Katholische Kirche Französischer Kardinal empört mit Kritik an Homo-Ehe
Paris - Es geht um Frankreichs Überleben, wenn man Philippe Barbarin glauben mag. Der Erzbischof von Lyon sieht seine Heimat bedroht, und schuld daran ist ein geplantes Gesetz der Regierung von Präsident François Hollande. Demnach soll die Homo-Ehe legalisiert werden, gleichgeschlechtliche Paare sollen zudem adoptieren dürfen.
Barbarin äußerte sich dazu in einem Interview mit dem Radiosender RCF. Seine Prognose: Die Homo-Ehe werde zum völligen gesellschaftlichen Zusammenbruch führen. Sollten gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt werden, könne das zu "Paaren mit drei oder vier Mitgliedern" führen, zitiert der "Telegraph" den Erzbischof. "Und danach wird vielleicht eines Tages das Inzest-Tabu fallen." In der Bibel heiße es, eine Ehe werde zwischen Mann und Frau geschlossen.
Das, so Barbarin, habe über Kulturen und Jahrhunderte hinweg mehr Gewicht als zufällige oder vergängliche Entscheidungen eines Parlaments. Diese Sichtweise hatte er bereits im Gespräch mit der Zeitung "La Croix" vertreten. Dieser sagte er, die Demokratie sei "das am wenigsten schlechte Regime", sie dürfe aber nicht "absolut" werden. Es sei fraglich, ob es legitim sei, wenn die Volksvertreter die Ehe neu definierten.
Mehrheit der Franzosen befürwortet Homo-Ehe
Barbarins Worte haben Gewicht. Der 61-Jährige, 2003 in den Kardinalsstand erhoben, ist der ranghöchste Geistliche in Frankreichs katholischer Kirche. Deswegen fällt nun auch die Kritik an seinen Äußerungen sehr pointiert aus. "Ich weiß nicht, was ihn überkommen hat, er ist ein wenig ausgeflippt und was er gesagt hat, ist einfach nur hässlich", sagte der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe. Er hatte schon vor Jahren sein Coming-Out.
Delanoe weiß die Mehrheit der Franzosen hinter sich. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes BVA befürworten 65 Prozent der Franzosen die Homo-Ehe, 53 Prozent Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare. Delanoe hat bereits verlauten lassen, er werde als Bürgermeister "selbstverständlich" gleichgeschlechtliche Paare trauen. Dafür gebe es bereits einige Anfragen.
"Halbherzige Gleichheit ist keine Gleichheit"
Konservative hoffen, das für Frühjahr 2013 geplante Gesetz noch zu stoppen und die öffentliche Stimmung zu kippen. Eine 100.000 Euro teure Kampagne eines kirchennahen Institutes will Gegner des Gesetzes mobilisieren und Unentschlossene überzeugen. Auf einem Plakat sind zwei spärlich bekleidete Männer auf einer Gay-Pride-Veranstaltung zu sehen. Darunter steht: "Würden Sie diesen Leuten Kinder anvertrauen?"
So einig sich Barbarins Gegner sind, so uneinig sind sie über den konkreten Inhalt des Gesetzentwurfs, wie die Nachrichtenseite "France24" berichtet. Homosexuelle sind erbost darüber, dass in dem Papier keine Rede davon ist, dass gleichgeschlechtliche Paare bei der Familienplanung medizinische Unterstützung bekommen sollen, etwa durch legalen Zugriff auf künstliche Befruchtung. Das hatten Hollandes Sozialisten im Wahlkampf versprochen. Bislang sind derlei medizinische Methoden heterosexuellen Paaren vorbehalten.
Ohne eine derartige Klausel, fürchten Aktivisten, sei die Gleichstellung nur halbherzig. "Es wäre schrecklich scheinheilig, wenn die Sozialisten ein 'Gleichheits'-Gesetz beschließen ohne uns dieselben Rechte zu gewähren wie unseren heterosexuellen Mitmenschen. Halbherzige Gleichheit ist keine Gleichheit", zitiert "France24" Catherine Michaud, Chefin der Organisation GayLib, die sich für Homosexuellenrechte einsetzt.