Psychiatrieprojekt: Kranke helfen Kranken - DER SPIEGEL
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Psychiatrieprojekt Kranke helfen Kranken

Ein Pilotprojekt im norwegischen Bergen bietet Jobs für psychisch Kranke. In der Psychiatrie sollen sie ihren Leidensgenossen bei der Therapie helfen - und damit auch die Grenze zwischen "krank" und "gesund" aufheben.
Von Per Hinrichs
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Als André Nilsen, 43, im vergangenen Dezember die Stellenanzeige in der Zeitung "Bergens Tiden" las, wusste er gleich, dass er der Richtige für den Job ist. Schließlich leidet er an Angstzuständen und Depressionen.

Seit Jahren ist der gelernte Installateur arbeitsunfähig geschrieben, immer wieder zwang ihn seine Krankheit zu längeren Aufenthalten in der Psychiatrie. Zwar gelang es ihm irgendwann, die Angstattacken in den Griff zu bekommen. An eine Rückkehr in ein geregeltes Arbeitsleben wagte er aber nicht zu denken: "Ich fühlte mich wertlos." Damit erfüllt er genau die Voraussetzungen, die in der Stellenausschreibung gefordert werden. Das staatliche Zentrum für die Vorbereitung auf das Arbeitsleben (ALF) sucht nach ehemaligen psychiatrischen Patienten. Ihr künftiger Arbeitsplatz: die Psychiatrie.

"Wir wollen psychisch Kranken helfen, wieder ein geregeltes Leben zu führen", sagt Jens Jacob Lund, 50, Leiter des Projekts. Und dazu sollen sie am besten dort arbeiten, wo sie mit der Umgebung bestens vertraut sind. "Mitarbeiter mit Benutzererfahrung" (MB) nennen sich die Kranken, die den Kranken helfen sollen.

Nach einem Einstellungsgespräch bei Lund bekam Nilsen den Job. "Natürlich ist nicht jeder Bewerber geeignet, in der Psychiatrie zu arbeiten", sagt der Pflegeleiter. Um gänzlich verwirrte oder gefährdete Kandidaten herauszufiltern, hat Lund einen Fragebogen entwickelt, in dem die 36 Bewerber genaue Angaben zu ihrer Person und Krankheitsgeschichte machen mussten ("Wie erleben Sie Ihre psychische Gesundheit? Nehmen Sie Angebote in der Psychiatrie in Anspruch?")

Im Einstellungsgespräch wurden die Bewerber noch einmal unter die Lupe genommen, schließlich fanden sich zwölf Frauen und drei Männer, die jetzt in einem neunmonatigen Kurs zu Helfern ausgebildet werden. Die meisten der Teilnehmer brachten sogar entweder eine Ausbildung im Gesundheitswesen oder Arbeitserfahrung in der Branche mit. "Solche Menschen haben wir natürlich bevorzugt", sagt Lund.

Idee kommt aus den USA

Doch bevor die neuen Mitarbeiter auf die Patienten losgelassen werden, muss Krankheitslehre gepaukt werden: Im Klassenzimmer lernt Nilsen mit seinen neuen Kollegen, wie er die verschiedenen Formen psychischer Krankheiten unterscheiden kann, wie er mit seinen Erfahrungen umgeht und wie er gegenüber Patienten auftreten sollte.

"Natürlich sind die MB-Teilnehmer keine ausgebildeten Therapeuten, das machen wir ihnen auch klar. Aber sie können zwischen Pflegern und Ärzten auf der einen Seite und Patienten auf der anderen Seite vermitteln", sagt Lund.

Das in Norwegen einzigartige Projekt soll nur der Anfang einer breitangelegten Ausweitung des MB-Konzepts sein. Ein Kurs beginnt im Herbst in Bærum bei Oslo, geplant ist ein weiterer im nordnorwegischen Bodø.

Die Idee übernahmen die Skandinavier aus den USA und Großbritannien. Im dänischen Århus testen Psychiater dieselbe Idee – mit guten Erfahrungen: Dort arbeiten bereits 50 MB-Teilnehmer in der Psychiatrie. Mit dem ambitionierten Vorhaben will Lund vor allem die ehemaligen und häufig stigmatisierten Patienten wieder ins Arbeitsleben integrieren.

Auch Hilfe für Süchtige

Die Erfahrungen der MB-Teilnehmer können, wenn es gut läuft, den Pflegern und Therapeuten neue Impulse geben. Die scheinen damit einverstanden zu sein, auf Widerstand ist Lund bislang kaum gestoßen: "Zwei Ärzte haben sich skeptisch geäußert, ansonsten sind alle begeistert." Die ALF-Leute vermitteln im Übrigen nicht nur psychisch Kranken einen neuen Job. Rund 260 Drogensüchtige und Alkoholkranke bekommen bei der Einrichtung ebenfalls eine Chance auf einen Arbeitsplatz – und wenn es nur ein Halbtagsjob im Supermarkt ist.

Besonders begehrt unter den Süchtigen aber sind Arbeitsplätze in der Suchttherapie. "Bei ihnen ist es seit Jahren gang und gäbe, dass ehemalige Kranke den akut Abhängigen zur Seite stehen", sagt Lund. "Jetzt fangen wir eben auch in der Psychiatrie damit an." Zwar ist das Bergener Projekt auf ein Jahr befristet, doch ist Lund guter Hoffnung, dass die ersten ausgebildeten MB-Teilnehmer im Januar ihren ersten Job antreten können: in der Psychiatrie selbst oder als Co-Betreuer in Wohngemeinschaften und Tagesaufenthaltsstätten. Dort werden sie mit den Kranken kochen lernen, zusammen zum Arzt oder in die Therapie gehen, gemeinsam einkaufen, putzen oder das Führen einer Haushaltskasse üben.

"Wir möchten auch dazu beitragen, die Trennung zwischen 'krank' und 'gesund' aufzuheben", sagt Lund.Das würde auch den künftigen Psychiatrie-Helfer Nilsen freuen: "Ich bin vielleicht nicht ganz gesund, aber bestimmt nicht mehr ganz krank. Und daher kann ich den Leuten hier gut helfen."

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