Kolumbien: Knast für Klatschmäuler - DER SPIEGEL
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Kolumbien Knast für Klatschmäuler

Ein kolumbianischer Ort verbietet eine traditionsreiche Kommunikationsform: Wer in Icononzo Gerüchte verbreitet, landet schnell im Gefängnis - bis zu vier Jahre lang. Der Bürgermeister des Ortes will damit seine Mitbürger vor Denunzianten schützen. Kritiker werfen ihm vor, er wolle nur seine Gegner mundtot machen.
Von Stephanie Lob
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Icononzo - Klatsch ist das einzige Geräusch, das schneller ist als der Schall, sagt der Volksmund. In dem kolumbianischen Ort Icononzo rund hundert Kilometer südwestlich von Bogotá müssen Klatschmäuler neuerdings ihre schnelle Zunge bremsen. Dort ist Klatsch verboten.

Wer genüsslich die schmutzige Wäsche seines Nachbarn wäscht, der hat "Dynamit im Mund", heißt es im Dekret Nummer 91, erlassen durch den Bürgermeister von Icononzo, Jesús Ignacio Jiménez Romero. Allen "Gerüchtsvollziehern", wie sie der Aphoristiker Rupert Schützbach einmal nannte, drohen ein bis vier Jahre Haft oder Geldstrafen von bis zu 10.000 Euro.

"Das ist kein Scherz", sagt Bürgermeister Jiménez. "Es geht um schwerwiegende Dinge." Der Name Icononzo stammt von "Icononzué", das hieß in der Sprache der Ureinwohner "murmelndes Wasser". Heute plätschert kein Gebirgsbach mehr durch den 11.500-Einwohner-Ort, der in rund 1000 Metern Höhe auf dem mittleren der drei Andenzüge Kolumbiens liegt. Das einzige, was murmelt und raunt, sind Dorfbewohner, die ihren Nachbarn Böses wollen, sagt der 52-jährige Bürgermeister und streicht sich durch den Schnäuzer.

Alles fing damit an, dass fünf verzweifelte Bauern zu Jiménez kamen. Man habe ihnen 72 Stunden Zeit gegeben, um Land und Gut zu verlassen, erzählten sie ihm. Der Vorwurf: Sie arbeiteten angeblich mit der Linksguerilla Farc zusammen. Wer Urheber dieses Gerüchts war? Niemand wusste es.

Klatsch mit schweren Konsequenzen, sagt Jiménez: Mehr als 70 Familien und damit mehr als 210 Menschen hätten nach ähnlichen Drohungen im vergangenen Jahr ihr Land verloren und seien zum Teil bis nach Bogotá geflohen. Zwar seien inzwischen 40 Familien zurückgekehrt, im Gefängnis der Provinzhauptstadt Ibagué säßen aber immer noch acht Bauern ein, denen Verbindungen zur Guerilla nachgesagt würden. "Aber es gibt dafür keinerlei Beweise", empört sich Jiménez. Für die Farc-Guerilla zu arbeiten heißt in Kolumbien das gleiche, wie sich in den USA als Qaida-Sympathisant zu outen. Im Regierungsjargon sind die Aufständischen "Terroristen".

Klatschmaulkorb zeigt Wirkung

Die Zunge als Waffe in einem seit mehr als 40 Jahren andauernden Konflikt, das ging Jiménez zu weit. Und so erließ er vor einem guten halben Jahr das Klatschverbot. Bekanntheit erlangte es erst vor wenigen Wochen, als zwei Regionalabgeordnete das Dekret in der Presse als "Verstoß gegen die Meinungsfreiheit" geißelten. Urplötzlich fand sich das verschlafene Dorf nicht nur im gleißenden Licht der kolumbianischen, sondern sogar der internationalen Medien wieder.

"Was ins Ohr geflüstert wird, ist tausend Meilen weit zu hören", sagt ein chinesisches Sprichwort. "Jetzt stehen wir als Welthauptstadt des Klatsches da", schimpft eine Dorfbewohnerin, die ihren Namen nicht nennen will. "Aber hier wird auch nicht mehr über die Nachbarn hergezogen als in anderen Orten." Niemand spreche nun mehr über die guten Dinge im Ort, klagt ein Mann, etwa den traditionsreichen Kaffeeanbau.

Zweifellos aber tut der Klatschmaulkorb in Icononzo seine Wirkung: Wer das spanische Wort "chisme" in den Mund nimmt, erntet böse Blicke und eisiges Schweigen. "Dazu will ich mich nicht äußern", sagt ein Ladenbesitzer und starrt frostig vor sich hin.

Einer der wenigen, die sich nicht das Wort verbieten lassen, ist Jaime Augusto Quévedo Romero. Der 55-Jährige ist Direktor der örtlichen Grundschule und stinksauer auf den Bürgermeister. "Er hat Icononzo in Verruf gebracht", schimpft er. "Mein Sohn wohnt in Bogotá und erzählt, dass ihn jetzt jeder Klatschmaul nennt." Vor allem den Kindern von Icononzo habe Jiménez mit seinem Dekret einen Bärendienst erwiesen, sagt Quévedo. "Wenn sie in den Städten Arbeit suchen, wird ihnen gesagt werden: Ihr seid Klatschmäuler, Guerilleros."

Tratschverbot könnte Schule machen

"Klatsch", sagt der kolumbianische Kommunikationsforscher Federico Medina, "blüht vor allem dort, wo es keine klaren Informationen gibt." In der Abgeschiedenheit von Icononzo, das fast eine Stunde Autofahrt und steile Serpentinen vom Nachbarort trennen, waren klare Informationen lange Zeit Mangelware. Die grün überwucherten Berge waren bis vor anderthalb Jahren ideales Operationsgebiet für die Farc und ihre Erzfeinde, die Paramilitärs.

Heute haben sich die bewaffneten Gruppen zurückgezogen. Icononzo zahlt dafür wie andere Orte Kolumbiens einen hohen Preis: Auf dem mit Palmen gesäumten Marktplatz schieben zwölf mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten Wache. Teil des Programms der "demokratischen Sicherheit" des kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe. Die Soldaten machen sich einen Sport daraus, Fremde auf Waffen zu filzen. Jeder der wenigen Touristen ist für sie ein potentieller Guerillero.

Klatsch oder die "diskrete Indiskretion", wie Soziologen sie nennen, ist auch eine Form des Widerstands gegen Autoritäten. Das zeigt etwa der Flüsterwitz im "Dritten Reich". Quévedo glaubt, dass der Bürgermeister das Dekret erlassen hat, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen: "Er hat in den 18 Monaten seiner Amtszeit nichts zustande gebracht. Und nun das!"

Auch Jiménez spürt den Wind, der ihm ins Gesicht bläst. "Sogar meine Großmutter ist wütend auf mich", räumt er ein. "Klatsch ist natürlich Teil der Volkskultur. Früher haben sich die Frauen getroffen und beim Nähen über ihre Nachbarn geredet. Das will ich auch nicht abschaffen." Aber Klatsch arte eben manchmal in Beleidigungen und üble Nachrede aus. Und das richte schweren Schaden an. "Mir geht es darum, die Leute zu sensibilisieren, damit sie andere nicht satanisieren."

Möglicherweise findet das Klatschverbot bald Nachahmer: Jiménez zufolge haben bereits 37 kolumbianische Stadtoberhäupter den Text angefordert. Zum Schluss fällt dem Bürgermeister noch ein Bibelwort ein: "Der soll verurteilt sein, der den ersten Stein wirft."