Luxuskindergarten: Die kleinen Prinzen - DER SPIEGEL
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Luxuskindergarten Die kleinen Prinzen

Eine Kindertagesstätte sorgt für Schlagzeilen, noch bevor die erste Schaukel hängt. Im Promiviertel von Potsdam entsteht eine "Luxuskita" mit Sauna, Shuttleservice und Personenschutz. "Idealbild frühkindlicher Förderung" nennen die Betreiber ihr Konzept.
Von Miriam Schröder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Potsdam - Wer in dieser Gegend aufwächst, der hat gute Chancen, einmal reich zu erben. Am Ostufer des Heiligensees reiht sich Prunkvilla an Prachtanwesen. Nach der Wende sind die Promis aus dem Westen wie der TV-Moderator Günter Jauch, der Modedesigner Wolfgang Joop oder Springer-Verlagschef Mathias Döpfner scharenweise nach Potsdam gezogen. Sie haben die alten Villen im Norden saniert und die "Berliner Vorstadt" zum Vorzeige-Viertel gemacht.

Was aber macht die High Society mit ihrem Nachwuchs, wenn die Mutter zum Meeting nach London fliegt und der Vater noch spätabends auf Empfängen weilt? Die Lösung liegt in der Nachbarschaft: Das alte Standesamt im Viertel wird zum standesgemäßen Kindergarten, inklusive Fahrbereitschaft und exklusiver Betreuung rund um die Uhr.


Noch steht sie leer, die "Villa Ritz", zwei Stockwerke im klassizistischen Stil, halb verdeckt von hohen Bäumen, geschützt von einem schmiedeeisernen Zaun. Über dem Eingang wölbt sich eine Kuppel, getragen von weißen Säulen. Der lange rote Teppich auf dem Parkett im großen Saal gibt einen Vorgeschmack auf das luxuriöse Ambiente, in dem künftig Kleinkinder gewickelt und gefüttert werden.

"In das Souterrain kommen eine Sauna und ein Planschbecken. Daneben eine Vollwertküche, aus der das Mittagessen per Aufzug in den Speisesaal transportiert wird", erzählt Stefan Knabe, einer der fünf Gründer der Villa Ritz GmbH. Sie wollen das Gebäude pachten und bis zum Herbst in eine Fünf-Sterne-Kita umbauen. Auf 500 Quadratmetern sollen nicht mehr als 30 Kinder im Alter von null bis sechs Jahren spielen. Im Dachgeschoss werden Schlafgemächer eingerichtet, falls die Eltern der kleinen Prinzen und Prinzessinnen auch über Nacht beschäftigt sind.

"Keine kleinen Mozarts"

Viel schlafen aber werden die Kleinen nicht. "Wir wollen nicht einfach nur betreuen, sondern vor allem fördern", sagt Knabe. "In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Gehirn am schnellsten", erklärt der studierte Steuerberater, "die Zeit muss man nutzen, sonst verschwendet man Potential." Für die Eltern werden regelmäßig "Entwicklungsberichte" geschrieben, Zeugnisse über die Talente und Schwächen von Dreijährigen.

"Wir wollen hier keine kleinen Mozarts heranzüchten", betont Knabe, "aber wir wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass einmal Genies aus ihnen werden können." Die Erzieher sollen Englisch, Spanisch und am liebsten auch noch Chinesisch mit den Kleinen sprechen. "China ist wichtig", sagt der Villabetreiber. Es klingt, als wolle er, wenn schon keine Komponisten, dann mindestens globalisierungstaugliche Allrounder heranzüchten.

In New York lassen betuchte Eltern ihre Sprösslinge schon lange Chinesisch lernen. Auch in Potsdams reichem Norden scheint Knabe eine Marktlücke entdeckt zu haben. "Unsere Telefone stehen nicht mehr still", sagt Knabe, und dabei hängt im Garten der "Villa Ritz" noch nicht einmal eine Schaukel. "Nach dem Preis hat bislang kaum jemand gefragt", sagt Knabe. Die künftige Klientel der "Villa Ritz" sind Eltern, die wenig Zeit haben, aber sehr viel Geld. Denn der Eintrittspreis für die Nobel-Kita wird hoch sein. Auf 500.000 Euro schätzt Knabe die Kosten für den Umbau der denkmalgeschützten Villa.

Außerdem will er schon den ganz Kleinen studierte Pädagogen an die Seite stellen, mindestens einen für fünf Kinder. Die staatliche Kita-Förderung wird nur einen Bruchteil der Betriebskosten decken. Im Land Brandenburg liegt das normale Betreuer-Kind-Verhältnis bei eins zu 13, die Erzieher haben in der Regel die Berufsschule besucht - und können selten Fremdsprachen fließend sprechen. Dafür liegen die Kosten für die Eltern bei rund 300 Euro pro Monat. Für die Ritz-Kinder könnten es bis zu 1000 Euro werden. 

Märchen aus tausendundeiner Nacht

Knabe weiß, dass in der Kita hauptsächlich Schauspieler- oder Diplomatennachwuchs saunieren wird. Deshalb wird er für die Kinder einen staatlich geprüften Personenschützer engagieren. Auch wenn er das Wort nicht gerne in den Mund nimmt, ist Knabe überzeugt davon, dass das Land eine Elite braucht. "Im globalen Wettbewerb können wir nur mithalten, wenn wir die Besten frühzeitig fördern", sagt der frühere DDR-Elite-Schüler. Die Kita sei für ihn, der selbst noch keine Kinder hat, eine Art Versuch, ein "Idealmodell der frühkindlichen Förderung".

Knabe träumt schon von "Themenräumen", in denen er Wahrnehmung, Phantasie und Intelligenz der Kinder bestmöglich stimulieren will: "Da schütten wir zum Beispiel Sand auf und bauen eine Wüste. Vielleicht gibt es ein Beduinenzelt, in dem orientalische Musik erklingt und Märchen aus tausendundeiner Nacht erzählt werden." Gefördert werden in seinem Modell aber nicht die Besten, sondern allenfalls die Reichen.

Ein paar hundert Meter von der Villa Ritz entfernt, am Heiligensee, spielt eine Gruppe Kinder. Sie schlittern über die Eisfläche und jagen einander mit Schneebällen, sie quietschen und johlen dabei. Ihre Mütter stehen am Rand, sie haben die Kleinen gerade aus der kirchlichen Tagesstätte nebenan abgeholt. Von der "neuen Superkita" hätten sie gehört, sagen sie. An einen Wechsel denkt aber keine. "Wenn wir alle drei Kinder dorthin geben, können mein Mann und ich ja gleich mit einziehen", sagt eine junge Frau. "Dann bleibt ja nichts mehr für die Miete übrig." Auch Chinesischunterricht und Wüstenkunde überzeugen sie nicht. Eine Stunde Englisch bekämen die Kids auch in ihrer Kita. "Das reicht. Kinder müssen doch auch spielen."

Fotos: Erik Seemann