Rücktritt von EKD-Chef Schneider Christenpflicht und Liebe
Nikolaus Schneider und Frau Anne 2012: "Unserem gemeinsamen Weg alle Zeit widmen"
Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpaBis November 2015 sollte er eigentlich noch durchhalten. Doch jetzt hat Nikolaus Schneider beschlossen, dass es genug ist. Die Gründe des EKD-Ratsvorsitzenden für seinen Rücktritt sind schwerwiegend - und nachvollziehbar. "Die Begleitung meiner an Krebs erkrankten Frau macht diesen Schritt unerlässlich", sagte der 66-Jährige. "Unserem gemeinsamen Weg will ich alle Zeit widmen. Dieser Wunsch ist mit meinen EKD-Ämtern nicht zu vereinbaren."
Bei seiner Frau Anne sei Brustkrebs diagnostiziert worden, auch das Lymphsystem sei befallen, sagte Schneider in Berlin. Noch in dieser Woche werde die Therapie beginnen. "Wir haben ein schweres Jahr vor uns."
Seit 44 Jahren sind Anne und Nikolaus Schneider verheiratet. In all den Jahren haben sie ihr Christ-Sein öffentlich gelebt, manchmal das Innerste nach außen gekehrt, wie etwa in ihrem gemeinsam verfassten Buch "Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist". Darin verarbeiten beide auf sehr persönliche Weise den Tod ihrer Tochter Meike, die 2005 an Leukämie starb. Jetzt steht Schneider fest an der Seite seiner Frau - und gibt ein Amt ab, das ihm von Beginn an nicht gerade auf den Leib geschrieben schien.
Schneider war zunächst Stellvertreter der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann, die nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss im Jahr 2010 spektakulär zurücktrat. Er rückte auf, pflichtbewusst, aber mit einer blassen Außenwirkung, die nach den charismatischen Vorgängern Wolfgang Huber und Käßmann noch schattiger wirkte.
Auf seinen mangelnden Pop-Appeal angesprochen, sagte er SPIEGEL ONLINE: "Ich bin wie ich bin. Das Leben hat mich gelehrt, dass ich eine Menge erreichen kann, wenn ich beharrlich und unaufdringlich vorgehe. Ich merke immer wieder, dass ich über Gespräche mit Entscheidern die öffentliche Meinung beeinflussen kann."
Im Amt war Schneider kein "Ja, aber"-Mann, sondern ein "Ja, aber auch"-Typ. Einer, der die Ruhe bewahrte und sich schwer aus der Reserve locken ließ. Freundlich und bestimmt, die Rhetorik allerdings so weich, dass es mitunter schwerfiel, ihm abzunehmen, dass er sein Amt auch politisch verstand.
Erklärte Käßmann 2009 noch unmissverständlich, ein Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan sei nach Maßstäben der EKD "nicht zu rechtfertigen", hält es Schneider in Sachen militärisches Engagement Deutschlands mit seinem Glaubensbruder und Bundespräsidenten Joachim Gauck. Am Beispiel des Südsudan erklärte der Ratsvorsitzende, ein Militäreinsatz könne zwar keinen Frieden schaffen: "Aber im äußersten Notfall, wo nur die Anarchie herrscht - da kann es gerechtfertigt sein, dass dann mithilfe von Militär der Krieg erst einmal zum Ende gebracht wird", sagte er vor wenigen Tagen dem Sender RBB Info.
1947 als Sohn eines Stahlarbeiters in Duisburg geboren, demonstrierte er in den Achtzigern mit seiner Gemeinde gegen die Schließung des Krupp-Werks in Rheinhausen. Er kritisierte soziale Kälte und seelenlose Profitgier, engagierte sich für eine nachhaltige Wirtschafts- und Sozialethik. "Ich bin vor allem Pastor", sagte er auch noch, als er bereits an der Spitze von 23 Millionen Protestanten stand.
Kampf ums Familienpapier
Schneider betonte stets, wie wichtig ihm die basisdemokratischen Strukturen in der EKD seien. Dies entbinde ihn aber nicht davon, seine Autorität zu nutzen, um Reformen anzuregen, befanden seine Kritiker. Zu gutmütig, zu wenig fordernd sei der Ratsvorsitzende, einer lähmenden Tatenlosigkeit würden Tür und Tor geöffnet.
Das unter Schneider entstandene "Familienpapier", ein Positionspapier der EKD, das die Kirche ausdrücklich für Patchwork-Familien und homosexuelle Partnerschaften öffnen soll, sorgte bei Progressiven für Beifall, bei anderen für Unmut und scharfe Kritik. Katholiken sahen das Sakrament der Ehe bedroht, Protestanten bemängelten theologische Dürftigkeit und warnten vor relativierenden Zugeständnissen an den Zeitgeist. Homosexualität sei in der Bibel nun mal zweifelsfrei negativ konnotiert, so ihr Argument.
Schneider reagierte mit bemerkenswerter Langmut auf die Kontroversen, auch wenn ihn die Härte der Diskussion überraschte. "Ich bejahe die Homosexualität als Ausdruck der Liebe zwischen zwei Partnern", beharrte er im August 2013 in der "Berliner Zeitung". Im protestantischen Kirchenalltag sind Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare längst Praxis. Doch eine Gleichsetzung der Segnung mit einer Trauung lehnte auch Schneider ab, vermutlich um seine Kritiker bei Laune zu halten.
Im Januar 2013 hatte Schneider sein Amt als Präses im Rheinland abgegeben. Die zweitgrößte Landeskirche hatte mit dem Finanzskandal um das kircheneigene Abrechnungsunternehmen BBZ nicht eben Werbung für die Protestanten gemacht. 20 Millionen soll die Zockerei die Kirche letztlich gekostet haben.
Lob bekam Schneider vor allem für seine ökumenischen Anstrengungen. Harmonisch verlief eine Audienz bei Papst Franziskus im Frühjahr 2013. Man plauderte über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, dessen Buch "Widerstand und Ergebung" den Pontifex inspiriert haben sollen. Schneider freute sich an der "Emotionalität" des Papstes: "Franziskus lebt sein Amt offensichtlich mit Kopf und Herz", sagte er der "Zeit".
Am 10. November wird Schneider sowohl als Ratspräsident abtreten, als auch aus dem Rat der EKD ausscheiden. Der hat 15 Mitglieder, deren Durchschnittsalter bei fast 60 Jahren liegt. Der Ruf nach einer Verjüngungskur für die obersten Gremien der EKD ertönt schon seit geraumer Zeit, doch mit adäquatem Nachwuchs hat die Kirche Probleme.
Im November soll auf der Synode in Dresden Schneiders Nachfolger gewählt werden - zunächst für ein Jahr. Äußern will sich derzeit niemand von den potenziellen Kandidaten und Kandidatinnen.
Gute Chancen auf den Posten als Ratsvorsitzender hat der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Der Theologieprofessor aus Bamberg gilt als linksliberaler, eloquenter Sozialethiker, mit Nähe zur SPD. Seine Mitgliedschaft in der Partei ließ er jedoch mit seiner Wahl zum Landesbischof ruhen. Er will den interreligiösen Dialog stärken, einen liberalen, demokratiefreundlichen Islam in Deutschland.
Auch der hannoversche Landesbischof Ralf Meister darf sich Chancen ausrechnen. Er studierte evangelische Theologie und Judaistik in Hamburg und Jerusalem, ist medienaffin und verfasste selbst Beiträge für den Norddeutschen Rundfunk. In der ARD sprach er das "Wort zum Sonntag".
Bei den Frauen wird Bischöfin Ilse Junkermann, 57, am häufigsten genannt. Sie studierte Evangelische Theologie in Tübingen und Göttingen und wurde im August 2009 Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Sie arbeitet ehrenamtlich mit Migranten und Asylsuchenden.
Im Jahr 2017 begeht die Kirche Martin Luthers das 500-jährige Reformationsjubiläum. Und braucht bis dahin das, was schon damals notwendig war: einen Neubeginn.