Loveparade: Bis der Pott wackelt - DER SPIEGEL
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Loveparade Bis der Pott wackelt

Die Loveparade lebt: Was vor 19 Jahren als kleine Demo unauffällig begann, mauserte sich zu einer der größten Partys der Welt. Nun stellt sich Dortmund dem Ansturm von über einer Million Techno-Fans. SPIEGEL TV mischt sich unter die Raver.
Von Anna Yvonne Duda
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Ein Liebesmarsch mit elektronischer Tanzmusik: Zugegeben, das klingt etwas bieder - und bieder will diese Veranstaltung nun wirklich nicht sein. Deswegen heißt sie auch Loveparade und wird mit Techno-Musik beschallt. Dortmund ist dieses Jahr Ort des Geschehens. Nach Genehmigungsproblemen in Berlin zog das Event bereits 2007 von der Spree an die Ruhr. Vergangenes Jahr feierten die Techno-Tanzwütigen in Essen.

Nach Siegessäule und Brandenburger Tor haben sich die Veranstalter nun wieder einen geschichtsträchtigen Ort ausgesucht: Die Bundestraße 1. "Oh-ha!" wird da der eine oder andere Raver sagen, an der historischen Bedeutung des Ortes zweifelnd. Doch Zweifel sind unberechtigt.

Die heutige B1 erstreckt sich von der niederländischen Grenze bei Aachen bis zur polnischen Grenze Küstrin-Kietz an der Oder. Sie ist ein Teilstück der längsten und ältesten Transitstrecke Europas zwischen dem belgischen Brügge und dem russischen Nowgorod. Die Straße entwickelte sich aus einer alten Handelsstraße. Schon vor 2000 Jahren wurde auf dieser Route Handel getrieben. Nun wird getanzt.

Unter dem Motto "Highway to Love" werden am Samstag 40 Musikwagen, die sogenannten Floats, auf einer zwei Kilometer langen Strecke entgegen der eigentlichen Fahrtrichtung ihre Runden ziehen. Dafür wird die B1 - eine der meistbefahrenen Strecken Deutschlands - von Freitagabend bis Sonntagvormittag gesperrt.

Die Musikwagen kommen aus 15 Ländern, zum Beispiel Belgien, Australien, Südkorea, Ukraine und der Türkei. Die Fahrt der Musikwagen ist minutiös geplant. Das sogenannte "Float-Ballett" wird eigens dirigiert. Nicht immer war der Aufwand so groß.

Gerade mal 150 Teilnehmer tanzten auf der ersten Loveparade 1989 durch das geteilte Berlin - damals noch als politische Demonstration unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen".

Techno-DJ Dr. Motte, mit bürgerlichem Namen Matthias Roeingh, rief die Open-Air-Tanzveranstaltung ins Leben. Ein einziger VW-Bulli lieferte seinerzeit den Techno-Beat für die noch überschaubare Raver-Gruppe auf dem Ku'damm. Damals verlief alles noch ziemlich gesittet, die Raver waren erstaunlich konventionell angezogen, nackte Brüste sah man nicht.

1995 wurde der Ku'damm zu eng für die steigende Zahl der Tanzwütigen. Die Raver zogen 1996 um auf die Straße des 17. Juni und tanzten an der Siegessäule vorbei durch den Tiergarten bis zum Brandenburger Tor.

1,5 Millionen Teilnehmer

Die Veranstaltung entwickelte sich zu einer der größten Raverpartys der Welt. 1999 brach sie mit 1,5 Millionen Teilnehmern den Besucherrekord. Doch die Menschenmassen hinterließen nicht nur Berge von Müll, sie gefährdeten zudem Berlins Flora. Die Techno-Fans urinierten wahllos an jeden Baum. Der Tiergarten drohte zu übersäuern, und die Berliner entdeckten die Liebe zur Natur. "Ich muss die hier raus scheuchen, es geht nicht", so eine Baumschützerin zu SPIEGEL TV. "Man kann nicht in irgendwas reinpinkeln, was mir heilig ist, da muss ich es eben verteidigen."

Der Tiergarten starb dann doch nicht den Säuretod, aber die Loveparade verlor ihren Status als Demonstration. Seit 2001 ist sie eine kommerzielle Veranstaltung, was zur Folge hat, dass die Veranstalter für die Reinigung der Strecke und die Sicherheit der Techno-Liebhaber selbst aufkommen müssen. 2004 und 2005 musste die Loveparade deshalb aussetzen, weil die Sponsorengelder knapp waren.

"The Love is back"

2006 kehrten die Techno-Fans zu einer letzten Berliner Loveparade zurück in die Hauptstadt. Unter dem Motto "The Love is Back" feierten 1,2 Millionen Menschen zu Techno-Beats, neuem Sponsor sei Dank.

Da die Planungssicherheit für die Riesen-Technoparty in Berlin nicht gewährleistet war, zog die Loveparade Richtung Westen und fand 2007 erstmals im Ruhrgebiet, in Essen statt.

Man habe sich für das Ruhrgebiet entschieden, weil die Region "eine pulsierende Club-Kultur hat", sagt Loveparade-Sprecher Björn Köllen SPIEGEL ONLINE. Das sei wichtig für die Loveparade, genauso wie die politische Unterstützung: "Die Zusammenarbeit mit der Stadt Dortmund klappt hervorragend", so Köllen. So wurde auch ein Fünf-Jahres-Plan verabschiedet: Nach 2007 in Essen und 2008 in Dortmund folgen bis 2011 die Städte Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen.

Die Veranstalter rechnen mit etwa 1,2 Millionen Techno-Fans in Dortmund, "vorausgesetzt, das Wetter ist uns wohlgesonnen", sagt Köllen. Die Rettungsdienste in Dortmund haben sich unterdessen auf Erste Hilfe für geplagte Techno-Seelen eingestellt. 17 psychologisch geschulte Helfer stehen bereit und haben ein offenes Ohr bei Weltschmerz wie Liebeskummer.

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