Mohrs Herzschlag Cool bleiben, Sensenmann!
Friedhof in Heidelberg: Ich brauche nicht das ewige Leben, aber so ein halbes
Foto: dapdSterben muss jeder - gefühlt fast immer zu früh. Und da wir ohne unseren Willen auf die Welt kommen, dürfen wir auch bei unserem Abgang nicht mitbestimmen. Das Leben ist eben ungerecht. "Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn's passiert", sagt Woody Allen.
Auch ich wurde dummerweise geboren, ohne dass mich jemand fragte, ob es mir gerade in den Kram passt. Für mich als schwer Herzkranken wäre ein späteres Jahrhundert womöglich angenehmer gewesen: bessere Medizin, mehr Herzschläge, längeres Leben.
Vielleicht um 2300: Die dann praktizierenden Ärzte hätten für mein so anfälliges Herz eventuell nur noch ein Schmunzeln übrig. Die verschiedenen Missbildungen meines Pumpmuskels - unter anderem das Loch zwischen den Vorhöfen, die Extraverbindung zur Lunge, der zu geringe Platz - wären per Genoptimierung kurz nach der Befruchtung automatisch erkannt und durch einen "Protonensuprafibrillator" oder eine andere Wunderwaffe in Sekundenbruchteilen geheilt worden.
Vielleicht wäre ich allerdings auch in einem der in Zukunft zahlreichen Slums am eisfreien Nordpol zur Welt gekommen. Dort wäre ich dann nur 25 Jahre alt geworden. Nun gut, niemand kennt die Zukunft.
Konkrete Gefahr
Sterben ist für mich als Schwerkranken nicht nur ein Thema für trübsinnige Gedankenspiele, sondern eine konkrete Gefahr. Der Tod stört mich dabei weniger. Wer hat schon Angst vor dem Alles-ist-vorbei? Dann ist es eben dunkel im Tunnel.
Furcht habe ich, wie Woody Allen, allein vor dem Sterben. Wobei Woody Allen jetzt auch schon 75 Jährchen auf dem Buckel hat und das finale Kofferpacken damit näher rückt. Ich mit meinen 48 Jahren bin ja statistisch auch schon auf dem Rückflug.
Zu wissen, dass irgendwann das eigene Ende naht, zu erkennen, dass ich bald den Löffel abgeben muss - igittigitt! Wohl jeder träumt davon, in einer Nacht schnell und bequem für alle Ewigkeiten wegzudämmern.
Philosophen und Hobby-Denker pflegen gern Argumente wie "Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn erfinden" oder "Ein ewiges Leben wäre zum Sterben langweilig". Welch ein Quatsch! Mir würde schon genug Interessantes für ein paar Jahrhunderte mehr einfallen.
Ein halbes ewiges Leben
Im Mittelalter haben sich die Menschen, die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei schlappen 40 Jahren, womöglich auch gesagt: "80 Jahre alt werden, das muss doch total langweilig sein. Was soll man nur die ganze Zeit tun?" Heute wissen wir: Der Mensch ist anpassungsfähig, er hat sich exzellent an die doppelte Lebenszeit gewöhnt.
Mir gefällt die von dem englischen Schriftsteller Julian Barnes vorgeschlagene Abgangsvariante: "Zu sterben, wenn uns danach ist, wenn wir genug haben: noch 200, 300 Jahre so weitermachen, und dann selbst 'Na los, bring es hinter dich' sagen dürfen." Ich brauche nicht das ewige Leben - aber so ein halbes oder ein viertel, das wäre schon nicht schlecht.
Keiner verliert gern, besonders nicht das Leben. Ich bewundere Leute, die mit Gelassenheit, im Reinen mit sich und der Welt ihr Sterben so nebenbei ertragen können. Ob mir das einmal gelingt? Ich bezweifle es, fühle mich dabei aber nicht allein. Auch Goethe war, schenkt man dem Tagebuch seines Arztes Glauben, in seinen letzten Tagen "von entsetzlicher Angst und Unruhe beherrscht".
Stichwort Gottvertrauen
Es schadet der eigenen Menschenbildung natürlich nicht, sich ab und zu ein paar tiefsinnige Gedanken zu machen - Gedanken-Jogging hält angeblich ja den Geist lebendig: Wo kann unsere Existenz herkommen? Ist ein Leben nach dem Tod denkbar? Oder ist unser Dasein nur ein kleines biochemische Experiment? Nicht mehr als eine ziemlich instabile Verbindung von Atomen im unendlichen Raum?
Stichwort Gottvertrauen: Wer an das ewige Leben glaubt, der stirbt leichter. Angeblich. Für den Rest der Menschheit gilt der Satz des britischen Biologen Richard Dawkins: "Das Universum schuldet uns weder Mitgefühl noch Trost, es schuldet uns kein schönes warmes Gefühl in unserem Inneren." Nicht einmal am Ende des Lebens.
Mir fällt nur eine Strategie ein, mit dem Sensenmann umzugehen: Solange ich seinen Atem noch nicht im Nacken spüre, verschwende ich nicht allzu viele Gedanken an ihn. Gefragt ist die Kunst des Verdrängens.
Manche Momente in meinem Leben mit meinem kranken Herzen waren lebensbedrohlich, andere mit großen Torturen verbunden, es gab entwürdigende und zutiefst hoffnungslose Augenblicke. Trotzdem konnte ich immer weiter leben. Warum? Mein Gehirn hat vieles einfach beiseite geschoben und auf fabelhafte Weise verdrängt.
Also ist mein persönlicher Rat mit Blick auf den eigenen letzten Vorhang: Solange Sie noch leben, machen Sie das Beste aus diesem Experiment! Es gibt genug zu tun. Der Rest wird sich ergeben. Cool bleiben, Sensenmann!