Morbus Bechterew: "Was willst du mit dem Krüppel?"
Leben mit verformter Wirbelsäule Die Wieder-Auferstehung
Ludwig Hammel war 51, als er zum zweiten Mal aufrecht zu gehen lernte. Schritt für Schritt, seinen Blick richtete er in die Gesichter seiner Ärzte. Er brauchte Hilfe, einen Physiotherapeuten an seiner Seite, einen Rollator, der ihm Halt gab. Die ersten Wege waren kurz. Vom Bett zur Tür. Zwölf Schritte auf dem Krankenhausflur. Dann Treppenstufen und Tabletten gegen die Schmerzen. 16 Schrauben und zwei Stangen fixierten seine Wirbelsäule in ihrer neuen Position.
Hammel konnte wieder sehen, was vor ihm war, er brauchte zur Orientierung nicht mehr das Muster der Pflastersteine am Boden. Er schaute in die Gesichter der Menschen, die ihm entgegenkamen, in ihre Augen. Und konnte es kaum glauben.
Fast 20 Jahre lang hatte Hammel den Kopf nicht heben können. War bucklig und steif. Schwerstbehindert. Seine Wirbelsäule hatte sich krankhaft verformt, unten gerade und oben nach vorne gekrümmt. Diagnose: Morbus Bechterew. Unheilbar.
Mit 16 begann das Stechen in Hammels Kreuz. Er habe damals für den Sport gelebt, sagt er. Fußball, Tennis, Joggen, Bergsteigen. Mit 13 war er jüngster Fußball-Schiedsrichter in Europa. Es sei eine Mordsgaudi gewesen, damals. Dann die Schmerzen. "Mei, so ein junger Bursche mit Rückenschmerzen, das passte ja nicht zusammen", sagt Hammel. Er nahm Tabletten und machte weiter. Mit seinem Hauptschulabschluss, seiner Lehre als Kaufmann, als Mitarbeiter in einem Sportgeschäft, als Versicherungsverkäufer. Nebenher verdiente er Geld als Surf- und Skilehrer.
Jahrelang konnte ihm niemand erklären, woher die Schmerzen kamen. Keiner wusste, was mit Hammel los war, mit seinem Körper, der ihn immer häufiger im Stich ließ. Er war 23, als seine Rückenschmerzen endlich einen Namen bekamen: Morbus Bechterew. Hammel resignierte. Wollte sich nicht mit der Krankheit auseinandersetzen. Was sollte man schon machen, damals, in den achtziger Jahren? Sein Mofa, seine Kumpels, die Mädchen, das war es, was zählte. Er fühlte sich jung und unverwundbar.
"Es hat mich fertiggemacht"
Dann musste er den Sport aufgeben. Die Schmerzen waren unerträglich geworden. Er litt, körperlich und seelisch. Zwei Jahre habe er es nicht ertragen können, einen Fußballplatz zu sehen. "Es hat mich fertiggemacht." In ganz schwachen Momenten saß er nachts im Auto und fuhr einfach durch die Gegend. Jetzt gegen die Mauer? Hätte ja doch nichts gebracht. Ihm nicht. Niemandem.
Hammel wurde erst trotzig, dann Zweckoptimist. Er wollte nicht, dass die Leute ihm beim Rausgehen auf den Buckel starrten. "Also war ich eben der Letzte, der rausgegangen ist."
Er ging nach Oberammergau in die Reha, lernte Menschen mit demselben Schicksal kennen. Und ergab sich seiner Diagnose, wie er sagt. Gymnastik, Massagen, Moorbäder. Alles, um Muskeln und Gelenke beweglich zu halten. Über einen Patienten lernte er die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) kennen. Eine Selbsthilfegruppe.
Von seinen alten Bekannten - vom Fußball, Tennis oder Squash - hörte er immer weniger. Nach einem Jahr war er selbst in der DVMB aktiv, 1986 wurde er als Ehrenamtlicher in den Bundesvorstand gewählt, zwei Jahre später war er hauptamtlicher Geschäftsführer und zog nach Schweinfurt. Zwei Jahre lang wollte er dort bleiben. Dann lernte er Birgitta kennen, die beiden heirateten.
Für seine Frau sei die Krankheit nie ein Problem gewesen, sagt Hammel. Für ihr Umfeld schon. Noch kurz vor der Hochzeit habe sie sich Sprüche anhören müssen: Was willst du denn mit dem Kranken? Mit dem Krüppel?
Tochter Anna kam 1995 auf die Welt. Natürlich gab es Fragen im Kindergarten, warum der Papa so bucklig sei. Wie in den Geschichten, man kennt das ja, die Bösewichte, der Glöckner von Notre Dame. Anna imitierte den Gang ihres Vaters, um ihren Spielkameraden seine Krankheit zu erklären. Darüber lacht Hammel heute noch. Hält sich den kugeligen Bauch. Zwirbelt den Walross-Schnauzer zurecht. Er selbst engagierte sich damals unter anderem als Elternsprecher, mischte sich ein, wo er konnte, und klärte auf.
Getuschel hinter dem krummen Rücken
Körperlich ging es Hammel immer schlechter. Er nahm "Medikamente satt". Deponierte in den Autos enger Freunde Tabletten für den Notfall. Die Entzündungshemmer halfen zwar gegen die täglichen Schmerzen, die Versteifung seiner Wirbelsäule konnten sie jedoch nicht aufhalten. Das Atmen wurde schwerer. Der Ordner oben im Regal unerreichbar. Ein Glas im Stehen auszutrinken undenkbar. Augenkontakt mit Menschen immer seltener und dann unmöglich.
Dafür wurden die Blicke der Anderen häufiger, das Getuschel hinter seinem krummen Rücken. "Ist doch klar, dass die Leute gucken, wenn da so einer wie ich angewackelt kommt", sagt er. Die Krankheit ließ ihn 16 Zentimeter schrumpfen, mit 20 war er mal 1,78 Meter groß. Er kennt einige Betroffene, die der chronischen Krankheit nicht gewachsen waren. Die Alkoholiker wurden, die Schmerzen mit Drogen betäubten oder sich das Leben nahmen.
So wollte er nicht werden. Hammel machte sich Gedanken. Über Veränderungen. Eine Operation. Die Wirbelsäulenchirurgie hatte enorme Fortschritte gemacht, er kannte die Zahlen und Fakten. Ein Jahr lang wägte er die Möglichkeiten ab. Fragte weder Freunde noch Familie um Rat. Mein Körper, meine Sache, dachte er. Das war falsch, er weiß das. Seine Frau und seine Tochter haben es ihm oft gesagt, danach, als der Entschluss bereits feststand.
Im vergangenen Herbst fuhr er knapp 200 Kilometer nach Bad Berka in die Spezialklinik für Wirbelsäulenchirurgie. Begleitet wurde er von einem Kamerateam, Hammel wollte das so. Die Filmbeiträge sind mittlerweile auf der DVMB-Homepage zu sehen, andere Betroffene sollen sich so ein besseres Bild von der OP machen können, sagt Hammel.
Die Kameras waren dabei, als der Arzt seine krumme Wirbelsäule erst brach, dann aufrichtete und schließlich mit 16 Schrauben und zwei Stäben in ihrer neuen, geraden Position fixierte. Wie er mit Hammer und Meißel um das empfindliche Rückenmark hantierte, zwei Keile aus der Wirbelsäule schnitt, um sie dann nach hinten klappen zu können.
Pro Jahr macht der Mediziner das bei knapp 70 Patienten mit Morbus Bechterew. "Das sind die schöneren Operationen", sagt Heinrich Böhm. Weil sich die Patienten danach wie neugeboren fühlen und ihre Euphorie ansteckend ist.
Ein neuer Blick auf die Welt
Das Risiko sei mittlerweile überschaubar. Dank minimalinvasiver Techniken müsse man nicht mehr den ganzen Rücken aufschneiden. Auch ein Korsett sei nach der OP nicht mehr nötig.
In den Tagen und Wochen nach der Operation musste Hammel das Laufen neu lernen. Er traute sich noch nicht recht, den Rücken gerade zu halten, jetzt, wo er plötzlich wieder konnte. Das Gleichgewicht machte ihm zu schaffen. Ständig dachte er, nach hinten zu fallen. Die komplette Muskulatur war nicht auf die neue Statik im Körper eingestellt. Nachts konnte er vor Schmerzen oft nicht schlafen. Also wieder Tabletten. "Damals habe ich die OP bereut", sagt Hammel.
Inzwischen ist ein Jahr vergangen. An den neuen Blick auf die Welt hat er sich gewöhnt, er gefällt ihm. Seine Frau könne wieder zu ihm aufsehen, sagt Hammel. Er ist gewachsen durch die Operation, nicht nur körperlich.
Auch die Schmerzen haben nachgelassen - aber sie begleiten ihn noch immer. Morgens und abends nimmt Hammel Medikamente. Es ist nicht mehr der Rücken, die Muskeln in den Beinen machen ihm jetzt Probleme.
Der neue Körper ist noch immer ungewohnt.
Würden Sie die OP heute noch einmal machen, Herr Hammel?
Er überlegt lange. Und sagt: "Vermutlich schon."