Papst-Besuch: Benedetto, der Leuchtturm - DER SPIEGEL
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Papst-Besuch Benedetto, der Leuchtturm

Papst Benedikt XVI. besucht heute seine Heimat, und Hunderttausende werden ihm zwischen München und Regensburg zujubeln. Das hätte man lange nicht für möglich gehalten. Steht der Katholizismus in Deutschland vor einer neuen Renaissance?
Von Franz Walter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Über vier Jahrzehnte war das katholische Oberhaupt für den durchschnittlichen fortschrittlichen Bundesrepublikaner ein probater Buhmann, die Verkörperung eines aufklärungsfeindlichen Geistes, Kopf ärgster reaktionärer Bigotterie, Repräsentant eines sich zäh haltenden düsteren Mittelalters. Und gerade der gegenwärtige Nachfolger Petris bündelte alle Stereotypen der klassischen liberalen Religionskritik nachgerade mit Aplomb auf sich. Das Renommee des Protestantismus fiel dagegen unter den kritischen Geistern der Republik durch verlässliche ökopazifistische Demonstrationsbekundungen bärtiger Pastoren lange ein wenig besser aus, dafür aber war die Depression und Erosion unter den Gläubigen der evangelischen Kirche eher noch heftiger.

Doch markierte dann das Jahr 2005 einen überraschenden Gezeitenwechsel im Verhältnis von Gesellschaft und Kirche. So zumindest nahmen es Amtsträger des institutionalisierten Christentums wahr; doch auch theologische Analytiker, selbst langjährige Kritiker der Großkirchen konstatierten verblüfft einen wachsenden Zuspruch der beiden Großkirchen in der zuvor sich rasant säkularisierenden bundesdeutschen Gesellschaft. Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann jubelte über ein "Dauerhoch" für die Kirchen; der Ratsvorsitzende im deutschen Protestantismus, Wolfgang Huber, rief stolz das "Comeback des Christentums" zwischen Rhein und Elbe aus.

Motor dieses Comebacks, wenn denn ein solches wirklich stattfand, war allerdings zweifellos mehr das katholische Pendant. Im Jahr 2005, dem Jahr des Papstwechsels und des Weltjugendtages in Köln, konvenierten jahrhundertealte Fähigkeiten des Katholizismus mit den neuen stilistischen Ausdrucksformen der Medien- und Eventgesellschaft. Im Unterschied zum liturgisch, spirituell und kultisch eher spröden Protestantismus lebte und zelebrierte der Katholizismus seit jeher eine Sinnes-, Theater- und demonstrative Inszenierungsreligion. Mit dem Papst an der Spitze konnte und kann er seine Botschaft zudem weltweit personalisieren.

Dieses Potenzial, Bilder zu produzieren, eine charismatische Aura herzustellen, Massen zu Wallfahrten zu bewegen, hat der Katholizismus als robuste, global organisierte, erfahrungsreiche Institution zuletzt voll ausgeschöpft – und die Medien haben begierig zugegriffen. Um die Welt gingen die Bilder des polnischen Pontifex, der die Gläubigen volkstümlich ansprach, huldvoll segnete, der zunehmend an seiner fortschreitenden Krankheit litt und doch wie ein großer Märtyrer den Schmerzen trotzte, der noch und gerade im Sterben die katholischen Massen elektrisierte. Und zu ebenso bilderprächtigen Spektakel geriet der Weltjugendtag in Köln Mitte August, als sich der charismatische Papst-Kult durch beschwingte La-Ola-Wellen etlicher hunderttausend Jugendlicher nun selbst auch auf den eher kühlen und distanzierten Intellektuellen Josef Ratzinger übertrug. "Wir sind Papst" titelte seinerzeit bekanntlich die "Bild"-Zeitung. Und "Benedetto", "Benedetto" skandierte das junge Volk.

Der Katholizismus hat seine enorme Inszenierungskraft bewiesen

Natürlich ist höchst ungewiss, ob dies alles ein nachhaltig wirksamer Beitrag zur Respiritualisierung Deutschlands und Europas ist, von der in vielen Medienkommentaren der letzten 18 Monate mitunter ungewöhnlich euphorisch die Rede war. Zweifellos hat insbesondere der Katholizismus seine enorme Aktivierungs-, Organisations- und auch Inszenierungskraft bewiesen. Insofern sollte man die älteste Institution der europäischen Gesellschaft in der Tat nicht vorschnell als zukunftsunfähig abtun. Weniger unzweifelhaft allerdings ist, ob aus den regelmäßigen Großereignissen eine Rechristianisierung der zuletzt kräftig säkularisierten mitteleuropäischen Gesellschaften erfolgt.

Es ist zwar keineswegs ausgeschlossen, dass gerade der prinzipienfeste Antirelativismus des aktuellen Papstes angesichts der gegenwärtigen Werte-Nonchalance der sogenannten "C"-Parteien für junge Menschen im Meer verwirrender Kontingenzen wie ein Leuchtturm wirkt und Orientierung vermittelt, auf die dankbar zurückgegriffen wird. Doch sicher ist das natürlich nicht. Bislang jedenfalls scheinen die sorgfältig und unzweifelhaft virtuos inszenierten Großevents des Katholizismus in der Routine des Alltags rasch wieder ergebnislos zu verpuffen. Kaum etwas vom Vitalismus der in aller Regel durchaus heiteren und frommen Kollektivtreffen floss jedenfalls inspirierend und mobilisierend in das Gemeindeleben zurück. Im Übrigen: Gerade die Bundesgenossenschaft mit den Medien ist für die Kirchen natürlich nicht ungefährlich. Politiker haben es häufig leidvoll erfahren und können davon ein trauriges Lied singen. Die Medien vermögen schnell zu popularisieren, aber ebenso rasch verschleißen sie dann, entwerten, trivialisieren und entsorgen sodann erbarmungslos die Stars von gestern. Eine Spiritualisierung der Gesellschaft als dauernd währender Medienhype ist schlechterdings nicht möglich, im Übrigen natürlich auch fraglos gar nicht wünschenswert.

Doch ist die Erwartung an eine spirituell leidenschaftliche, dauerhaft aktive, glaubensmissionarisch umtriebige Kirche wird sowieso rundum übertrieben. Volks- und Großkirchen in komplexen Gesellschaften können – wie übrigens auch Volksparteien - nicht so sein, dürfen es auch nicht. Als Groß- und Volkskirchen haben sie sich nicht in erster Linie, zumindest nicht ausschließlich an den Avantgardisten des Glaubens zu orientieren, an den Ekstatikern von Heilsvisionen und Transzendenzbegehren, sondern auch an den Lauen, Zurückhaltenden, Halbdistanzierten, Passiven.

Die Gesellschaft liegt nicht im spirituellen Taumel

Im Übrigen kann man es zudem auch als Ausdruck von Reife und vernünftiger Nüchternheit werten, dass die bundesdeutsche Gesellschaft nicht im spirituellen Taumel liegt, nicht emotionalisiert nach dem blendenden Charismatiker ruft, dass der demokratische Pluralismus sich gegen Absolutheits- und Wahrheitsapodiktik sträubt. Es bleibt ja die Crux von Ganzheitsüberzeugungen, dass ihr großes Versprechen, ihr prätentiöses Menschen- und Zukunftsbild zwar Energien mobilisiert, Kleinmütigkeiten und Ängstlichkeiten überwindet, die pragmatische Jetztfixierung hinter sich lässt, zugleich aber auch oft Erbarmungslosigkeiten, Unduldsamkeiten, hybride Maßlosigkeiten produziert.

Andererseits könnte eine keineswegs gänzlich auszuschließende Renaissance der Sinnsuche in den verunsicherten bundesdeutschen Mittelschichten auch die klassischen Anbieter von Sinn, die christlichen Kirchen mithin, wieder zurück ins Spiel bringen. Immerhin mehren sich die Indikatoren, dass die Ära der puren Subjektivitäten ausläuft, sich zumindest abschwächt. In den meisten zeitdiagnostischen Studien der Soziologie und der Psychologie wird so etwas wie eine Transformation des durch Individualisierung gekennzeichneten Wertewandels seit 1968 festgestellt.

Überraschen kann das nicht. Schließlich produzieren alle Liberalisierungs- und Deregulierungsprozesse Verluste und Vakuen. Entbindungen lockern nicht nur einschnürende Fesseln, sondern zugleich stützende Zugehörigkeiten. Lässt man sich zudem auf das Zyklenparadigma des amerikanischen Historikers Arthur M. Schlesinger ein, dann schlägt der Pendel kultureller und politischer Orientierungen sowieso alle 30 bis 40 Jahre um, so dass es keineswegs überraschen dürfte, wenn demnächst nach einer dann langen Ära des puren Utilitarismus sich abermals gemeinschaftsdurchwaltete Suchbewegungen aus der Mitte des deutschen Bürgertums auf ihren geliebten Holzwegen zum Marsch zu den Hügeln über Ascona aufmachen.

Dennoch: Sollte sich wirklich in mittlerer Zukunft eine neue Sinnbewegung auf die Suche nach der blauen Blume spiritueller Heilsfindung begeben, so werden die bürokratischen christlichen Großkirchen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht deren Vortrupp bilden. Aber als Institution werden die Kirchen all diese Aufbrüche sowie anschließenden unvermeidlichen Ein- und Zusammenbrüche ebenso wahrscheinlich überleben. So mag das Beharrungsvermögen der Kirchen gar nicht wenig sein in einer Zeit, die durch die Destrukturierung und Erosion konstanter, erfahrungspraller, integrativer Institutionen charakterisiert ist. Diesen Beharrungswillen jedenfalls wird man dem niederbayrischen Gendarmensohn, der nun sechs Tage in seiner bayrischen Heimat weilen wird, nicht absprechen können.