Pakistans größter Helfer Vater Teresa
Abdul Sattar Edhi: "Alter Mann mit merkwürdigem Hut"
Foto: Hasnain KazimDas Telefon auf dem Glastisch klingelt. Abdul Sattar Edhi, 83, schwarze Fellmütze, weißer Bart bis zur Brust, sitzt auf dem ausgeleierten blauen Sofa in seinem Büro in Islamabad und lässt die junge Mitarbeiterin rangehen. Die Frau hebt ab, wechselt ein paar Worte mit dem Anrufer und reicht den Hörer weiter an Edhi.
"Hellooo, Ehdi, Islamabad", meldet er sich. "Ja, mmh, ja. Oooooh! Sehr gut, in Ordnung. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!" Er legt auf und lächelt. Das Gespräch hat etwa 20 Sekunden gedauert. "Das war eine reiche Pakistanerin. Sie hat uns gerade zwei Millionen Dollar gespendet."
Edhi ruft nach Ahmed, seinem Enkel. Der schlendert aus dem Nachbarzimmer herbei. Edhi weist den jungen Mann an, das Geld auf das Sonderkonto für die Flutopfer zu deponieren. Ahmed nickt und verschwindet. Sein Großvater lehnt sich zurück, schließt die Augen und versinkt im Gebet.
Er ist ein Segen für Pakistan. Sechs Monate liegen jene Tage zurück, dass der Monsunregen begann und einfach nicht mehr aufhören wollte. Als Flüsse über die Ufer stiegen und Wasserreservoirs überliefen, als eine gigantische Welle vom Norden nach Süden rollte und ein Fünftel des Landes, eine Fläche so groß wie Italien, unter Wasser setzte. Fast 20 Millionen Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf, mehr als 1700 Menschen starben.
Vom Streichholzverkäufer zum größten Wohltäter des Landes
Wichtige Straßen und Brücken sind inzwischen wieder aufgebaut, die Flutopfer vorerst versorgt, dank beeindruckender internationaler Unterstützung, dank unzähliger Hilfsorganisationen und privater Initiativen, aber auch dank des Militärs, das für die Reparatur von Infrastruktur mehrere tausend Soldaten abkommandiert hat.
Doch im Süden des Landes stehen manche Regionen immer noch unter Wasser. Nach Schätzung von Menschenrechtsorganisationen leben rund vier Millionen Menschen nach wie vor in Notunterkünften, es droht eine Hungerkatastrophe, Infektionskrankheiten verbreiten sich in vielen Zeltstädten, die Hilfe gilt als hoffnungslos unterfinanziert.
"Ja, der Bedarf ist riesig", sagt Edhi. Seit sechs Jahrzehnten betreibt er die Edhi Foundation, eine Hilfsorganisation, die sich zur größten Sozialeinrichtung Pakistans entwickelt hat. Edhi lebt in Karatschi, und wenn er nach Lahore, Peschawar oder Islamabad reist, übernachtet er dort in den jeweiligen Büros seiner Stiftung, in Zimmern, in denen die Farbe von den Wänden blättert.
Seine Biografie ist eine der erstaunlichsten Südasiens: 1928 in ärmlichen Verhältnissen in Gujarat, Britisch-Indien, geboren, wandert er 1947 nach der Gründung des Staats Pakistan nach Karatschi aus. Die Armut dieser Stadt erschüttert ihn, von einem Teil seiner Einkünfte als Bleistift- und Streichholzverkäufer erwirbt er fortan Medikamente für die Armen. In vielen Vierteln sieht er Tote auf den Straßen liegen, um die sich niemand kümmert. Es sind die Leichen der Besitz- und Familienlosen. Edhi sammelt sie auf und sorgt für eine würdevolle Bestattung dieser Menschen. Es ist der Beginn seiner Stiftung, und Wahrheit und Legende lassen sich heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, nicht mehr trennen.
Ein kleines, hutzeliges Männchen in abgetragenen Kleidern - knielanges Hemd, Pluderhose - sitzt da, einer, über den sich die respektlose pakistanische Jugend manchmal lustig macht, wenn er im Schneckentempo durch die Straßen geht, und vor dem sich so mancher fürchtet, so wie vor drei Jahren ein paar amerikanische Grenzbeamte, die ihn am Flughafen in New York acht Stunden lang festhielten und befragten. "Die wunderten sich, was ist das für ein alter Mann mit merkwürdigem Hut." Sie sahen in ihm einen potentiellen Terroristen, nicht eine lebende Legende, eine moralische Instanz, eine der bekanntesten Persönlichkeiten Südasiens, einen Mann mit vier Ehrendoktortiteln.
"Die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Gott"
Er reibt sich die Augen und beginnt zu erzählen, vom Sinn des Helfens und vom Islam. "Geldmangel ist kein Problem in Pakistan. Es gibt uuunglauublich reiche Menschen", sagt er. "Außerdem sind da die ganzen Pakistaner im Ausland, nicht nur Bauarbeiter in Dubai, sondern Ärzte in New York, Architekten in London, Ingenieure in Paris. Sie alle geben gerne, gerade jetzt nach der Flut. Aber nicht der Regierung, sondern nur denjenigen, denen sie vertrauen. Zum Beispiel der Edhi-Stiftung." Das sei doch der Sinn von Religion, nicht nur des Islam, sondern jeder Religion: Gott zu dienen. Er wolle seine Stiftung deshalb nicht als islamische Organisation verstanden wissen, auch wenn der Islam seine Motivation sei zu helfen. "Die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Gott", sagt er.
Wie erklärt er sich seinen Aufstieg zu einem der berühmtesten Menschen des Landes? Immerhin fällt sein Name regelmäßig, wenn es um den Friedensnobelpreis geht, auch wenn er selbst nicht daran glaubt: "Wenn man aus dem Land kommt, aus dem ich komme, und wenn man bedenkt, welcher Religion ich angehöre, glaube ich nicht, dass ich eine Chance habe, diesen Preis zu bekommen."
Nach Ansicht Edhis gibt es ein einfaches Rezept für seinen Erfolg: "Man muss ernsthaft daran interessiert sein, den Menschen zu helfen, und nicht nur an sich selbst denken. Man darf beim Geben keine Grenzen kennen." Dies sei das größte Problem mit den Politikern: "Die haben nur sich selbst im Kopf. Das sieht man daran, dass dieses Land noch nie ein staatliches Sozialsystem hatte und es immer noch nicht hat."
Er, der nicht lesen und der gerade einmal seinen Namen auf Gujarati schreiben kann, hat in seinem Leben viele Angebote bekommen, in die Politik zu wechseln. "Ich habe dem immer widerstanden, das ist nicht meine Welt." Er überlegt, dann sagt er: "Politiker haben für die Gesellschaft keinen Nutzen."
Hauptaufgabe ist das Einsammeln und Begraben namenloser Toter
Hinter ihm hängt ein Foto: Edhi mit dem früheren Machthaber in Pakistan, General Pervez Musharraf. Edhi bemerkt die kritischen Blicke von Besuchern, wenn sie dieses Bild sehen. "Er hat viele soziale Projekte angestoßen", verteidigt Edhi ihn dann. Und was ist mit der Demokratie, die Musharraf mit Füßen getreten hat? "Ach, die Erfahrung dieses Landes ist doch, dass Demokratie auf dem Papier gut aussieht, in der Praxis aber nicht funktioniert. Schauen Sie sich doch die Korruption und die Betrügereien an. Jetzt sind wir eine Demokratie. Aber geht es uns deswegen besser?"
Nein, mit Politik will Edhi nichts zu tun haben, schon gar nicht jetzt, mit seinen 83 Jahren. Stattdessen kümmert er sich lieber um das Wohlergehen der Armen und Schwachen. Seine Stiftung betreibt Zentren für Krankentransporte, fast in jeder pakistanischen Stadt, und Heime für Waisen, Geisteskranke und Alte. Etwa 15.000 Menschen nennen Edhis Einrichtungen ihr Zuhause. Noch immer gehört das Einsammeln und Begraben von namenlosen Leichen zu seinen Hauptaufgaben. "Im Moment müssen wir uns aber unbedingt, unbedingt um die Flutopfer kümmern, das ist ein großes Problem."
Er steht auf, mit Hilfe eines Krückstocks, und bittet seinen Enkel, das Auto vorzufahren, einen klapprigen Suzuki-Bus. Er lässt sich zum Aabpara-Markt fahren, einem wuseligen Basar in Islamabad. Hier gibt es Töpfe, Sägen, Elektrogeräte, bunte Kleidung und alle möglichen Lebensmittel zu kaufen. In einer der Gassen haben Edhis Leute einen Stand aufgebaut, sie sammeln Geld für die Flutopfer.
Alle wollen Edhi sehen
Edhi steigt aus, plötzlich ist er umringt von Menschen. "Edhi!", rufen manche, viele bleiben stehen, starren ihn an. Ein junger Mann drängelt sich durch die Menge, verbeugt sich vor ihm, berührt als Zeichen seiner Ehrerbietung Edhis Füße und kramt einen 1000-Rupien-Schein aus seiner Tasche, umgerechnet etwa 8,50 Euro. Immer mehr Menschen eilen jetzt herbei, es spricht sich herum, dass Edhi da ist. Händler kommen aus ihren Geschäften, Taxi- und Rikschafahrer, sie alle wollen Edhi einen Geldschein in die Hand drücken, auch wenn es nur zehn Rupien sind. Jeder will etwas geben.
Zwei Stunden später sitzt Edhi wieder auf seinem alten blauen Sofa, verschwitzt, erschöpft, aber er lächelt. Einer seiner Helfer hat das Geld gezählt, umgerechnet 2000 Euro hat er innerhalb einer Stunde eingenommen. "In Lahore habe ich in einer Stunde sogar mal 10.000 pro Stunde bekommen", sagt er stolz. Die Stiftung finanziere sich ausschließlich aus Spenden, "fast komplett von Pakistanern im In- und Ausland".
Das Geld soll nun ausgegeben werden für all jene Menschen, die ihren Besitz in den Wassermassen verloren haben. Auch in den Regionen, die von Extremisten kontrolliert werden. "Auch dort leben Menschen in großer Not", sagt Edhi. Die Radikalen würden ihn respektieren und ihm und seinen Leuten nichts tun, obwohl er die Taliban als "verirrte bis verrückte Menschen" bezeichnet. Aber in erster Linie seien sie doch Menschen.