung". Er hoffe jetzt, "dass sich die Politiker im Nachhinein zurückhalten, nicht auf dieser Welle mitreiten und das Ganze zu etwas stilisieren, was es nicht sein kann und nicht sein wollte".

Kabarettist Dieter Hildebrandt äußerte sich gewohnt hintersinnig zur Patriotismus-Debatte, er wünsche sich nun, dass die Fahnen erst zur Fußball-Europameisterschaft 2008 wieder herausgeholt werden. Mit dem Stolz, ein Deutscher zu sein, könne er wenig anfangen. "Warum sollte ich? Ich bin doch nicht dafür verantwortlich, ein Deutscher zu sein. Ich bin stolz auf eine Äußerung von Franz Beckenbauer, der gesagt hat, jeder solle sich gelegentlich in einen Hubschrauber setzen so wie er, dann wüsste er, wie schön Deutschland ist. (...) Ich würde sagen: Patriotismus heißt Beckenbauer."

bor/AP/dpa/ddp

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