Mega-Parade in Rio Samba, Samurais und halbnackte Geishas
Rio de Janeiro - Jetzt gibt es kein Halten mehr: Die rund 85.000 Zuschauer im ausverkauften Sambodromo-Stadion brüllten vor Freude, als der berühmteste Karnevalsumzug der Welt am Sonntagabend (Ortszeit) endlich eröffnet wurde: "Das ist einmalig", schrie eine 75-jährige Touristin aus Italien begeistert in die laufenden Kameras.
An der Spitze der Sambagruppe Porto a Pedra tanzte die nur mit einem Body-Painting bekleidete Samba-Königin Angela Bismarchi. Die 36-Jährige hatte sich extra für das Motto "Japan" ihrer 42. Schönheitsoperation unterzogen, um ihren Augen asiatische Züge zu geben. Unter donnernden Trommelklängen führte sie eine Gruppe von Geishas, Samurais und Sumo-Ringern an, die an die ersten japanischen Einwanderer vor hundert Jahren erinnern sollten.
In Highheels und einem Minirock vertrat Thatiana Patgung die Truppe Mocidade Independente: "Vor den Trommlern zu laufen bedeutet, vor dem Herzen der Schule zu sein", sagt sie. "Dein Puls rast, und der Magen dreht sich um, aber es ist großartig", so die Brünette.
Bis Sonnenaufgang und bis zur totalen Erschöpfung soll heute und morgen getanzt werden, was das Zeug hält. Insgesamt 14 Samba-Organisationen beteiligen sich in diesem Jahr an der Riesenparade. Etwa eineinhalb Stunden brauchen die phantasievoll geschmückten Motivwagen, um die nur 800 Meter lange Strecke zurückzulegen. Rund 4000 Tänzer der zumeist aus den Favelas, den brasilianischen Slums, stammenden Sambaschulen werden sich ab jetzt die Seele aus dem Leib tanzen.
Mit der Parade beginnt ein fünftägiger Ausnahmezustand im Land: Wer nicht vor Ort sein kann, verfolgt das Mega-Spektakel auf Partys, in Kneipen oder daheim vorm Fernseher. Bereits am Freitagabend hatten Hunderte Sambatänzer in den Straßen von Rio den Karneval eingeläutet. In ganz Rio versammelten sich Samba-Fans, um spontane Partys zu feiern. Reich und Arm tanzten in den Straßen und brachten den Verkehr zum Erliegen. "Die Musik ist fantastisch, alle sind freundlich und wir waren bis vier Uhr morgens wach - aber ich erinnere mich nicht mehr an alles", resümierte Ewan Tweedie, ein 29-Jähirger Brite, den Zustand eines Karnevals-Touristen, bevor er am Strand von Ipanema ein Erfrischungsbad nahm.
Allein Rio de Janeiro erwartete zum diesjährigen Karneval die Rekordzahl von 750.000 Touristen aus dem In- und Ausland. Prominente wie Topmodel Naomi Campbell und US-Musiker Quincy Jones sind bereits vor mehreren Tagen in Brasilien eingetroffen. Tausende Beamte werden in Rio zwischen Sonntag und Mittwoch auf Sonderpatrouille geschickt.
In der nordöstlichen Provinzhauptstadt Recife feierten am Samstag mehr als 1,5 Millionen Menschen. Der Umzug "Galo da Madrugada" (Hahn der Morgenfrühe) gilt als größtes Karnevalsfest der Welt. Eine Million Menschen tanzten und sangen Medienberichten zufolge in der Stadt Salvador bis zum frühen Sonntagmorgen (Ortszeit).
Im Schatten der Sambaklänge
Während Millionen Brasilianer und Hunderttausende Besucher das Fest ihres Lebens feiern, kommen auch weniger fröhliche Meldungen aus Brasilien. Den ersten Schreck bekamen die Besucher des Sambodromo, als der Motor eines Allegoriewagens Feuer fing und viel Rauch aufstieg. Der Brand konnte jedoch schnell gelöscht werden.
Weitaus schlimmer der Bericht von einem Unfall während des Straßenkarnevals in Sabara im Bundesstaat Minas Gerais: Hier überfuhr ein Motivwagen 20 Feiernde. Zwei Menschen starben, zwölf wurden zum Teil schwer verletzt in Krankenhäuser gebracht.
Zudem wird der Karneval den Behörden zufolge in diesem Jahr von der zunehmenden Kriminalität überschattet. Kurz vor Beginn der Parade in Rio teilte die Bundespolizei mit, sie werde die Karnevalsorganisationen wegen illegaler Finanzierung durch Verbrechergruppen unter die Lupe nehmen. Seit Jahren wird vermutet, dass die Chefs des illegalen Wettspiels, die "Bicheiros", die finanzielle Stütze der Sambaschulen sind.
Eine Serie von Erdrutschen nach schweren Regenfällen hat gestern im brasilianischem Bundesstaat Rio de Janeiro mindestens neun Menschen das Leben gekostet. Alle Leichen seien in der Gemeinde Itaipava in einer bergigen Region etwa 75 Kilometer nördlich der Metropole Rio de Janeiro geborgen worden, berichteten Medien unter Berufung auf den Zivilschutz. Schlamm- und Gerölllawinen begruben den amtlichen Angaben zufolge mehrere Häuser unter sich. Unter den Todesopfern seien auch drei kleine Kinder, hieß es.
Überschattet wurde der Karneval in diesem Jahr auch von dem öffentlichen Streit um einen Holocaust-Motivwagen mit aufeinandergestapelten Pappmaché-Leichen samt Tänzern in Nazi-Uniformen. Eine Richterin verfügte, dass der Wagen nicht an der Parade in Rio teilnehmen dürfe. Die jüdische Gemeinde hatte den Wagen als unpassend kritisiert. Der Sprecher der Liga der Sambaschulen in Rio (Liesa), Hiram Araujo, prangerte das Urteil als "Zensur" an, mehrere Medien schlossen sich dem an. Der Chef der betroffenen Sambagruppe Viradouro, Marco Lira, kündigte als Protest "eine große Überraschung" an.
ala/dpa/Reuters/AP