Mode 2067 Der Sex der Langsamkeit
Hamburg - Nur oberflächliche Menschen beurteilen andere nicht nach ihrem Äußeren. Das wusste schon Oscar Wilde. Mode, das ist tägliche Selbstinszenierung am Schrank. Während der vergangenen 60 Jahre war denn auch das, was die Menschen sich als ihre zweite Haut überzogen, immer Barometer für ihre Sehnsüchte, für ihre Träume und dafür, was sie im Leben gerne darstellen würden.
Mit bauschigen Petticoats wurde in den Fünfzigern das Wirtschaftswunder gefeiert. Dann kam die Pille, und prompt schossen in den Sechzigern die Rocklängen in die Höhe. Antiautoritär, anti-Vietnam und immer so 'n bisschen links ließ man in den Siebzigern die Haare wallen und erklärte den BH zum Unterjochungswerkzeug.
In den "Greed is good"-Achtzigern wuchsen den Frauen überdimensionale Schulterpolster, mit denen sie im Manager-Gerangel ihren Mann stehen sollten. Gleichzeitig flüchteten die New Romantics im Piratenlook und "Like a Virgin"-Spitzentüll vor der rauen Realität des Kalten Kriegs. Nach so viel Schamlosigkeit und Ausschweifung konterten die Neunziger mit kühler Androgynität, und dann wollte jeder so natürlich und zart wie Christie Turlington in Calvin Kleins "Eternity"-Werbung über den Strand hauchen.
Dann aber wurde es verwirrend. An der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert, also seit etwa zehn Jahren, jagt ein Retro-Revival das andere. Statt neuer Ideen pflastern postmoderne Zitate den Laufsteg, und beim Blättern von Modezeitschriften beschleicht einen ein schales Déjà-vu-Gefühl. Die Mode-Menagerie dreht sich immer schneller um sich selbst und beißt sich dabei selbst in den Rockzipfel.
Implosion im postmodernen Hyperdrive?
Am liebsten hätten es die Designer, wenn man heute als Ethno-Hippie, morgen als verrüschte Baby Doll und übermorgen als Sado-Maso-Femme-fatale aus dem Haus gehen würde. Die Designer lauschen ratlos auf den Puls der Zeit und versteigen sich zunehmend in hysterische Übersprungshandlungen - ihre modebewussten Kundinnen natürlich fromm im Gefolge. Ob kurz oder lang, neureich oder dezent, schlampös rüschig oder nonnenhaft schlicht, alles geht, und nichts funktioniert so richtig.
Wo, bitteschön, soll das nur hinführen? Die kommenden 60 Modejahre ein Wirrwarr aus Nano-Trends? Ist die Welt so kompliziert geworden, dass wir gar nicht mehr wissen, wer wir sind, und von einem Stil in den anderen flüchten? Wird die Mode im postmodernen Hyperdrive implodieren?
Gemach. Rettung ist in Sicht, denn die Postmoderne nähert sich zu guter Letzt ihrem Ende. Spätestens seit dem Irak-Krieg (denn auch der hat mit Mode zu tun!) ist einem die Ironie vergangen. Wir befinden uns am Anfang der Neomoderne. Die Postmoderne war ein Begräbnis, die offizielle Todeserklärung ohne Gewissheit über Auferstehung von all dem, was im Bewusstsein der Aufklärung an Eleganz und Ästhetik erblüht war. Jetzt ist der Spuk glücklicherweise vorbei, und es werden wieder Nägel mit Köpfen gemacht, beziehungsweise Mode ohne eingebaute Identitätskrise.
Für Ihren Kleiderschrank bedeutet das: raus mit Kitsch, raus mit Metatext, raus mit pseudo-intellektuell-witzigen Referenzen. Raus mit den Leoparden-Killer-Stöckelschuhen, die laut Dolce & Gabbana irgendwann mal chic gewesen sein sollen, aber tatsächlich aussehen wie Berufskleidung des horizontalen Gewerbes. Raus mit Anna Suis Kindergartenkleidchen. Raus mit dem ganzen neureichen Roberto-Cavalli-Kram, denn wer will schon aussehen wie Victoria Beckham? Raus, raus, raus!
Weg mit dem Firlefanz!
Ist der Kleiderschrank-Detox dann einmal vollzogen, stellt sich natürlich die Frage: Was nun? Von jetzt an nur noch dunkelblaue Kostüme? Nicht unbedingt, aber Mode wird auf jeden Fall seriöser, aber gleichzeitig auch sexyer werden. Seriöser, weil der sinnlose Konsum-Teufelskreis aus Sehnsucht und Frustration zunehmend als solcher erkannt wird.
Die Sehnsucht nach einem langsameren Leben mit tatsächlichen moralischen Werten liegt in der Luft. Man will mehr vom Leben, als nur ein funktionierendes Glied in der Konsumkette zu sein. Statt Firlefanz und unnötiger Details, die ein Kleidungsstück innerhalb von zwei Monaten aus der Mode kommen lassen, wird die Mode der Zukunft klassischer sein, damit man länger etwas davon hat.
Gleichzeitig wird mehr Wert auf Haltbarkeit und Hochwertigkeit der Materialien gelegt werden und, im Zuge des Umweltschutzes, auch auf die biologische Verträglichkeit von Färbemitteln und Materialien. Wie viel Plastik kann der Mensch auf seiner Haut vertragen und wie viel unsere Umwelt?
Sexyer wird die Mode deshalb werden, weil wir uns wieder auf den eigentlichen Sinn unserer Kleidung besinnen werden. In der Antarktis oder Grönland mag das anders sein, aber in erster Linie zieht man sich an, um sich wieder auszuziehen, im Idealfall für oder vor einer anderen Person. Alfred Hitchcock hat das mal in dem weisen und überhaupt nicht postmodernen Satz zusammengefasst: "Eine Frau sollte immer so angezogen sein, dass man sie gerne wieder ausziehen möchte."
Es zählt das nicht Ausgesprochene
Und bevor Sie jetzt einen emanzipatorischen Hörsturz erleiden, sollten Sie Folgendes bedenken: Will denn letztendlich nicht jeder auf seine Art begehrenswert sein und will denn nicht jeder - auch für seinen Körper - geliebt werden? Deswegen werden Frauen auch in 60 Jahren noch hohe Absätze tragen, die das Bein verlängern und die Hüften wiegen lassen (staksige Stöckel-Quäl-Dinger, in denen man nicht laufen kann, werden allerdings abgeschafft).
Deswegen werden die Ausschnitte tief und die Röcke und Hosen figurbetont sein. Deswegen werden sowohl Frauen als auch Männer weiche Materialien tragen, die man gerne anfasst. Und weil es bei Erotik immer um das nicht Ausgesprochene, um das Geheimnis geht, wird nie alles verraten werden.
Kurzum, wenn Sie wissen wollen, wie sich unsere Nachfahren im Jahre 2067 anziehen werden, schauen Sie sich am besten einen Hitchcock-Film an. Nur eben müssen Sie sich das Ganze ohne Haarspray (wegen der Umwelt) und mit etwas kürzeren Röcken (schließlich sind die züchtigen Fünfziger schon seit über hundert Jahren vorbei) vorstellen. Und vor allen Dingen natürlich nicht als postmodernes Zitat, sondern total seriös. Ironisch wird nur Ihr Lächeln sein, wenn Sie daran denken, worin Sie heute noch rumlaufen.