Priesterinnen-Weihe: Rebellion gegen Rom - DER SPIEGEL
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Priesterinnen-Weihe Rebellion gegen Rom

Römisch-katholische Frauen drängen ins Priesteramt. Auf dem Bodensee ließen sich jetzt drei Kandidatinnen weihen. Sie verstoßen damit gegen Kirchenrecht, die Exkommunikation durch Rom droht.
Von Alexander Schwabe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An der Seepromenade von Rorschach am Schweizer Ufer des Bodensees herrscht am Samstagnachmittag buntes Treiben. In den Cafés diskutieren die Eidgenossen noch den 2:0-Sieg der Schweizer gegen Südkorea vom Vorabend. Freizeitkapitäne fahren ihre Yachten aus, Tretbootsportler bewegen ihre Beine entlang der Mole, und die meisten am Quai schlecken Eis.

Festgemacht liegt die "Rhynegg" auf dem flachen See. Dort wird es gleich zu jenem "spektakulären Akt" kommen, den Gisela Forster, ihres Zeichens erste sich selbst so nennende Bischöfin der römisch-katholischen Kirche, angekündigt hat. Die Sommerfrischler am Ufer bekommen von der Rebellion gegen Rom, die sich auf einem Schiff auf der Donau vor vier Jahren entfesselt hat, und die jetzt auf dem Bodensee weiter getrieben werden soll, nichts mit.

Weil sie in katholischen Gotteshäusern nicht erwünscht sind, sind sie aufs Wasser gegangen. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, gleitet entlang der schweizerisch-österreichischen Grenze langsam einen Arm des alten Rheins hoch. Im Bug des Schiffes sitzen Ida Raming, Gisela Forster aus Deutschland und Patricia Fresen aus Südafrika in weißen Stolen. Sie sind zusammen mit der Österreicherin Christine Mayr-Lumetzberger die Bischöfinnen der Gruppierung "Weiheämter für Frauen"; allesamt sind sie römisch-katholischer Konfession.

Vor den Bischöfinnen sitzen vier Kandidatinnen, Andrea Johnson, die ins Diakonat treten soll, sowie die Schweizerin Monika Wyss, 46, die Deutsch-Amerikanerin Regina Nicolosi, 64, und die Amerikanerin Jane Via, 59. "Liebe Bischöfinnen, liebe Gemeinde", sagt Rod Stephens in dem voll besetzten Personenschiff, "die heilige Kirche bittet euch, dass diese Schwestern zu Priesterinnen geweiht werden." Der Zeremonienmeister ist Priester in Kalifornien, er gab sein Amt auf, nachdem er sich als Homosexueller geoutet hatte.

Zeugen treten auf. Nicolosis Ehemann, seit 37 Jahren mit der Priesteramtskandidatin verheiratet, sagt: "Ich empfehle meine Frau ohne Einschränkung für das Priesteramt." Die Kandidatin Wyss wird als Frau mit "Gottvertrauen" beleumundet, sie werde eine "gute Hirtin" sein. Und der Ehemann von Via, 24 Jahre mit ihr verheiratet, nennt seine Frau "einen beeindruckenden Menschen". Nach einer Litanei von Preisungen seiner Frau schließt er: "Aus all diesen Gründen sollte Jane als Priesterin in der römisch-katholischen Kirche geweiht werden."

Was sind das für Frauen, die den Kampf gegen eine Tausende Jahre alte Tradition aufnehmen und gegen einen übermächtigen Apparat, der so unbeweglich ist wie ein Öl-Tanker im Vergleich zu einem Speedboat? Frustrierte? Esoterische Jüngerinnen? Selbstverliebte Amazonen? Nichts von alledem. Die Bischöfinnen und die drei neuen Priesterinnen wirken lebenserfahren, intelligent, seriös und sympathisch.

"Alles andere als komische Frauen"

Das Wort "komisch" fiel auf einer vor der Weihe angesetzten Pressekonferenz. Römisch-katholische Frauen als Priesterinnen, das sei "komisch", so der Kommentar einer Journalistin im Zimmer "Zürich" des Seerestaurants Rorschach. "Wir sind alles andere als komische Frauen", kontert Bischöfin Raming. "Komisch ist, dass nur Männer am Altar stehen, und Frauen dazu nicht würdig sind", ergänzt Nicolosi. Raming, promovierte Theologin, verweist darauf, dass sie 40 Jahre lang für die Gleichstellung der Frau in der römisch-katholischen Kirche gekämpft habe. Bereits während des Zweiten Vatikanischen Konzils habe sie entsprechende Eingaben gemacht. Geschrieben und geschrieben habe sie, argumentiert und argumentiert - vergebens. Nun sei die Zeit gekommen, in der es gegen "ungerechte Gesetze" zu handeln gelte. Ihre Kollegin Fresen verweist auf einen Slogan gegen die Apartheid in ihrem Heimatland: "Against an unjust law, one must act" ("Gegen ein ungerechtes Gesetz muss man vorgehen").

In ihrer Argumentation sind die Theologinnen kaum zu widerlegen. Schon in der Urkirche hatten Frauen wichtige Ämter inne. In anderen christlichen Kirchen ist es längst Usus, dass Pfarrerinnen ordiniert werden, dass Bischöfinnen die Kirche leiten. Allein, die Römisch-Katholischen verweisen auf das Kirchenrecht: Nur getaufte Männer dürfen zu Priestern geweiht werden. Und nur solche dürfen weihen, die in der apostolischen Sukzession stehen, das heißt in der Reihe der Priester, Bischöfe und Päpste, die nach römisch-katholischer Vorstellung auf den Apostel Petrus zurückgeht. Die Bischöfinnen Raming, Forster, Fresen und die abwesende Mayr-Lumetzberger beanspruchen, in der Sukzession der Statthalter Christi auf Erden zu stehen. Denn von gar vier Bischöfen - dies sei notariell beglaubigt - hätten sie die nötigen Weihesakramente empfangen.

Theologische Zwitterwesen

Rom erkennt dies nicht an. Fünf Wochen nach der Weihe der ersten sieben Priesterinnen, im Sommer 2002 auf der Donau bei Passau, erließ die Glaubenskongregation im Vatikan unter Vorsitz Joseph Ratzingers, des heutigen Papstes Benedikt XVI., ein Dekret zur Feststellung der Exkommunikation: Da die Frauen "keine Zeichen der Reue und Umkehr für das von ihnen schwerwiegende Vergehen gezeigt haben, verhängt dieses Dikasterium über die genannten Frauen gemäß dem Monitum die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation mit allen in can. 1331 CIC festgesetzten Rechtsfolgen".

So können die Priesterinnen - rund 200 bereiten sich derzeit auf das Amt vor - als theologische Zwitterwesen gelten: Die Sakramente haben sie eigenen Angaben zufolge rechtmäßig empfangen, zugleich jedoch haben sie gegen Kirchenrecht verstoßen. Die drei neuen Priesterinnen verstoßen in weiteren Punkten gegen den kirchlichen Sitten- und Lehrkodex. Sie leben nicht zölibatär. Nicolosi und Via sind seit Jahrzehnten verheiratet und haben Kinder. Auch Wyss hat vier Kinder und lebt in einer Partnerschaft. Sie erkennen das Unfehlbarkeitsdogma nicht an. Sie tolerieren bekennende und praktizierende Homosexuelle in kirchlichen Ämtern. Sie wollen geschiedene Katholiken wiederverheiraten. Sie wollen die Unterscheidung von Klerus und Laien aufheben.

Jane Via, promovierte Theologin und mittlerweile Staatsanwältin in San Diego, ist sich der Folgen ihrer Weihe bewusst. "Die Exkommunikation ist der Preis, den ich zu zahlen bereit bin." Praktisch heißt das unter anderem: der Ausschluss von der Spende der Sakramente durch die katholische Kirche, kein Begräbnis auf einem katholischen Friedhof. Jane sagt: "Es gibt viele andere Friedhöfe in den USA."

Via lässt sich von ihrem Weg, den sie als einen "Akt des zivilen Ungehorsams" bezeichnet, nicht abhalten. Bereits vor einem halben Jahr hat sie in Kalifornien die erste "Roman Catholic Womanpriest"-Gemeinde gegründet. Inzwischen haben sich bereits 100 Gläubige angeschlossen. In ihrer katholischen Basisgemeinde will sie diejenigen ansprechen, die in der Kirche "durch den Rost" gefallen sind, die "davon gejagten Katholiken": Geschiedene, die wieder heiraten wollen, Schwule und Lesben - und: "fortschrittliche Katholiken".

Die "Rhynegg" hat in Rorschach wieder angelegt, das Weiheritual ist jedoch noch nicht zu Ende. Während sich das "großartige Ereignis", "die gute Sache für die Welt", wie Zeremonienmeister Rod Stephens sagt, fortsetzt, reagieren Menschen am Ufer mit Unverständnis. Wegen der Gesänge auf dem Schiff und der priesterlichen Gewänder, die zu sehen sind, aufmerksam geworden, kommentieren zwei ältere Rorschacher Damen: "Die spinnen doch. Man kann doch nichts erzwingen." Und ein Ehepaar sitzt auf einer Bank. Sie: "Das gibt's ja nicht. Der Papst akzeptiert das nicht." Er: "Der Papst verzählt aber auch einen Seich. Die sind doch alle auf dem falschen Dampfer."