Mohrs Herzschlag: Es lebe der Sport! - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Es lebe der Sport!

Es ist ein herber Rückschlag für den herzkranken SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Joachim Mohr: Herzrhythmusstörungen, Elektroschocks, einmal mehr. Den Frust will er mit Sport bekämpfen. Und am liebsten der Krankheit davon laufen.
Jogger im Nebel: Um das Leben laufen
Jogger im Nebel: Um das Leben laufen

Jogger im Nebel: Um das Leben laufen

Foto: Z1018 Ralf Hirschberger/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bumm, bumm, bumm! Meine Herzschläge fühlen sich an wie zahllose Explosionen mitten in meinem Brustkorb - brutal und rücksichtslos.

Es ist kurz nach 2 Uhr mitten in der Nacht und meine private Horrorshow beginnt: Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde spüre ich, dass mein Herz außer Rand und Band gerät. Panik überfällt mich: Meine Blutpumpe zuckt wie irre, schlägt unregelmäßig, viel zu schnell. Nach über einem Jahr Ruhe - ich habe wieder Herzrhythmusstörungen!

Seit meiner Kindheit kämpfe ich mit meinem kranken Herzen, und kein Ende dieser zermürbenden Schlacht ist abzusehen: Ich bin mit mehreren Herzfehlern geboren und wurde am offenen Herzen operiert. Immer wieder sind Kardiologen mit Kathetern bis in mein Innerstes, meine Herzkammern, vorgedrungen und haben dort versucht, das eine oder andere zu reparieren. Rund 30 Mal gelang es den Ärzten nur mit Hilfe von Elektroschocks, einer sogenannten Elektrokardioversion, mein Herz wieder zum regelmäßigen Schlagen zu zwingen.

Die Nacht verbringe ich noch zu Hause, trotz des Irrsinns meines Herzens kann ich ein paar Stunden schlafen. Am nächsten Morgen ahne ich: Mir werden wieder einmal nur Stromstöße helfen.

Wieder gerettet. Freude mischt sich mit Wut

Wenigstens etwas Glück habe ich im Unglück: Es ist Montag, und am Montag ist bei meinem niedergelassenen Kardiologen immer ein mobiler Anästhesist im Einsatz. Ich rufe den mich behandelnden Arzt Manfred Geiger an, und der sagt nur: "Wir kriegen das hin, noch heute." So muss ich mich nicht durch den Dschungel einer Großklinik schlagen.

Ängste belagern mich: Werde ich durch einen Anfall einmal eine Lungenembolie oder einen Gehirnschlag erleiden? Beides kann passieren. Werden sich meine Herzrhythmusstörungen zu einem lebensbedrohlichen Kammerflimmern entwickeln? Auch das ist möglich.

Auf dem Weg in die Großpraxis drückt die nervliche Anspannung gewaltig auf meinen sonst guten Lebensmut: Verdammt noch mal, werde ich denn nie gesund sein? Ich fühle mich meiner verwünschten Krankheit ausgeliefert, bin kraftlos und zugleich zornig.

Am frühen Nachmittag klebt mir eine Arzthelferin silberne Elektroden auf die Brust und den Rücken. Eine Anästhesistin spritzt mir das Schlafmittel Propofol, ein Schmerzmittel und ein Mittel zur Muskelentspannung in eine Vene. Der Kardiologe Geiger jagt einen Stromstoß durch mein Herz.

Es klappt! Als ich wieder zu Bewusstsein komme, schlägt mein Herz wunderschön langsam und gleichmäßig. Welch eine Erleichterung!

Doch das Gefühl, wieder einmal gerettet worden zu sein, mischt sich mit Frust, ja Wut. Wird dieser mühselige Kleinkrieg mit meinem Herzen ewig weiter gehen? Ist es wieder nur eine Frage der Zeit, bis mich die nächste Attacke nieder streckt? All die Arztbesuche, all die Medikamente, all die Klinikaufenthalte - wartet kein Happy End auf mich?

Manche Momente in meinem Leben mit meinem kranken Herzen waren gefährlich, andere mit großen Torturen verbunden, es gab entwürdigende, aber auch hoffnungsvolle Augenblicke.

Das Ziel: Laufen um das eigene Leben

Ich habe die Schnauze gestrichen voll, ich will diesem unsäglichen Schlamassel etwas entgegensetzen, ich will nicht nur das Opfer sein. Ab jetzt will ich meine Krankheit weniger duldsam ertragen. Ich werde mich wehren - ich treibe wieder Sport!

Innerhalb weniger Sekunden treffe ich die Entscheidung: Ich werde kämpfen, nicht nur im Kopf, sondern auch wieder mit meinem Körper. Ich werde Gymnastik machen, ein wenig Krafttraining, vor allem aber werde ich joggen. Meine Herzkrankheit soll mich nicht stoppen, nein, ich werde ihr einfach davonlaufen.

Bis vor fünf Jahren bin ich regelmäßig gelaufen, zwei bis drei mal die Woche, jeweils zwischen einer halben und einer Stunde. Das tat mir gut, meinem Körper und meiner Seele. Doch dann wurde mein Herz schlechter, und meine kleine Tochter kam zur Welt. Ich war mit Überleben und Kinderbetreuung beschäftigt, mir fehlten Zeit und Kraft. Nun werde ich zurückkehren in den Wettkampf mit mir, meinen Muskeln, vor allem aber mit meinem Herzen. Ja!

Einfach los stürmen, das geht in meinem Fall natürlich nicht. Sofort vereinbare ich einen Check bei meinem Kardiologen: Blut untersuchen, Belastungs-EKG und Spiroergometrie. Grundsätzlich spreche nichts gegen Joggen, hat mir der Medizinmann meines Vertrauens am Telefon versprochen.

Ich will mich selbst mitreißen und begeistern. Aus Frust soll Lust werden, ich will mich wieder stark und mächtig fühlen. Ob mein Herz mitmacht? Keine Ahnung. Ich will um mein Leben laufen.