Okinawa Die missbrauchte Insel
Oleander blüht hinter Stacheldraht, Zuckerrohr schießt in die Höhe, birgt Schlangen und Satellitenschüsseln. Palmen und Bananen wachsen hier, die Männer tragen keinen Anzug, sondern Blumenhemd, auch im Büro. Okinawa ist das andere Japan. Ein Archipel mit vielen Namen: Ryukyu hieß das ehemalige Königreich einst, für die Amerikaner waren die Inseln der "Schlussstein im Pazifik", Herzstück ihres antikommunistischen Verteidigungsbogens.
Okinawas Unglück ist, dass es so günstig liegt. Günstig für die fremden Militärs, die vorrechnen, wie schnell man von der Insel alles erreichen kann: Korea, Taiwan, China, die Philippinen und die US-Stützpunkte auf Hawaii. Okinawas Glück ist die Schönheit seines Meeres. Seine Lage machte es zum Vorposten Japans, zum Schlachtfeld des Pazifikkriegs, zum unversenkbaren Flugzeugträger Amerikas, zur Hölle. Seine Strände machten es zur Projektionsfläche für Südseeträume, zum Paradies.
Kurz bevor die amerikanischen Truppen im Frühjahr 1945 die Inseln erreichten, mehr als drei Jahre nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, wurden 222 Schülerinnen und 18 Lehrer zweier Mädchenschulen auf Okinawa zum Lazarettdienst verpflichtet. Himeyuri, Prinzessinlilien, nannten sich die jungen Frauen. Eine der Prinzessinlilien war Yoshiko Shimabukuro.
Man hob die Mädchen hinaus aus der Höhle - auf das Schlachtfeld
Lehrerin wollte Yoshiko werden, und es erfüllte sie mit Stolz, dass sie es auf jene Schule geschafft hatte, auf der die Töchter Okinawas einst Basketball gespielt und Englisch gelernt hatten, bis man ihnen die Sprache des Feindes verbot und sie nichts anderes lernten als Vaterlandsliebe. Morgens mussten sich die Mädchen Richtung Nordosten verneigen, in Richtung des japanischen Kaiserpalasts. Das erste Wasser, der erste Reis am Tag gebührte zudem der Sonnengöttin Amaterasu, von der, so wollte man es sie glauben machen, das Kaiserhaus abstammte. Sie lernten zu marschieren, und sie übten in Rock und Bluse den Kampf mit der Lanze. Am 23. März 1945 schließlich kam der Einsatzbefehl. Yoshiko wusste nicht, wie es um die japanische Armee stand. Eine Woche noch, glaubte sie, dann haben wir gewonnen. 17 Jahre war sie damals alt, ein Mädchen mit rundem Gesicht, Seitenscheitel und zwei Zöpfen.
Als sie das erste Mal Blut sah, fragte sie: "Was soll ich jetzt machen?" Da herrschten die japanischen Soldaten sie an, ihre Arbeit solle sie tun, und zwar ordentlich. Also hielt sie den Chirurgen die Lampe; sie fütterte die, die keine Arme mehr hatten. Sie trug jene, die keine Beine mehr hatten. Sie pflückte die Maden von den Rümpfen der Verstümmelten, damit sie nicht in Nase und Ohren eindrangen. Am Anfang wischte sie die Tiere mit einem Tuch weg, so groß, so übermächtig war der Ekel. Irgendwann nahm sie die bloße Hand. Am Anfang gab es auch noch Betäubungsmittel, und die Mädchen schaufelten jedem Toten ein Grab. Später wurden den Patienten die Glieder ohne Narkose amputiert. Die Leichen warf man übereinander in einen Bombenkrater.
"Du lebst noch!"
Jeden Morgen beim Wasserholen schaute sie, ob sie ihre Freundin entdeckte. "Du lebst noch!", rief sie ihr zu. Wenigstens das. Sie hatte keine Zeit zu reden, keine Zeit, sich auszuruhen. "Schülerin!", schrien die japanischen Soldaten, halb besinnungslos vor Schmerzen und Hunger. "Du bist müde", sagte eine Schulkameradin zu Yoshiko. "Ich übernehme deinen Dienst." Das Angebot empfand Yoshiko als Glück, doch annehmen konnte sie es nicht, denn sie wollte - so hatte sie es gelernt - "dem anderen nicht zur Last werden".
Am 18. Juni, plötzlich, hieß es kurz und knapp: "Eure Hingabe weiß man zu schätzen. Doch von nun an geht ihr eure eigenen Wege." Das japanische Militär trieb die Mädchen aus der Höhle - hinaus aufs Schlachtfeld. Es war noch nicht einmal Zorn, den Yoshiko spürte. Sie konnte es einfach nicht verstehen. Warum jagte man sie aus dem Versteck? Hatte sie nicht ihr Bestes gegeben?
In den Träumen hört der Krieg nie auf
Nachts, wenn Yoshiko Shimabukuro schläft, hört der Krieg nie auf. In ihren Träumen muss sie rennen, sich auf den Boden werfen, weiterrennen, wie sie es damals tat. Sie sieht die Flammen, hört die Schüsse und die Schreie. Die Schiffe auf dem Meer, die Flugzeuge am Himmel, die Panzer auf dem Feld, alle schickten sie den Tod. Von 240 zwangsrekrutierten Schülerinnen und Lehrern überlebten 219 den Krieg nicht. Doch die meisten Mädchen kamen nicht während ihrer Arbeit als Krankenpflegerin um, sie starben innerhalb von wenigen Tagen nach ihrer Entlassung, als sie zwischen die Frontlinien gerieten.
War dieser Kaiser, in dessen Namen Japan kämpfte, war er noch ihr Kaiser nach dem Krieg? Yoshiko Shimabukuro hält den Kopf gesenkt, ruhelos wandern ihre Finger, suchen Halt, finden keinen, tasten über ihr Notizbuch. "Der Tenno hatte eine gewisse Schuld an dem Krieg, aber er war es nicht allein. Es gab doch diese Militärclique." Das sagt sie drei Mal hintereinander. "Es sind so viele gestorben", flüstert sie. Dann schweigt sie.
Fast 40 Jahre lang redete Yoshiko Shimabukuro nicht über ihre Zeit als himeyuri, bis einige Überlebende ein Museum gründeten. Die Prinzessinlilien, vom japanischen Militär indoktriniert, benutzt und in den Tod geschickt, wurden zum Sinnbild für das Leid, das Okinawa widerfahren war.
Der Teufel brachte das Elend - und die Pfefferminzdrops
Mehr als 90 Tage hatte hier der "Taifun aus Stahl" gewütet und über 200 000 Opfer gefordert, ein Drittel der Zivilbevölkerung war umgekommen. Er hatte die Menschen in Höhlen getrieben, immer tiefer waren sie in den Bauch der Insel gekrochen, wo es stickig war und dunkel. Die, die ins Helle zurückkehrten, mussten mit den Bildern leben. Japanische Soldaten, die Babys zum Tod verdammen, nur weil ihr Schreien das Versteck zu verraten droht, die Okinawer als Spione hinrichten, nur weil sie Dialekt sprechen, die schuldig werden am eigenen Volk. Töchter, die ihre Mütter bitten, mit "reinem Körper" sterben zu dürfen, ohne dass sich der fremde Mann an ihnen vergeht. Menschen, die sich mit Töpfen erschlagen, die Sichel schwingen, sich selbst verbrennen. Lieber Ehre im Tod als Schande in Gefangenschaft, lautete das Gebot aus Tokio. Beneidet wurden die, die Gift hatten. Der Amerikaner, hieß es, sei der Teufel.
Doch der Teufel nahm kleine Kinder auf den Arm, und später machte er sogar Geschenke. Er warf Butter, Käse und Pfefferminzdrops aus Propellermaschinen.
Und viele Okinawer sahen in ihm den Befreier. Vor allem aber schauten die Menschen auf ihr zerstörtes Land, und sie fragten sich, was für eine Mutter dieses Mutterland wohl sei, das die Schlacht allein dazu genutzt hatte, um die Invasion auf den japanischen Hauptinseln hinauszuzögern.
Mehr als 60 Jahre später sind die Amerikaner immer noch da. Sie haben die Landkarte von Okinawa mit Flecken überzogen, jeder Fleck markiert einen Stützpunkt, sodass es aussieht, als habe die Insel Ausschlag. 75 Prozent der Fläche, die das US-Militär in Japan nutzt, liegt auf okinawischem Boden. Vom Schutz, den das bilaterale Sicherheitsbündnis mit den USA verspricht, profitiert ganz Japan, das voller Argwohn auf China und Nordkorea starrt und sogar einen Großteil der Stationierungskosten der US-Truppen übernimmt. Die Last aber trägt vor allem Okinawa. Kilometerlange Zäune trennen die Basen ab, mehr als 30 Anlagen zählt man auf der Insel. Vor dem Zaun, entlang der Straßen, wächst ein Wald aus Strommasten, Laternen und Reklametafeln. Hinter dem Zaun ziehen sich endlose grüne Flächen, Flachbauten, Parkplätze - amerikanische Weite inmitten von japanischem Großstadtgewirr.
Alles, was das Herz begehrt - auf der Militärbasis
Manche Soldaten scheuen die Fremde jenseits des Zauns so sehr, dass sie ihren Stützpunkt in den zwei, drei Jahren ihrer Dienstzeit kaum verlassen, höchstens, um in militäreigenen Bussen zum Nachbarstützpunkt zu fahren. Sie brauchen nur das, was sie auf der Basis haben: Softballturniere, Computerspiele, Weihnachtsfeiern, eine Bibliothek, ein Krankenhaus, einen Supermarkt mit der Lieblingserdnussbutter. Natürlich können sich interessierte Ehefrauen, während der Mann dient, auch in der japanischen Kunst des Blumensteckens unterweisen lassen. Die Armee hat ihren eigenen Strand, die Marine auch. Es gibt sogar ein eigenes Ressort, nur für Militärangehörige. Einheimische müssen draußen bleiben.
Die Gate 2 Street in Okinawa City führt direkt zum Eingang der Kadena Air Base. Hier, rund um den größten US-Luftwaffenstützpunkt in Ostasien, haben die Taxifahrer nur Dollar als Wechselgeld, und in den Schaufenstern tragen die Puppen Shirts in der Größe XXXL. Manche Puppe wird gleich in Rapperpose geliefert mit zurechtgebogenen Fingern.
Es ist das Revier der GIs, die Auslauf brauchen. Nie gehen sie allein, immer zu dritt oder viert. Sie tragen Zivil, aber ihre Kleidung ist uniform: knielange Khakishorts, dazu Polohemd, Sportschuhe und eine Baseballkappe auf dem geschorenen Kopf. Sie tigern die Straße entlang, vorbei am Steakhaus "Big Bull", dem "First Chance Saloon" und den Bettlern, die alle genau hier und nirgendwo sonst auf der Insel die Barmherzigkeit suchen. Mit dem Licht verschwinden die letzten Japaner von den Bürgersteigen. Erst später, in der Nacht, wird man einige junge japanische Frauen an der Seite von Soldaten stöckeln sehen. Sie mögen den gaijin, weil er nicht so schüchtern ist wie die japanischen Männer; sie finden es aufregend, wie der Ausländer lebt, wie viele Freunde er hat, wie viel Geld. In Okinawa City geht, was auf dem Land verpönt ist: mit einem GI Händchen zu halten vor den Augen aller. In den Dörfern würden sie einen anstarren, und man würde die Missbilligung spüren in den Blicken der Alten.
Vom wilden Westen in den fernen Osten
Für den neugierigen Einheimischen steht vor dem Pub "Paddy Mac's" ein Schild mit japanischen Schriftzeichen: "Dies ist ein Geschäft für irischen Alkohol und irische Küche. Genießen Sie an diesem Platz die irische Atmosphäre." Meist aber lehnen nur amerikanische Soldaten am Tresen, und wenn es spät wird, kreisen selbst geknipste Fotos vom getöteten Feind. Ein Monat Afghanistan, drei Monate Kalifornien, vier Monate Okinawa, acht Monate Irak, wir haben Falludscha befreit, we did the big battle, ein Orden für Mut im Kampf, einer fürs Lebenretten, nach Falludscha vier Tage Thailand - zur Erholung, gesponsert vom Militär -, dann wieder Okinawa, dann wieder Irak, so geht das die letzten paar Jahre, bei Mikey, dem marine, und seinen Kameraden.
Trinken sie gegen die Erinnerung? "Bullshit", sagt Mikey. Sie trinken, um zu trinken, und weil alle trinken. Mikey, 24 Jahre alt, zumindest fühlt sich nicht traumatisiert. Das, was er in Falludscha erlebt hat, hatte er zuvor schon im Kino gesehen. Drei Mal wurde er im Irak verwundet. "Guck mal." Mikey schiebt die tätowierte Haut seines Unterarms hin und her, bis man die Beule sieht. "Da ist noch ein Stück Schrapnell." Als die ersten Soldaten aus dem Irak zurückkehrten nach Okinawa, war die japanische Polizei gewarnt. Sie verstärkte ihre Patrouillen und steckte den Elektroschocker ein.
Doch das kollektive Vergnügen in der Gate 2 Street währt nur die Wochenenden lang. Viele Soldaten hat es vom wilden Westen direkt in den fernen Osten verschlagen, das erste Mal Ausland und dann gleich diese Insel, wo alles so kompliziert ist, die Gefühle ihrer Bewohner so stark und so widersprüchlich, zwischen Ablehnung und Faszination.
Die GIs sehen die Menschenketten gegen die Basen, hören die Klagen, und sie sagen: Ich habe mir nicht ausgesucht, hierher zu kommen. Meine Regierung hat mich geschickt. Ich mache nur meinen Job, und dabei, nebenbei gesagt, beschütze ich euch. Warum also hasst ihr mich? Und warum, zum Teufel, strömt ihr am Tag der offenen Tür auf den Stützpunkt, stopft euch mit unserer Pizza voll, schleppt Berge von Pizzakartons nach Hause, warum wühlt ihr in unseren abgelegten Kleidern auf dem Flohmarkt, kauft unsere gebrauchten Popcornmaschinen, feilscht um unsere alten Uniformen, warum macht ihr das alles, wenn ihr uns doch so hasst? Drei Wege gibt es, heißt es bei den Soldaten, wie man mit einer Versetzung nach Okinawa klarkommt. Man wird Alkoholiker oder Fitnessfreak oder Christ.
"Amerikanische Bestien - raus mit euch!"
Die Okinawer aber antworten: Wir haben den 4. September 1995 nicht vergessen. An diesem Tag vergewaltigten drei amerikanische Soldaten ein einheimisches Schulmädchen, zwölf Jahre war es alt. Die Männer zerrten das Kind in ihr Auto und brachten es zu einem einsamen Strand. Der Oberkommandierende der US-Pazifikstreitkräfte gab später bekannt, er fände die Tat absolut unsinnig, schließlich hätten die Soldaten für den Preis ihres Mietwagens auch zu einer Prostituierten gehen können. Woraufhin er wenig später seinen vorzeitigen Ruhestand bekannt geben musste. Und Okinawa packte die Wut.
80 000 Menschen machten ihren Protest zu einer der größten Demonstrationen in der Geschichte der Insel. Plötzlich ging es nicht mehr um dieses eine Verbrechen, sondern, wie viele meinten, um das ganz große: die Militärpräsenz der USA auf Okinawa. Der Missbrauch des Mädchenkörpers wurde zum Symbol für den Missbrauch des Gemeinwesens durch die Großmächte Japan und Amerika. "Amerikanische Bestien - raus mit euch!" schrieben die einen aufs Plakat. Ihr, zürnten die anderen und meinten ihre eigene Regierung im fernen Tokio, ihr seid die Verbündeten derer, die unser Land wegnehmen und unsere Frauen bedrohen! Ihr, die ihr in Sicherheit und Wohlstand lebt, schützt uns nicht, habt uns nie geschützt, schon damals nicht, 1945 im Krieg! Und im Zorn verwoben die Okinawer drei verschiedene historische Momente zu einer machtvollen Geschichte: So unschuldig, rein und ohnmächtig wie das zwölfjährige Mädchen waren nicht nur die Prinzessinlilien, so unschuldig, rein und ohnmächtig war auch das friedliebende Okinawa, als die Weltmächte entschieden, es zu ihrem Spielball zu machen.
Die Einheimischen sehen sich selbst als Mahner, legitimiert durch ihr Leid, prädestiniert durch ihr Herz, das Okinawa no kokoro, denn der Pazifismus sei ein Wesensmerkmal ihrer Kultur. Sie zitieren ein altes Inselsprichwort: "Wenn zwei sich zum ersten Mal treffen, sollen sie Brüder werden." Sie erzählen, dass Karate ursprünglich von hier stammt, diese Kampfkunst ohne Waffen, die Verteidigung mit der "leeren Hand". Und sie haben eine Gedenkstätte gebaut mit einer Friedenshalle und einem Friedensmuseum, einer Friedensflamme und einem Friedensberg. Die Flamme, heißt es, sei symbolisch verbunden mit den Fackeln von Hiroshima und Nagasaki, den Stätten der Atombombenabwürfe - auch das eine Aussage, um die Dimension des Grauens klarzumachen.
Okinawa: Hier tickt das Leben langsamer
Der Ort, an dem die Amerikaner landeten, ist heute ein Picknickplatz
Aufmarsch der Schulklassen auf dem Friedensplatz, jede in eigener Uniform.
Hier braune Kleidchen, dort blaue Faltenröcke, überall Mädchenbeine mit Kniestrümpfen. Ein Mann mit Megafon dirigiert. "Stellt euch hintereinander auf!" - "Du, tritt nicht aus der Reihe!" Die Kinder formieren sich, die Jungs stopfen ihr Hemd in die Hose. Eine Schülerin spricht. "Zeigt Respekt", mahnt sie, und alle verneigen sich gleichzeitig vor dem Gedenkstein. "Wir haben viel über den Krieg gelernt", piepst sie ins Megafon. "Wir sind froh, dass wir in einer anderen Zeit geboren sind. Wir wollen den Frieden erhalten." Niederlegung von Papierkranichen auf dem Denkmal - die bringen Glück, sagt man in Japan -, Verbeugung, Gruppenbild vor der Friedensflamme, eins, zwei, drei, zählt der Lehrer und formt die Finger zum Victory-Zeichen, klick! Abmarsch, die nächste Klasse wartet schon.
Eingraviert in Granit sind die Namen aller, die in der Schlacht um Okinawa umgekommen sind: Amerikaner, Japaner und die Angehörigen anderer Nationen. Das Denkmal unterscheidet nicht zwischen Freund und Feind, hier geht es nicht um Helden, sondern um Opfer. Jeder Tote ein Schriftzug, jeder Tote zählt gleich. Das sagt der erste Blick. Doch auch im Gedenken bleiben die alten Grenzlinien gewahrt, denn die Toten sind nach ihrer Herkunft getrennt gelistet, Gehwege teilen drei Blöcke ab: einen für die Ausländer, einen für die Okinawer, ein dritter für die Japaner aus den anderen Präfekturen. Selbst diese Trennung ist manchem Angehörigen nicht deutlich genug. Er versteht gar nicht, warum man ein okinawisches Opfer und einen japanischen Täter in gleicher Weise betrauern soll.
Der Ort, an dem am 1. April 1945 die Amerikaner landeten, ist heute ein Picknickplatz. Ein Felsen wächst wie ein Pilz aus dem Wasser, das Meer ist flach hier und grün vom Seetang. Ein kleines Mädchen mit Lackschuhen lässt Sand durch seine Finger rinnen, während die Mutter das Handy ans Ohr drückt. Ein aufgeräumter Ort: Holzbänke unter rotem Ziegeldach, Yucca in Reih und Glied. Am Toguchi-Strand vergnügen sich die Inselbewohner auf die Art, wie es ihre ehemaligen Besatzer tun. Sie machen Barbecue.
Tomoko Komesu ist mit ihrer Mutter, ihren Schwestern und Nichten gekommen. Sie alle haben schon als Kinder gelernt, dass man nur am Meer "das Herz fallen lassen" kann, innere Ruhe findet. Also sitzen sie am Meer, schauen aufs Meer, lauschen dem Meer, stundenlang, lassen den Tag vorüberziehen, essen, trinken, reden am Meer, nur eines tun sie nicht: Sie schwimmen nicht im Meer. Und sie kennen auch keinen Okinawer, der so etwas tut. Die Kinder spielen wohl im Wasser, doch wenn jemand badet, sagt Tomoko, kann man davon ausgehen, dass es ein Tourist ist. Die junge Frau will nicht, dass sich ihre Haut noch dunkler färbt. Weiße Haut gilt in ganz Japan als schön, besonders aber auf dieser Insel, wo man sich vom mainlander früher als klein und dunkelhäutig beschimpfen lassen musste.
In Okinawa tickt das Leben langsamer
Wenn jemand Tomoko fragt, woher sie kommt, sagt sie: Okinawa. Nicht Japan. Wenn jemand sie fragt, worin sich Okinawer und Japaner ähneln, fällt Tomoko nichts ein. Sie seien so anders, die Menschen vom mainland. Hört und sieht man es nicht schon am Gang? "Chakachaka", so klingt es, sagt Tomoko, wenn die Absätze der Pumps auf den Boden knallen und den Takt vorgeben für das Leben auf den Hauptinseln. Hier aber bewegen sich die Menschen langsamer, es gilt die Uchina time, die Okinawa-Zeit, die zugleich steht für eine bestimmte Haltung, für die Absage an Hektik und das Bekenntnis zur Gelassenheit. Man einigt sich auf acht Uhr, erscheint 30 Minuten später, und niemanden stört es. Bis auf die Firmenchefs vom mainland, die es gewohnt sind, dass die Tokioter S-Bahn im Ernstfall eine "Verspätungsbescheinigung" an die Passagiere verteilt, einzureichen beim Arbeitgeber, wobei der Ernstfall schon nach wenigen Minuten eintritt. Diese Chefs verzweifeln an der Uchina time und holen sich ihre Mitarbeiter nur noch vom Mutterland.
Doch es gibt auch die anderen, die Großstädter, die des Leistungs- und Zeitdrucks überdrüssig sind, die auswandern im eigenen Land. Erst kommen sie nur in den Ferien, dann bauen sie ein Haus und bleiben da. Sie sind infiziert, sagt man, von der "Okinawa-Krankheit". Denn die Insel ist zur Chiffre geworden für Leichtigkeit, ein Gegenentwurf zum Alltag in der modernen japanischen Gesellschaft. Fast alle Touristen stammen von den Hauptinseln. Die mainlander wollen Exotik und Geborgenheit zugleich: Sie fliegen übers Meer, als ob es ins Ausland ginge, und treffen in der Fremde auf japanischsprachige, sangesfreudige Insulaner, die obendrein noch das Geheimnis des langen Lebens kennen.
Obwohl Okinawa eine höhere Dichte von Fast-Food-Lokalen als Tokio aufweist und die Inselbewohner mehr Instantkaffee und Limonade trinken als alle anderen Japaner, beneiden die mainlander sie um ihre gesunde Küche. Die Touristen verzehren das vitaminreiche Gemüse namens Goya als Tee, Pudding, Bonbon oder Keks. Sogar Goya-Bier nehmen sich die gestressten mainlander mit nach Hause, das wird eigens für sie gebraut. Seit etwa zehn Jahren können sich die Okinawer der Liebe ihrer fernen Mitbürger kaum erwehren. Nicht nur, dass das ganze Land ihre Popmusik hört, jetzt singen selbst mainlander schon die Insellieder. Japan feiert das Aloha-Feeling.
Der Traum: Keine fremden Herren, keine Atomwaffen
Die Zeit, als sich die Okinawer nach dem Mutterland sehnten, hat Tomoko nicht erlebt. Sie wurde 1972 geboren, im Jahr der Rückgliederung Okinawas an Japan, als das Leben plötzlich anders funktionierte. Man zahlte nicht mehr in Dollar, sondern in Yen, fuhr auf der linken Straßenseite statt auf der rechten. Das, was sich ändern sollte, aber blieb: die US-Basen. Es kamen sogar neue Stützpunkte hinzu, unterhalten von den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften. Die Enttäuschung darüber ließ viele vergessen, wie sehr sie sich die Heimkehr gewünscht hatten. Keine fremden Herren, keine fremden Atomwaffen mehr auf ihrer Insel, stattdessen Wohlstand und demokratische Rechte. Das war der Traum gewesen.
Wenn sie die Flugzeuge am Himmel sieht, hat Tomoko Angst, dass wieder eines abstürzt, wie kürzlich, als ein US-Helikopter in die Universität krachte, 100 Meter nur von einer Tankstelle und einer Grundschule entfernt. 275 Unfälle mit US-Maschinen hat man in den letzten 30 Jahren gezählt. Aber die Amerikaner fliegen weiter über Wohngebiet, die Futenma Air Station liegt im Herzen von Ginowan City, Tomokos Heimatstadt. Manchmal ist es so laut, dass sie dem Baby ihrer Schwester die Ohren zuhält. Und was, fragt Tomoko, wenn Amerika Krieg führt gegen einen anderen Staat, und jenes Land greift aus Rache die US-Stützpunkte auf Okinawa an, wenn ihre Heimat also zur Zielscheibe wird?
Sorgen macht sie sich schon, aber sie weiß, dass die Dinge längst nicht mehr so einfach sind. Tausende bemühen sich jährlich um einen Arbeitsplatz auf dem Stützpunkt - es gibt weit mehr Bewerber als Stellen. Und ein Verwandter von ihr hat Land auf dem Gelände der US-Basen gekauft. Nicht, um es zu bewirtschaften, sondern um von dem Pachtgeld zu profitieren, das er von der japanischen Regierung bekommt. Den Besitz von militärisch genutztem Grund und Boden sehen viele heute als Investition.
Der abschätzige Blick des entwickelten Nordens
Jahrzehntelang hatten die mainlander auf die Inselbewohner herabgesehen. Es war der abschätzige Blick des entwickelten Nordens auf einen ärmeren Süden, in dem die Arbeitslosenrate höher und der Lohn geringer ist als in den anderen Präfekturen. Jeder weiß um die gegenseitige Abhängigkeit: Okinawa braucht das Geld aus Tokio, und Tokio braucht das Land auf Okinawa, um seine Verpflichtungen gegenüber Washington zu erfüllen. Also legt die Regierung immer neue Wirtschaftsförderpläne auf, und die Insel erinnert immer wieder an die Last, die sie trägt: abgebrannte Wälder bei US-Militärübungen, verseuchte Erde auf US-Gelände, die Liste ist lang.
Tomoko Komesu hat denselben Beruf gewählt, zu dem man die Prinzessinlilien einst zwang. Sie arbeitet als Krankenschwester. Doch sie dient dabei nicht ihrem Vaterland, nein, sie kennt noch nicht einmal den Text ihrer Nationalhymne. Schon in der Schule damals haben sie die Hymne nicht gesungen. Es war die Zeit kurz nach der Rückkehr zu Japan, als sich die Okinawer, insbesondere die linke Lehrerschaft, der staatlichen Symbolik verweigerten - anders als im Mutterland, wo bei Schulfeiern regelmäßig die Flagge gehisst wurde und die Hymne erscholl. Als die Behörden den Okinawern mehr Patriotismus verordneten, kam es zum Boykott an verschiedenen Schulen, und 1987 verbrannte ein Okinawer auf einem Sportfest sogar die japanische Fahne - vor den Augen des damaligen Kronprinzen Akihito. Seine Tat, sagte der Mann, sei Zeichen dafür, dass Okinawa die Gräuel des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen habe. Tomoko dagegen würde den Tenno, den Sohn des Kriegskaisers, schon gern einmal sehen, einfach, weil er so berühmt ist, ein VIP sozusagen. Aber eigentlich ist es ihr auch egal, ob es ihn gibt oder nicht.
"Warum kannst du kein Englisch, wenn du aussiehst wie ein Yankee?"
Tomokos Weg ist der Rückzug ins Private. Sie geht weder zur Gate 2 Street noch demonstrieren. Andere Frauen leben jeden Tag mit der Geschichte: Sie haben ein Kind von einem GI, der GI hat die Insel längst verlassen, und in der japanischen Schule beginnt für die Amerasian kids die Zeit der Demütigungen. "Warum ist deine Haut so dunkel, dein Haar so kraus? Warum kannst du kein Englisch, wenn du aussiehst wie ein Yankee?", hören die einen. Die, die oft noch nicht einmal ihren Vater kennen, weil er vor ihrer Geburt verschwand, die zu Hause nur japanisch reden, weil ihre Mutter nichts mehr mit Amerika zu tun haben will. "Warum ist dein Japanisch so schlecht ?", hören die anderen, die bis zur Trennung der Eltern auf eine amerikanische Schule gingen. Wer sich nicht ordentlich ausdrücken kann, wird zu den Jüngeren gesteckt. Da findet sich selbst ein Zehnjähriger im Kindergarten wieder.
"Du bist ein half ", höhnen die Klassenkameraden, du bist nur zur Hälfte Japaner. "Nicht vollwertig" könnten sie auch sagen. Cool mag "westliches Blut" in Tokio oder Osaka sein, hier aber haften die Kinder für ihre Eltern. Die Logik der Diskriminierung lautet: Es sollte gar keine Militärbasen geben, und wenn doch, dann zumindest keine gemischten Ehen, und plötzlich stehen die Amerasians symbolisch für das gesamte Okinawa-Problem.
Diese Art der Verschmelzung hat niemand gewollt
Stolz sind die Okinawer sonst auf ihre champuru-Kultur, die den Mix zum Prinzip erhebt. Wie beim Nationalgericht champuru alle Zutaten in einer Pfanne garen, so verstanden es die Inselbewohner stets, fremde kulturelle Einflüsse aufzunehmen und zu integrieren. Doch diese Art der Verschmelzung haben sie nicht gewollt, und so machen die, die sich als Opfer fühlen, jetzt andere zum Opfer.
Viele Amerasians bleiben der Schule irgendwann fern aus Angst vor Schlägen und Fußtritten. Sie ertragen die Sprüche der Kinder nicht mehr. "Dein Vater ist ein Ami, der hat schon Japaner erschossen." Und auch nicht die Kommentare der Lehrer: "Solche Kinder entstehen, wenn amerikanische Soldaten japanische Frauen vergewaltigen." Die Mütter baten die Behörden um Hilfe. Doch die Beamten empfahlen den traumatisierten Kindern, härter zu werden.
1998 reichte es fünf Frauen, sie gründeten ihre eigene Schule. Mit zwölf Jugendlichen haben sie angefangen, heute sind es schon 70, und die Warteliste ist lang. An der Amerasian School feiern die Kinder Thanksgiving und den Okinawa Memorial Day, und sie lernen, dass sie nicht halfs sind, sondern doubles: zweisprachig, bikulturell, stark.
Bis zum Jahr 2014, so haben Japan und die Vereinigten Staaten kürzlich vereinbart, sollen 8000 US-Soldaten von Okinawa nach Guam verlegt werden. Viele ihrer Kinder werden bleiben.