Protestantengipfel Kinder, Kirche, Kundennähe
Berlin - Kein Glockengeläut ruft zum Gottesdienst, kein Kirchturm signalisiert die Präsenz des Christentums - auf den ersten Blick wirkt das Märkische Viertel im Nordwesten Berlins wie eine gottlose Gegend. Auch auf den zweiten scheint das Hochhausviertel im früheren West-Berlin als Beleg für den Negativtrend der Protestanten in Deutschland zu dienen: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Mitgliedschaft der ortsansässigen Apostel-Petrus-Gemeinde halbiert.
Und dennoch gilt Swen Schönheit, 48, als Vorzeige-Pfarrer. Ganz gegen den Trend haben er und sein Team die Teilnehmerzahl an den Gottesdiensten steigern können. Sonntag für Sonntag strömen bis zu 300 Leute in seine Kirche, einen schlichten Zweckbau aus dem Jahr 1964.
In dieser Woche werden Erfolgsgeschichten wie diese an einem für Protestanten sehr prominenten Ort zur Sprache kommen - in der Lutherstadt Wittenberg. Wo einst der Reformer seine Thesen an die Tür der Schlosskirche gehämmert haben soll, werden ab heute mehrere hundert Protestanten zu einem "Zukunftskongress" zusammenkommen, mit dem die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Reformdebatte vorantreiben will.
Angestoßen hat sie der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber. In einem "Impulspapier" ließ er ein düsteres Bild skizzieren - eine weiter drastisch schrumpfende Kirche, wenn es nicht bald zu einem "Mentalitätswechsel" komme. Huber fordert die Fusion kleiner Landeskirchen - und eine Diskussion über die Aufgaben des Pfarrers der Zukunft. Denn zum Leidwesen vieler Kirchenoberen ist das geistliche Leben vor Ort meist von der Arbeit eines hauptamtlichen Hirten abhängig.
Konzentration auf die Mission
Da sich den aber zukünftig immer weniger Gemeinden leisten können, werben Leute wie Schönheit für einen Paradigmenwechsel. "Wir müssen von einer Kirche der Betreuten hin zu einer Kirche der Beteiligten, von der Versorgungsmentalität zum Vervielfältigungsdenken kommen." Kleiner, aber wesentlich aktiver ist die Gemeinde des Pfarrers geworden.
Rund hundert ehrenamtliche Helfer stehen dem Mann mit dem Talar nun zur Seite und bringen frischen Wind ins Gotteshaus. Was der Pfarrer nicht mehr schafft, organisieren Laien mit großem Elan: spezielle Gottesdienste für die Jugend, Hauskreise, Spendensammlungen für den Förderverein der Gemeinde, von dem bereits einige Stellen in der Gemeindearbeit mitfinanziert werden.
Für einen der Autoren des EKD-Impulspapiers, Thies Gundlach, sind solche Initiativen vorbildlich - und sollen deshalb beim großen Treffen in Wittenberg vorgestellt werden. Statt auf das alte flächendeckende Angebot der Amtskirche, setzt Gundlach auf "regionale spirituelle Zentren". War der Pfarrer bislang von Predigt bis Seelsorge, von Junge Gemeinde bis Mütterkreis, für fast alles und alle zuständig, soll er laut Gundlach zukünftig "der Mentor werden, der an der richtigen Stelle Arbeit an begabte Ehrenamtliche delegiert und die Gemeinde öffnet." Die Ehrenamtlichen könnten den Pfarrer so sehr entlasten, dass er sich vor allem auf seine "missionarischen Aufgaben" (Huber) konzentrieren kann.
Selbst das Qualitätsmanagement soll in der Kirche Einzug halten. Die Pfarrer müssen in allem besser werden. Vorbei sein sollen die Zeiten trostloser Gottesdienste mit 20 verlorenen Personen im Kirchenschiff, einem Pfarrer, der nicht predigen kann, und einem aussichtslosen Wettkampf zwischen Orgelspiel und dünner Sängerschaft. Während vor Jahrzehnten die Pfarrer mehr soziale Kompetenz zeigen wollten, soll in Zukunft der Gottesdienst wieder im Zentrum stehen, möglichst handwerklich professionell mit Pfarrern, die eine freie, einfache Gottesrede halten können, die die Menschen spirituell erreicht.
Qualitätskontrolle für Predigten
Zahlreiche Gemeinden hat Gundlach, Chef der EKD-Abteilung "Kirchliche Handlungsfelder" in Vorbereitung des Protestantengipfels inspiziert. Von dem Treffen in Wittenberg erwartet er "einen kreativen Schub", vielleicht sogar den ersehnten Mentalitätswandel, wenn man jetzt "von der Idee zur Tat kommt". Das Interesse am Zukunftskongress war jedenfalls größer als es die Kapazitäten von Wittenberg zulassen, mancher Protestant in den Landeskirchen war sogar verärgert über den strengen Auswahlprozess, der etwas undurchschaubar von oben her betrieben wurde.
Fast alle Bischöfe wollen kommen, Kirchenjuristen, Konsistorialräte, Ausbildungschefs, Synodenvertreter, aber auch die Engagiertesten aus den Gemeinden, insgesamt ein repräsentativer Querschnitt von Laien und Hauptamtlichen. Eine solche Versammlung an historischer Stelle hat es in der Geschichte der evangelischen Kirche lange nicht gegeben.
Kontrovers geht es schon im Vorfeld zu. In den Internetforen zum Impulspapier auf den offiziellen EKD-Webseiten hagelt es über die Arbeitsmentalität der heutigen Pfarrer Klagen. Obendrein, heißt es dort, solle endlich ein geliebtes Tabu fallen: Man müsse über die Qualität der Predigten reden können. Die kritisierten Geistlichen wehren sich: "Soll den Pfarrern nur immer mehr aufgebürdet werden?"
Es soll. Das Impulspapier legt nahe, dass als Maßstab für die Mittelverteilung in Zukunft auch die Taufquote des Pfarrers herangezogen werden könnte. Müssen Pfarrer und Gemeinden in Zukunft den freien Wettbewerb erlernen? Manche scheinen schon munter dabei zu sei, erste Jahrespläne sind bereits aufgestellt. So will die "Creative Kirche" in Witten im nächsten Planjahrfünft "200 neue Mitglieder werben".
Protestantisches Leuchtfeuer
Auch in dieser Ruhrgebietsgemeinde wächst man gegen den Trend. Die "Creative Kirche" gehört zum Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten als Teil der Evangelischen Kirche von Westfalen und ging aus der Jugendarbeit hervor. Dem Pfarrer stehen hier 70 ehrenamtliche Helfer zur Seite, "die eine Kirche wollen", wirbt die Gemeinde, "in der sich auch kirchen- und glaubensferne Menschen wohl fühlen und wo es Spaß macht, Christ zu sein oder zu werden".
Das Konzept scheint aufzugehen. Zum dreitägigen, evangelischen Musikfestival kommen Jahr für Jahr über 500 Gäste nach Witten, zum monatlichen "Gottesdiensterlebnis Gospelchurch" sind es 600. In Hamburg heißen solche Events "Praytime" für Jugendliche - dort hat sich die Hauptkirche St. Michaelis zu einem der protestantischen "Leuchtfeuer" entwickelt, von denen man im Impulspapier der EKD schwärmt und über die man in Wittenberg debattieren wird. Denn erwünscht sind mehr solcher Zentren in Deutschland, wo sich die Kirche - wie schon im Berliner Dom oder in der Dresdner Frauenkirche - auf hohem Niveau präsentieren kann.
In Hamburg hat sich rund um die Pröbstin Ulrike Murmann eine "Angebots- und Programmkirche" etabliert, die zugleich ein "Ort des öffentlichen Diskurses" sein will. Nächstes Event: man feiert schlicht "die Liebe" mit einer Valentinsnacht im Michel". Der Erfolg dieser City-Kirche hat inzwischen finanzielle Auswirkungen: Fast 90 Prozent des Haushalts der Kirchengemeinde St. Michaelis wird durch Spenden, Eintrittsgelder, durch Sponsoren oder Kirchenmusik aufgebracht.
Servicebereitschaft als Markenzeichen
Auch eine Berliner Grunewaldgemeinde zählt zu den Vorzeige-Projekten. Deren spezielle Gottesdienstangebote für die Jüngsten sind eine Attraktion im Villenviertel. Oberkonsistorialrat Bernhard Felmberg hat sonntags mehr als hundert Kinder in der Kirche. Doch solche Erfolgsgeschichten - das wissen auch die EKD-Reformer - sind noch immer die Ausnahme. Damit sie eines Tages zur Regel werden, wollen sie auch die Pfarrer-Ausbildung gründlich reformieren. In den Universitäten soll die oft praxisferne Schulung einer lebensnäheren weichen: Predigtkurse mit Videokontrolle, liturgische Präsenz und Sprechkurse sind schon auf dem Lehrplan.
Ein zentrales Ausbildungszentrum in den neuen Bundesländern soll Wittenberg werden. Ein Ausbildungsleiter formuliert den Kurswechsel deutlich: Die Pfarrer der Zukunft sollen, wenn sie sich für das Studium entscheiden, nicht mehr wie in den siebziger Jahren als erstes den Satz sagen: "Ich möchte mit Menschen arbeiten". Sie sollen vorrangig "den Glauben verbreiten und eine zukunftsfähige Kirche wollen". Für den Pfarrer, so ein anderer EKD-Mann, müssten "Kundennähe" und "Servicebereitschaft" zum Markenzeichen werden. Bislang ist das eher die Ausnahme, wie Klagen im Internetforum im Vorfeld des Reform-Kongresses zeigen. Einer der Einträge: "Das Kernangebot der meisten evangelischen Pfarrer lautet: Anrufbeantworter - ohne Rückrufgarantie".