Münchner im Siegesrausch: "Eine Riesen-Gaudi" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Münchner im Siegesrausch "Eine Riesen-Gaudi"

Ein Land im Taumel: Nach dem Sieg der Deutschen gegen Schweden glauben sich die Fans dem Endspiel nah wie nie. Die Atmosphäre gleicht der des WM-Finales von 2002.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Kurz vor Mitternacht ist die Stimmung auf Siedetemperatur. Vorm Odeonsplatz wächst auf der Fan-Meile Ludwigstraße eine applaudierende Menschentraube. In ihrer Mitte: acht Schuhplattler. In Trachten. Mit Akkordeon. Die Menge johlt und winkt mit Schwarz-Rot-Gold: "So sehen Sieger aus", skandieren sie immer wieder. Und: "Oaner geht no, oaner geht no nei!"

Die Schuhplattler-Trachtengruppe "Almarausch" aus Emmering bei Erding ist schon ganz erschöpft. Seit dem Ende des Deutschland-Spiels gegen Schweden sind sie auf der Straße. Und gerade mal tausend Meter sind sie vorangekommen. "Es is' a Riesen-Gaudi", sagen sie, deshalb sind sie nach München gekommen. Jetzt kommen sie nicht mehr weiter, jeder Meter bringt ihnen neue Fans, die "Zugabe, Zugabe" skandieren.

Es ist eine Stimmung wie nach dem Finale der Weltmeisterschaft 2002. Damals ging gar nichts mehr zwischen Münchner Freiheit, Siegestor und Odeonsplatz. Zehntausende freuten sich über den Vizeweltmeister Deutschland und lagen sich in den Armen - immer wieder beteuernd, es gebe nur einen Bundestrainer Rudi Völler.

"Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!"

Vier Jahre später versetzt schon das siegreich bestandene Achtelfinale gegen Schweden in der Münchner Fußball-Arena die Massen in Siegestaumel. Jetzt gibt es nur noch "einen Jürgen Klinsmann", singen sie. Etwa 35.000 Menschen versammeln sich rund ums Siegestor und beschwören die Finalteilnahme in der Hauptstadt: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!"

Noch am Mittag triumphierte Blau-Gelb auf dem Marienplatz. Unterstützt von bajurawischen Bierköstlichkeiten verteilten die schwedischen Fans Papp-Warndreiecke mit Fußball spielenden Elchen auf gelbem Grund an die Deutschen, darauf: "Achtung Elch."

Derweil hatte ein Münchner Bauunternehmer einen Verkehrsbus in Deutschlandfarben gesponsert, der mit Besetzung kreuz und quer durch die Fußgängerzone kurvte und per Lautsprecher das offizielle WM-Lied von 1974 in die Gassen der bayerischen Hauptstadt schmetterte: "Fußball ist unser Leben." Am Odeonsplatz war gleichzeitig ein mit schwarz-rot-goldenen Wimpeln bestückter Rolls-Royce aus dem Münchner Nobelvorort Grünwald zu entdecken. Sogar die Schickeria bekennt dieser Tage Farbe.

"Nur ewig Gestrige haben Angst vor Deutschlandfahne"

Kurz darauf im Olympiapark: Hier steigt das größte Fan-Fest der Stadt. Seit WM-Beginn sind knapp eine halbe Million Fußball-Enthusiasten hierher gepilgert. Bisher hat das Gelände rund um den Olympiasee ausgereicht, 35.000 Fans haben dort Platz. Der Tag des Achtelfinals allerdings sprengt alle Planungen, die Veranstalter öffnen das seit Einweihung der Allianz-Arena fußballerisch verwaiste Olympiastadion. Weitere 25.000 Fans stürmen die Ränge - somit kehrt 32 Jahre nach der ersten Weltmeisterschaft in Deutschland der große WM-Fußball zurück in eines der noch immer schönsten Stadien der Welt.

Hier dominiert Schwarz-Rot-Gold. Nur ganz außen, ganz weit rechts sitzen ein paar schwedische Fans, mit weiß-blauen Hüten und zwei ebensolchen Fahnen. An den Buden gibt es Döner und Apfelschorle, bei 30 Grad Celsius besprengt die Feuerwehr die aufs Spiel wartenden Fans mit Wasser. Eine Stunde vor Spielbeginn versichert der Moderator des örtlichen Radiosenders die Fahnenschwenker ihres "gesunden Patriotismus": Nur die "ewig Gestrigen" würden Angst haben, "wenn mal 'ne Fahne geschwenkt wird". Um 16.15 Uhr gewinnt München die Lautstärke-Messung aller Fan-Feste in Deutschland.

Eine Stunde später führt Deutschland bereits 2:0 gegen die Skandinavier. Und nach der Gelb-Roten Karte für den Schweden-Verteidiger Teddy Lucic in der 34. Minute scheint alles gelaufen. Kurz nach der Halbzeitpause überwindet ein Flitzer die Absperrungen und spurtet übers Spielfeld. Die 25.000 im Stadion machen La Ola und fordern Zugabe. Nur die Schweden schauen ziemlich traurig.

"Ihr habt's guat g'spielt"

Das bleibt auch so. Nach der 90. Minute kehren sie zumeist niedergeschlagen in ihre Unterkünfte zurück. Von den rund 30.000 Schweden in München sind nach dem Spiel nur wenige auf der Fanmeile zwischen Odeonsplatz und Münchner Freiheit. Und wenn, dann werden sie liebevoll-ironisch adoptiert. "Ihr könnt nach Hause gehen", skandieren die Deutschen - während sie Träger des schwedischen Trikots herzlich umarmen und liebkosen.

Als sie eine hochgewachsene, blonde Schwedin auf der Fan-Meile entdecken, bitten sie höflichst um ein gemeinsames Foto - und entfernen sich danach per Kompliment: "Ihr habt's guat g'spielt." Die Polizisten vor Ort wissen von keiner einzigen Schlägerei, von keinem einzigen Ärgernis zu berichten: "Wir sind hochzufrieden", sagt einer. Es sei nur schade, "dass ich bisher bis auf Ecuador bei allen Deutschland-Spielen Dienst hatte". Wie lang gefeiert werden dürfe? "Ach", sagt da der Ordnungshüter entspannt, "so lange, bis eben keiner mehr da ist."

"Die Welt zu Gast bei Freunden" ist das so unendlich abgegriffene Motto dieser WM. Am Abend des Achtelfinalsiegs der Deutschen in München aber ist es lebendig wie nie. Im Englischen Garten, im Biergarten am Chinesischen Turm liegen sich in der Nacht die als Wikinger und Pippi Langstrumpf verkleideten Schweden mit den schwarz-rot-gold tragenden Deutschen in den Armen und fachsimpeln auf Englisch über Fußball. Grenzenlose Völkerverständigung.

Nur die Deutschen untereinander haben gewisse Probleme: Weil der Biergarten so voll ist und die einen den anderen beim Spiel Argentinien gegen Mexiko den Blick versperren, bitten die anderen die einen, die Sicht frei zu machen. Die wiederum finden das nicht wirklich lustig und drohen in landsmännischer Manier: "Du weißt hoffentlich, was Dich 'ne Anzeige so kostet?" - "Jaja", sagt da der Sichtbehinderte, "'nen blaues Auge kriegste kostenlos."