New York: Der einsame Tod der 9/11-Heldin - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

New York Der einsame Tod der 9/11-Heldin

Josephine Harris überlebte die Terroranschläge des 11. September 2001. Sie war einer von nur 16 Menschen, die aus den Trümmern  gerettet wurden. Die damals 59-Jährige wurde Heldin, Maskottchen, Symbol der Hoffnung. Jetzt starb sie - allein und verarmt.
Ruinen des World Trade Centers: 16 Menschen überlebten den Einsturz
Ruinen des World Trade Centers: 16 Menschen überlebten den Einsturz

Ruinen des World Trade Centers: 16 Menschen überlebten den Einsturz

Foto: Axel Fuchs / AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie nannten sie das "Wunder von 9/11". Ihre Geschichte war so unglaublich wie erhebend. Ein Funken der Hoffnung am Tag des Horrors.

Ein Funken, der nun, fast zehn Jahre später, einsam erloschen ist.

Josephine Harris war Buchhalterin bei der Port Authority, der Hafenbehörde von New York und New Jersey. Ihr Büro lag im World Trade Center, hoch oben im 73. Stock des North Towers. Auch an jenem Morgen war die Witwe zur Arbeit erschienen, obwohl sie seit Monaten humpelte, ein Auto hatte sie angefahren. Doch sie wollte sich nicht krankschreiben lassen: "Es ist noch nicht meine Zeit."

Auch am 11. September 2001 war es offenbar noch nicht ihre Zeit. Nachdem die Flugzeuge die Türme getroffen hatten, machte sich Harris auf den mühseligen Weg nach unten, zu Fuß, auf einem Bein. 59 war sie, übergewichtig und kurzatmig, trotzdem kämpfte sie sich immer weiter durch das enge, dunkle, rauchige Treppenhaus, alleine, vorbei an Trümmern und Leichen, zehn Stockwerke, 20 Stockwerke, 50 Stockwerke. Irgendwann begann der Boden unter ihren Füßen zu beben. Was sie nicht wusste: Nebenan stürzte der South Tower ein.

Schließlich, im 14. Stock, konnte sie nicht mehr. Sie begann zu weinen.

Dort fanden sie sechs Feuerwehrmänner. Es waren die Jungs der Einsatzgruppe 6 aus Chinatown, bepackt mit je 100 Pfund Ausrüstung und angeführt von Captain John Jonas. "Was machen wir mit ihr?", fragte einer den Chef. Die Antwort war klar: Sie schleppten Harris mit, schwitzend, ächzend, Schritt für Schritt.

"Ihr Name ist nicht Schätzchen"

Im vierten Stock, kurz vor dem Ziel, wollte Harris aufgeben. "Lasst mich liegen", japste sie, "rettet euch selbst." Ihre Zeit, so schien es, war gekommen.

Doch die Männer zerrten sie weiter.

Dann stürzte der North Tower ein, über ihnen und um sie herum. Eine Etage nach der anderen kollabierte, von oben nach unten, immer näher rasend wie ein Dieselzug. Es begann mit einem Windstoß, der sie umwarf, dann kam ein Rauschen, ein Dröhnen, ein Tosen. Sie wirbelten durch die Luft, eine harte Staubwolke verschluckte sie.

Als die sich gelichtet hatte, fanden sie sich in einem enormen, brennenden Schutthaufen wieder, halb begraben, ihre Gliedmaßen ineinander verdreht - doch unverletzt und lebendig. Es war in der Tat ein Wunder. Niemand wusste: Wer hatte hier wen gerettet? Fest stand: Timing, Zufall, Fügung und schlichte Statik hatten sie vor dem Tod bewahrt, und keiner wäre ohne die anderen davongekommen.

"Jemand", würde Harris später sagen, "hat über uns gewacht."

Drei Stunden dauerte es, eine Ewigkeit, bis die anderen Feuerwehrmänner sie fanden und ausgruben. "Schätzchen, wir holen dich da raus", riefen sie Harris durchs Trümmergewirr jovial zu. "Hör mal", protestierte einer ihrer Schutzengel von der Einsatzgruppe 6. "Ihr Name ist nicht Schätzchen. Sie heißt Josephine."

Josephine Harris war einer von 16 Menschen, die den Einsturz der Türme überlebten - alle im Treppenhaus B des North Towers, das zum einzigen Schutztrichter des Infernos wurde. Die Retter fanden die unfreiwilligen Helden verstreut zwischen dem 22. Stock und dem Erdgeschoss. Ein junger Mann war 55 Meter auf dem Trümmerberg in die Tiefe geschlittert, wie ein Surfer auf einer Monsterwelle.

"Alles ist gut"

Doch Harris' Story war die prägnanteste von allen. Sie wurde zum Symbol des Einigkeitsgefühls, das die Stadt, die Nation damals kurz zusammenschweißte. "Weiße Menschen, schwarze Menschen, gelbe Menschen, egal", sagte Bill Butler, einer ihrer Retter. "Wer auch immer in New York lebt, der war damals in dem Treppenhaus."

Bücher wurden über sie geschrieben, TV-Filme gedreht. Harris wurde zum Maskottchen der Einsatzgruppe 6, zum Dauergast in der Feuerwache an der Canal Street. "Ich habe jetzt sechs wundervolle, coole Männer als Brüder", sagte sie. Die schenkten ihr eine Jacke mit der Aufschrift: "Unser Guardian Angel".

Harris kehrte an ihren Arbeitsplatz bei der Port Authority zurück. Doch es fiel ihr schwer. Die Erinnerungen lasteten auf ihr, das Herz litt, die Schmerzen im Bein verschlimmerten sich. Als ihre Stelle nach New Jersey verlegt wurde, ins ferne Newark, hörte sie auf.

9/11 verschwand aus dem Bewusstsein der Amerikaner. Die Leute vergaßen Harris. Sie schlug sich mit ihrer mageren Invalidenrente durch, zog sich zusehends zurück, selbst von Verwandten. Sie hatte schwere Gesundheitsprobleme, musste oft ins Krankenhaus, verriet das aber keinem. Sie konnte ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, Miete, Strom, Telefon, und meldete Privatinsolvenz an.

Zum letzten Mal sah man sie vergangenen Mittwoch in der Öffentlichkeit. OWN, das neue TV-Network der Talk-Queen Oprah Winfrey, strahlte eine Sendung über die "Wunder von 9/11" aus. Harris trug eine Kittelschürze, eine graue Perücke und silberne Ohrringe. "Alles ist gut", sagte sie und lachte.

Am selben Tag, um 2.20 Uhr nachts, wurde die Feuerwehr zu Harris' Wohnung gerufen, an der Bushwick Avenue im tiefsten Brooklyn. Sie brachen die Tür auf und fanden die 69-Jährige ohnmächtig vor. Sie versuchten Mund-zu-Mund-Beatmung, doch es war zu spät. Mutmaßliche Todesursache: Herzinfarkt.

Ihre Zeit war gekommen, 242 Tage vor dem zehnten Jahrestag ihrer Rettung.

Die Männer der Einsatzgruppe 6 nahmen die Nachricht auf, als sei "ein Familienmitglied gestorben", wie John Jonas, inzwischen zum Vizechef des Fire Departments befördert, der "New York Times" sagte. "Wie waren tief traurig, das sind wir immer noch." Feuerwehrchef Salvatore Cassano würdigte Harris. Nachrufe erschienen. "Ruhe in Frieden", titelten die Blogs. "We remember."

Josephine Harris lag auch Tage nach ihrem Tod noch im städtischen Leichenschauhaus, ohne dass sie jemand abgeholt hätte.