Klimawandel: Eskimo-Dorf verklagt Ölmultis - DER SPIEGEL
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Klimawandel Eskimo-Dorf verklagt Ölmultis

Die Einwohner von Kivalina im Nordwesten Alaskas gehören zu den ersten Opfern des Klimawandels. Die 400 Eskimos müssen mit ansehen, wie ihr Dorf im Polarmeer versinkt. Ein Bostoner Anwalt verklagt jetzt Ölmultis und Energiekonzerne auf Schadensersatz in Millionenhöhe.
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Boston - Im Büro von Matthew Pawa hängt das falsche Bild an der Wand. Pawa ist Anwalt in Boston, gerade hat er sich mit zwei Dutzend der größten Konzerne in den USA angelegt, es geht um ein paar hundert Millionen Dollar, und überm Schreibtisch des Anwalts hängt ein Bild von Chief Joseph, ausgerechnet.

Chief Joseph war Häuptling der Nez-Percé-Indianer. Ein Pazifist, zumindest der Legende nach, der von den Weißen zum Krieg gezwungen wurde, sich als genialer Feldherr erwies, eine Menge Schlachten gewann und erst ganz am Ende aufgeben musste, kurz bevor sein Volk das rettende Exil erreicht hätte. Ein sympathischer Verlierer, gewiss - aber ein Vorbild für einen Anwalt?

Auch Pawa hat es mit einem übermächtigen Gegner zu tun, und zumindest auf den ersten Blick stehen seine Chancen nicht gut: Gemeinsam mit einem Konsortium anderer Anwälte vertritt Pawa das Eskimodorf Kivalina. Der Ort hat 400 Einwohner, wegen des Klimawandels droht er ins Polarmeer abzurutschen. Für die Einwohner von Kivalina verlangt Pawa jetzt Schadensersatz: Das ganze Dorf muss umgesiedelt werden, und bezahlen sollen das die Profiteure des Klimawandels - damit meint Pawa die 24 größten Öl- und Energiekonzerne in den USA.

ExxonMobile, Shell, Chevron und America Electric Power und anderen wirft die Klageschrift vor, nicht nur Tonnen von CO2 in die Luft geblasen und damit den Klimawandel befördert zu haben; sie sollen darüber hinaus auch versucht haben, die Öffentlichkeit über die globale Erwärmung in die Irre zu führen.

Pawa ist Spezialist für Umweltrecht, er kann ein paar kleinere Siege vorzeigen: Gegen Autohersteller zum Beispiel, die weniger strikte Umweltschutzvorschriften durchsetzen wollten und an Pawa scheiterten. Doch mit der Klimaklage gegen die Ölkonzerne lässt sich das nicht vergleichen. Die Strategie von Pawa und seinen Kollegen wird die gleiche sein, mit der in den neunziger Jahren die Zigarettenindustrie verklagt wurde - es geht vor allem darum, den Unternehmen zu beweisen, dass sie wussten, welche Auswirkungen ihr Produkt hat - Krebs damals, Klimawandel heute. Jahrzehntelang blieben Klagen gegen die Industrie erfolglos, am Ende zahlten die Tabakkonzerne doch.

Eingereicht wurde Kivalinas Klage jetzt beim Gericht in San Francisco, Kalifornien. In Kalifornien nämlich haben besonders viele Öl- und Energiefirmen eine Niederlassung, hier ließen sich die meisten Angeklagten finden. Außerdem gilt Kalifornien als umweltbewusster Staat, da mögen die Chancen höher sein. Dieses Verfahren, so heißt es in amerikanischen Juraforen, sei richtungweisend: Falls sich das Gericht damit beschäftigt, dürfte es haufenweise Nachahmer geben.

Jeder Bauer kann dann versuchen, sich nach einer Missernte bei den Ölkonzernen zu bedienen, Inselstaaten können klagen, wenn der Meeresspiegel steigt Die Abwehrstrategie der Unternehmen ist ebenfalls klar: Sie werden sich zum Inhalt der Klage gar nicht äußern - sondern bestreiten, dass das Gericht überhaupt zuständig ist. Bis Ende Juni habe sie für ihre Erwiderung Zeit. Nach der sogenannten Political-Question-Doktrin kann ein Gericht sich für nicht zuständig erklären, wenn das Verfahren ein Thema behandelt, um das sich der Gesetzgeber oder der Präsident kümmern müsste. Außenpolitische Entscheidungen zum Beispiel lassen sich nicht vor Gericht erzwingen. Maßnahmen gegen den Klimawandel, so argumentieren die Unternehmen, fielen in die gleiche Kategorie.

So kann es durchaus sein, dass die Richter in San Francisco sich mit Matt Pawas Klage gar nicht beschäftigen wollen. Für diesen Fall ist eins schon klar: "Wir gehen in Berufung." In die nächste Schlacht, wie Chief Joseph.


"Ein Dorf verklagt die Welt": Eine ausführliche Reportage über Kivalina lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.