Mohrs Herzschlag: Die Hölle des Wartens - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Die Hölle des Wartens

Das nennt man wohl Ironie des Schicksals: Nur wenn SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr eine Herzattacke erleidet, kann - endlich - eine dringend notwendige OP bei ihm durchgeführt werden. Und so wartet er in quälender Spannung auf den Worst Case. "Ein lausiges Spiel", findet er.
Rockkonzert: Nichts gegen das Warten auf den Gig der Lieblingsband
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Foto: Koichi Kamoshida/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warten ist eine himmlische Sache, wenn einem Leidenschaft versprochen wird: Etwa, wenn die seit Jugendjahren blind verehrte Band am nächsten Wochenende in der Stadt spielt oder im besten Lokal im Viertel endlich wieder diese unfassbar leckere Crème Brûlée auf der Karte steht.

Meist ist Warten aber nur langweilig und zäh: auf dem Hauptbahnhof, an der Kasse im Baumarkt, am Schalter auf dem Einwohnermeldeamt. Morgens um kurz nach sieben im Stau auf der Autobahn. Oder auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt in der Pause zwischen dem Abdruck der oberen Zahnreihe und dem vollständigen Abschleifen der Backenzähne links hinten. Eklig.

Warten kann sogar zu einer Qual werden, geradezu einen infamen Sog des Schreckens entwickeln. Wenn einem etwas Abscheuliches bevorsteht und man sich machtlos und einsam erlebt. Ich fühle mich derzeit durch Warten gefoltert. Auf was ich warte?

Zwischen meinem kranken Herzen, dem Chefkardiologen meiner Hamburger Stammklinik und mir ist ein netter Plan abgesprochen: Wir harren gemeinsam aus, bis mich die nächste aggressive Attacke meiner Herzrhythmusstörungen überfällt. Dann eile ich in die Klinik und werde schnellstmöglich operiert. Wenn möglich am gleichen Tag - oder an einem der nächsten.

Warten auf die Herz-OP - und immer schön locker bleiben

Der Plan ist sinnvoll. Denn nur bei einem massiven Anfall lässt sich das Chaos tief drin in meiner Blutpumpe genau analysieren und effektiv bekämpfen. Mit Hilfe mehrerer Katheter, eingeführt von beiden Leisten und dem linken oberen Brustbereich, wollen die Ärzte dann eine sogenannte Ablation in meinem Herzen durchführen. Die Mediziner versuchen dabei, mittels großer Hitze oder enormer Kälte, Gewebe tief drinnen in meinen Herzkammern zu zerstören. Damit sollen meine Herzrhythmusstörungen dauerhaft eliminiert werden.

Vier solcher Ablationen habe ich bereits hinter mir. Einige meiner sehr unterschiedlichen Herzrhythmusstörungen konnten schon beseitigt werden, aber vor allem eine, das rasende Vorhofflimmern, nervt mich noch. Immer wieder bedroht mich der gefährliche Eigenwille meines Herzen.

Erst vor kurzer Zeit brachten zwei Rückfälle mein Herz aus dem Takt. Gute Momente für eine Operation, dachten alle. Im ersten Fall aber konnten die Ärzte nicht Hand an mich legen, weil ich mit einem grippalen Infekt kämpfte. Die Operation wäre zu riskant gewesen. Beim zweiten Mal weilte der Oberkardiologe des Krankenhauses in den USA. Ohne den großen Meister soll die in meinem Fall außergewöhnlich komplizierte Prozedur aber nicht gemacht werden.

Nun also beim nächsten Mal ran ans Skalpell und die Katheter - und natürlich immer schön locker bleiben! Aber genau da liegt der Haken: Die Idee mit dem lockeren Warten hat deutliche Schwächen.

Elektrokardioversion: 30-mal "gegrillt"

Was passiert, wenn der Herr Professor wieder nicht zu greifen ist und auch kein adäquater Ersatz? Mediziner fahren in den Urlaub, weilen gern auf Kongressen, sind manchmal sogar selbst krank. Was wird unternommen, wenn ich dummerweise wieder einen Infekt habe?

Dann würde ich trotz eines passenden Anfalls wieder nicht operiert, sondern wie schon oft mit Elektroschocks abgefertigt. Die Mediziner jagen dabei Strom durch meinen Brustkorb und starten mein Herz sozusagen neu. Elektrokardioversion nennen sie das etwas rabiate Vorgehen. Freunde von TV-Krankenhausserien kennen das, wenn ein Patient wiederbelebt wird - bum-bum, bum-bum! "Stromen" und "grillen" nennen es die Notfallmediziner auf den Intensivstationen gern. Bei mir wurde es schon knapp 30-mal gemacht.

Anschließend darf ich dann wieder nach Hause - und frohgemut auf den nächsten Anfall warten. Hoffen, dass der sich dann zu einem passenden Zeitpunkt ereignet.

Diese zweifelhaften Aussichten nagen an mir. Schlägt mein Herz kurz unregelmäßig, was auch bei gesunden Menschen vorkommt, bin ich gleich in Alarmbereitschaft. Das Warten auf die Rhythmusstörungen und den möglichen Eingriff schränkt mich massiv in meinen Alltag ein. Aber mein Kardiologe sagt: "Warten Sie."

Meine fünfte Katheterablation an meinem Herzen wird kein Spaziergang. Es wird der bisher komplizierteste Eingriff seiner Art an meiner Pumpe, er wird risikoreicher sein als die vier vorherigen. Und die Aussichten, dass er erfolgreich ist, sind unklar.

Aber habe ich eine Alternative? Nach allem, was die Ärzte mir sagen, nein.

Also warte ich. Warte auf neue Gefahren, auf neue Qualen - aber auch auf eine neue Chance für mein Herz und mich. Irgendwann wird das Warten ein Ende haben, irgendwann wird es sich gelohnt haben. Das ist meine Hoffnung.

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