Kölner Stunksitzung: Das Karnevalskollektiv
Kölner "Stunksitzung" Der Anti-Karneval
Natürlich darf auch der Erzfeind nicht fehlen. Was der Unterschied zwischen Joachim Kardinal Meisner und Terroristen sei, fragt auf der Bühne des Kölner E-Werks ein Jeck den anderen und gibt sich die Antwort gleich selbst: "Terroristen haben Sympathisanten."
Zehn Jahre ist es her, dass der Kabarettist Jürgen Becker den konservativen Kleriker Meisner an selber Stelle ein "Arschloch" nannte und damit einen Eklat auslöste. Die Kirche tobte, der Schriftsteller Hans Conrad Zander diagnostizierte eine "pubertäre Retardierung" des "Alt-Obernarren", und doch war in diesem Moment eines klar: Die Karnevalsrevolution würde niemals ihre Kinder fressen, wenn die bloß zäh blieben, schwer verdaulich und manchmal eben auch geschmacklos.
Die Kölner "Stunksitzung" , gestartet vor fast 30 Jahren als studentischer Gegenentwurf zur etablierten Narretei, ist heute so etwas wie das Hochamt des anspruchsvollen Frohsinns. Etwa 50.000 Karten verkaufen die "Stunker" jedes Jahr - wer tatsächlich ein Ticket ergattern kann, hat entweder Glück oder Beziehungen oder es zu etwas gebracht im Berufsleben.
"Bionadebesoffene Besserverdienende"
Man sieht nämlich mittlerweile ziemlich viel Prominenz auf den wackligen Bierbänken im E-Werk, Fernsehleute, Kulturschaffende, Politiker auch. Es ist überwiegend die Klientel der Grünen, einer "Partei für bionadebesoffene Besserverdienende", wie Sitzungspräsidentin Biggi Wanninger sagt. Doch mit ihnen sind die einstigen Karnevalsrevoluzzer in die Mitte der Gesellschaft vorgerückt, eine Entwicklung, die anfänglich nicht unbedingt zu erwarten war.
Um zu verstehen, warum eine Gruppe angehender Weltverbesserer, die in Köln miteinander Sozialpädagogik studierten, Karnevalssitzungen veranstalten wollte, muss man sich zurückversetzen in die achtziger Jahre und noch einmal die damalige Biederkeit schmecken. "Wir wollen keinem weh tun", lautete eine Devise der etablierten Jeckenclubs, in denen sich das herausgeputzte Kölner Bierbauchbürgertum traf. Das andere Motto der Humor-Gerontokratie hieß: "Von Zoten frei die Narretei."
Aber da Humor zuweilen eine derbe Angelegenheit ist, auch oder vielleicht gerade in der vermeintlich besseren Gesellschaft, heuchelten sich die Traditionskarnevalisten jahrelang unter ihren selbst gesetzten Maßstäben munter hinweg. "Am Eigelstein ist Musik, am Eigelstein ist Tanz", sang man etwa, "da packt dat dicke Rita den Fridolin am … Eigelstein ist Musik am Eigelstein ist Tanz …" Und so weiter. Zwar fehlte für konsequente kindische Ferkeleien am Ende die Courage, verzichten mochten die Harlekine der Herrschaften auf sie dennoch nicht vollständig.
"Piefig, miefig, verpönt"
"Das Ganze war unmöglich", erinnert sich Winni Rau, einer der Gründer der "Stunksitzung". "Piefig, miefig und in unseren Kreisen vollkommen verpönt." Doch weil man die im Rheinland zur Jahreszeit erhobene organisierte Lustigkeit nicht auf ewig den Spießern überlassen wollte, und vielleicht auch, weil man das wiederkehrende Karnevalsexil in Holland leid geworden war, lud die Studententruppe 1984 selbst zum "Karneval Instandbesetzt". Sieben Mark kostete eine Karte.
An den Augenblick, als sie merkten, dass Frohsinn und ein alternativer Lebensstil sich nicht ausschließen müssen, könne sie sich noch gut erinnern, sagt Martina Klinke, die ebenfalls von Beginn an dabei war. Sie hätten hinter der Bühne gestanden und zugesehen, wie ihre Kollegen ein klassisches Karnevalslied veralbern wollten. Doch plötzlich sei die erste Reihe der Zuschauer, es waren ausgerechnet die Lederjacken vom Schwarzen Block, in Bewegung geraten. "Scheiße, das gibt's doch nicht", rief einer hinter dem Vorhang, "die schunkeln ja!"
Später dichteten die "Stunker" dann: "Dä Kommunismus, dä hät ene Rhythmus, ener fängk zu schunkele an, bis jeder mit muss. Nur keine Hektik wegen der Dialektik: Venceremos, leev Jenossen, jetz jeit et loß!"
Kreatives Chaos
Häufig aber geraten große Ideale ja in Vergessenheit, wenn man sich auf sehr konventionelle Weise mit der bestehenden Ordnung arrangiert hat. Zahlreiche Aufsteigerbiografien erzählen davon, wie wenig man die Welt noch verändern will, wenn man es tatsächlich könnte. Insofern ist es schon erstaunlich, dass sich ein Anderthalb-Millionen-Euro-Umsatz-Unternehmen wie die "Stunksitzung" eine ganz besondere Form des kreativen Chaos bewahren konnte.
Die 22 Gesellschafter der GmbH - mittlerweile können sie das halbe Jahr für und von der "Stunksitzung" leben - treffen wichtige Entscheidungen noch immer im Plenum. Welche Nummer nach Monaten des Probens doch wieder vollständig gestrichen wird, welche Honorarkraft für die nächste Session verpflichtet werden soll, wer welchen Sketch spielt und wo der im Programm platziert wird, diese heiklen Fragen beantworten sie gemeinsam.
Man kann sich gut vorstellen, wie mühsam die Abstimmungsprozesse sind, wie langwierig und heftig die Debatten, aber vielleicht ist die "Stunksitzung" genau deshalb so erfolgreich. Winni Rau spricht von "Schwarmintelligenz", und deren Vorteil sei: "Am Ende wird passieren, was richtig ist." Auf diese Gesetzmäßigkeit vertraue jeder einzelne im Karnevalskollektiv.
Geld hilft
Bei den etablierten Gesellschaften hingegen, diesen bunt uniformierten Männerbünden, geht es häufig noch ziemlich autoritär zu, hier gelten im Zweifel drei Regeln. Erstens: Ober sticht unter. Zweitens: Nicht Talent entscheidet über Erfolg, sondern die Dauer des bisherigen Buckelns. Drittens: Geld hilft.
Die gefeierten Büttenredner und bekannten Bands der großen Prunksitzungen bekommen Tausende Euro pro Auftritt. Frauen aber sind hier bis auf ganz wenige Ausnahmen noch immer lediglich Funkenmariechen-Staffage mit kurzen Röcken und Dauergrinsen im Gesicht.
Dabei inszenieren sich die Narren von alters her gerne als Rebellen, als Verhohnepipeler der Autoritäten, doch in Wirklichkeit wurden die Vereine nur gegründet, um den anarchischen und derben Straßenkarneval des Volkes in geordnete Bahnen zu lenken. Die bunten Kappen der Jecken erfand dann folgerichtig und jeder Legende zum Trotz auch ein preußischer General.
Ätzende Sketche und Lieder über den Kleinmut der traditionellen Karnevalisten sind daher aus der "Stunksitzung" ebenso wenig wegzudenken wie Späße über den konservativen Kölner Kardinal. An einer Stelle des aktuellen Programms etwa trällern die Spötter: "Geht nicht zu den Roten Funken, singt nicht ihre Lieder! Geht nicht in den Gürzenich, seid doch nicht so bieder!" Denn dort werde ohnehin nur eines geboten: "Über alte Witze lachen und Geschäfte machen."
Und außerdem gibt es ja längst eine Alternative.